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Interview Thomas Kliche
„Durch Selbstgefälligkeit kann man ganz schnell ganz tief fallen“

Berlin. Der Magdeburger Politikpsychologe empfindet das deutsche WM-Aus als „Blamage“ – die hausgemacht ist. Die große Koalition warnt er vor Parallelen.  Von Hagen Strauss

Das WM-Aus der Nationalmannschaft ist eng mit der Stimmung im Land verbunden, sagt Thomas Kliche, Politikpsychologe der Hochschule Magdeburg-Stendal. Die Blamage zeige, was man bei Gruppenaufgaben vermeiden müsse.


Herr Kliche, passt das WM-Aus der Nationalmannschaft zur Stimmung im Land?

KLICHE Ja. Es erinnert uns an eine bittere Lebenswahrheit, die viele ausblenden wollen: Man kann durch Selbstgefälligkeit ganz schnell ganz tief fallen. Das war schaumgebremstes Spiel in Schonhaltung, in Zeitlupe. Die Blamage ist die wohlverdiente Strafe für eine miese, grotesk überbezahlte Leistung. Wir sehen, was wir bei Gruppenaufgaben vermeiden müssen: eingebildete Größe, Bequemlichkeit und daraus folgend schlechte Arbeit und kurzfristiges Herumtaktieren.



Sehen Sie auch Parallelen zwischen Jogi Löw und Angela Merkel?

KLICHE Oberflächlich gesehen, sollen beide eine Leistungsgruppe steuern und zu einer Gemeinschaft verschmelzen, die für uns Zuschauer etwas leistet und ein gutes Gefühl verschafft. Aber die Spiele sind doch sehr unterschiedlich.

Inwiefern?

KLICHE Im Sport gibt es klare Leistungsziele, nämlich Tore, überschaubare Spielfelder, Regeln für Fairness und die Schiedsrichter als Wächter. Das findet sich vielleicht noch in manchen Talk-Shows, aber die Moderatoren sind ja selbst schon von Schiedsrichtern zu Spielern geworden, zu recht eitlen übrigens. Politik ist wie eine Mischung aus Fußball, Schach, Poker, Kickboxen, Jura-Grundstudium und Laufsteg – aber alles ohne Schiedsrichter, und die Spieler müssen auch noch die Spielfelder selbst bestimmen, immer lächeln und Haltung bewahren.

Aber weder die Politik noch der Fußball können ohne Leidenschaft funktionieren, oder?

KLICHE Zumindest beobachten wir eine neue Gefühlspolitik, wie bei den Trump- oder Brexit-Wählern, aber ohne Leidenschaft. In Deutschland lässt sich bei vielen Menschen weggedrückte Angst feststellen, sodann unklare Lösungswünsche an die Politik, verbunden mit Wut auf deren Grenzen und Schwächen, weiter Träume von einer guten alten Heimatzeit, und bei manchen auch Gruppenüberheblichkeit und sogar genussvoller Hass. Gute Politik braucht aber eine anhaltende, moralisch gespeiste Leidenschaft: Handlungsbereitschaft für hohe Werte, Vernunft und eine menschliche Gesellschaft.

Wird in Deutschland nicht auch zu viel gemeckert? Die Bundesrepublik steht doch gut da.

KLICHE Nein, und das spüren die Menschen. Die Wirtschaft läuft gut. Aber wir alle haben die Erdstöße gespürt – Flüchtlinge, Plastikinseln im Meer, Gift im Grundwasser, schmelzende Polkappen, Extremwetter, überschuldete Staaten, gierige Banken, Kinderarmut, autoritäre und aggressive Regierungen weltweit, manipulative Datenkonzerne, die nicht mal Steuern zahlen. Wir müssen Zukunft langfristig gestalten, so lange wir noch den Spielraum haben. Dafür war unsere Gesellschaft bislang zu bequem.

Das Interview führte Hagen Strauß.