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Dürfen "Negerlein" noch "Negerlein" heißen?

"Es ging spazieren vor dem Tor ein kohlpechrabenschwarzer Mohr", so steht es im "Struwwelpeter". Muss auch dieser Klassiker umgeschrieben werden? Foto: Interfoto
"Es ging spazieren vor dem Tor ein kohlpechrabenschwarzer Mohr", so steht es im "Struwwelpeter". Muss auch dieser Klassiker umgeschrieben werden? Foto: Interfoto
Berlin Von Hagen Strauß (SZ) und Wenke Böhm (dpa)

Berlin. Dürfen die "Zehn kleinen Negerlein" noch "Negerlein" heißen? Darf die Hexe Hänsel und Gretel kreischend im Ofen verbrennen? Sind die 200 Jahre alten Märchen der Gebrüder Grimm generell viel zu gewalttätig? Oder müssen Kinder und Eltern die veraltete, heute oft politisch nicht mehr korrekte Wortwahl und Handlung klassischer Jugendliteratur aushalten? Das Thema hat jetzt auch den Bundestag erreicht, nachdem kürzlich Familienministerin Kristina Schröder (CDU) bekannte, sie würde heikle Kinderbuchpassagen schon beim Vorlesen entschärfen. Die FDP und die Linke fordern nun, dass sich der Kulturausschuss des Parlaments mit dem Thema beschäftigt.



Einzelne Verlage wollen strittige Wörter in Kinderbüchern glätten, oder sie haben es bereits getan. Das trifft im Bundestag auf viel Unverständnis. Auch wenn in einigen klassischen Geschichten und Märchen Gewalt verherrlicht, Minderheiten diskriminiert und Vorurteile aufgebaut würden, so der kulturpolitische Sprecher der Union, Jens Börnsen (CDU), "ist es trotzdem nicht angebracht, Nachbesserungen vorzunehmen, damit sie unserem Zeitgeist entsprechen". Außerdem, so Börnsen, seien Gewalt verherrlichende Computerspiele und Filme viel schädlicher.

Trotzdem sind viele Märchen starker Tobak für junge Gemüter, es wird gefoltert, gemordet, vergiftet, in Wäldern ausgesetzt. FDP-Experte Burkhardt Müller-Sönksen wünscht sich daher, dass Eltern "pädagogisch motivierte Gespräche" führen, "anstatt politisch korrekte und historisch zensierte Kinderbücher auszuwählen". Trotzdem befürworte er eine Debatte darüber im zuständigen Kulturausschuss des Bundestages. Die ehemalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), die jetzt Mitglied des Gremiums ist, sagt: "Die Texte sind authentisch, so wie sie in der damaligen Zeit waren. Wir fangen ja auch nicht an, Goethe oder Schiller umzuschreiben." Außerdem könne man problematische Begriffe beim Vorlesen erklären.

Einheitlich ist die Meinung unter den Kulturpolitikern jedoch nicht. So betont die Grüne Agnes Krumwiede, sie sei dafür, dass Kinderbücher "neu übersetzt oder sprachlich überarbeitet werden". Durch eine neuere Sprache bekämen Kinder auch einen besseren Zugang zu den Geschichten über "Tom Sawyer", "Pippi Langstrumpf" oder "Die kleine Hexe". Demgegenüber erinnert sich die Linke Luc Jochimsen an ihre eigene Dissertation: Ihre Arbeit habe 1961 den Titel getragen "Zigeuner heute". Damals sei das Wort "Zigeuner" kein kritisierter Begriff gewesen und von jedem benutzt worden, so Jochimsen. "Ich würde diesen Titel nie umformulieren."

Die Verlage indes verteidigen ihre Haltung. So etwa Klaus Willberg vom Stuttgarter Thienemann Verlag, der unter anderem die Kinderbücher von Otfried Preußler ("Die kleine Hexe") auflegt. "Uns geht es nicht um Political Correctness. Es geht darum, Begriffe auszutauschen, die Kinder heute nicht mehr verstehen", sagt Verleger Klaus Willberg zur Ankündigung seines Verlags, die Klassiker zu überarbeiten. Auch "Schuhe wichsen" etwa sei Kindern heute nicht mehr geläufig. Um das Werk von einer Generation zur nächsten zu transportieren, müsse es sprachlich angepasst werden. Das gelte eben auch für kritische Bezeichnungen wie Neger.



Anlass für die sprachliche Politur ist die kolorierte Neuauflage von drei Preußler-Klassikern zum bevorstehenden 90. Geburtstag des Autors. Ein Vater hatte sich zuvor beklagt, dass seine dunkelhäutige Tochter einen so beleidigenden Begriff in einem ihrer Lieblingsbücher lesen müsse. Familie Preußler stimmte daraufhin den Änderungen zu. Früher habe sie das immer strikt abgelehnt, betont Willberg. Er selbst habe eine farbige Adoptivtochter, sagt der Verleger. "Deshalb bin ich da schon etwas sensibel."

Die Diskussion ist eigentlich nicht neu. Bereits 2009 hatte der Hamburger Oetinger-Verlag aus Pippi Langstrumpfs Vater einen "Südseekönig" statt eines "Negerkönig" gemacht. "Wir fangen ja

auch nicht an,

Goethe oder Schiller umzuschreiben."

Brigitte Zypries,

ehemalige Justizministerin

"Es ging spazieren vor dem Tor ein kohlpechrabenschwarzer Mohr", so steht es im "Struwwelpeter". Muss auch dieser Klassiker umgeschrieben werden? Foto: Interfoto
"Es ging spazieren vor dem Tor ein kohlpechrabenschwarzer Mohr", so steht es im "Struwwelpeter". Muss auch dieser Klassiker umgeschrieben werden? Foto: Interfoto