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Dreikäsehoch mit Netzanschluss

Berlin. Neben Lego-Steinen liegt in immer mehr Kinderzimmern das Tablet, mit dem schon Dreijährige ihren Weg in die digitale Welt suchen. Viele Eltern beobachten den frühen Netzanschluss mit Faszination – und Sorge. Eine Studie ordnet das Phänomen ein. dpa-Mitarbeiter Werner Herpell

Die Generation Smartphone verblüfft als erste ihre Eltern, und das oft schon im Kleinkindalter. "Es erstaunt mich sehr, wie die mit diesen Dingern umgehen können", sagt eine junge Mutter über die digitale Früh-Reife ihrer drei und fünf Jahre alten Kinder. Die Mutter eines Sechsjährigen wundert sich: "Wischen ist heutzutage wohl angeboren" - also das flotte Steuern auf einem Touchscreen.

Diese und viele andere anonym festgehaltenen Eindrücke amüsierter, irritierter, auch besorgter Eltern finden sich in der 150-seitigen U9-Studie "Kinder in der digitalen Welt", die Familienministerin Manuela Schwesig gestern vorgestellt hat. Darin weisen das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) und das Sozialforschungsinstitut Sinus nach, wie stark das Internet längst in die Kinder- und Spielzimmer von Drei- bis Achtjährigen in Deutschland vorgedrungen ist.

Bei Achtjährigen sind Spielen und Lernen am Rechner schon mehrheitlich eine Selbstverständlichkeit. Mehr als die Hälfte von ihnen (55 Prozent) ist der Studie zufolge regelmäßig im Internet. Von den Sechsjährigen geht fast ein Drittel ins Netz (28 Prozent) und bei den Dreijährigen ist es schon jedes zehnte Kind (11 Prozent).
65 Prozent der Eltern sind überzeugt, dass ihre Sprösslinge digitale Kompetenz erwerben müssen - "um nicht von der Gesellschaft abgehängt zu werden", wie Schwesig, selbst Mutter eines Achtjährigen, sagt. Dabei schwanken die Eltern dieser "Digital Natives" zwischen Faszination, Gelassenheit, Vorsicht und Abwehrreflexen. Für zwei Drittel der Mütter und Väter sei ein Internet-Verbot "Mittel der Wahl", ohne dass dies natürlich komplett kontrollierbar sei, sagt Sinus-Direktorin Silke Borgstedt. Entscheidend dafür, ob Kinder im Netz unterwegs sein dürfen, sei die Nähe der Eltern zur "digitalen Lebenswelt", also ihre persönliche Einstellung zum Internet. Wichtig für die Kinder sei der Schutz vor Gefahren wie Cybermobbing oder sexueller Belästigung, "ohne ständig beaufsichtigt zu werden bei jedem Klick", sagt die Wissenschaftliche DIVSI-Leiterin Joanna Schmölz.

Schwesig empfiehlt dazu beispielsweise spezielle Kinder-Suchmaschinen - und feste Regeln für den Internet-Konsum in der Familie. Freilich lasse mit zunehmendem Alter der Kinder die Möglichkeit der Steuerung nach, räumt die Ministerin ein.

"Digitale Teilhabe wird zur sozialen Teilhabe", fasst Schmölz eines der Ergebnisse ihrer Studie zusammen. Allerdings entscheide kaum noch der Geldbeutel der Eltern darüber, ob Kinder technischen Zugang zu digitalen Medien und Internet haben. Bei geringem Verdienst würden nicht weniger Geräte angeschafft - soziale Unterschiede zeigten sich anders: "Was früher lediglich die Markenjeans und die Sneakers mit der richtigen Anzahl an Streifen waren, wird heute ergänzt um die jeweils aktuellste Smartphone-Version mit der richtigen Ziffer am Ende der Produktbezeichnung." Hinzu kommt, dass schon kleine Kinder von Eltern mit geringerer Bildung am Computer eher auf Unterhaltung aus sind. Und je bescheidener der elterliche Bildungshintergrund ist, desto weniger engagieren sich Väter und Mütter, um ihre Kinder aktiv in die digitale Welt zu begleiten.

Auch deswegen sieht die stellvertretende Unions-Fraktionschefin Nadine Schön noch einigen Nachholbedarf. "Es ist das Recht, aber auch die Pflicht der Eltern, ihre Kinder im digitalen Zeitalter an die Hand zu nehmen. Was noch etwas fehlt, sind gute Schulungsmaßnahmen für diese Eltern", sagt die saarländische CDU-Expertin für Familienpolitik und Digitale Agenda. "Denn viele kapitulieren sehr schnell, wenn sie merken, dass ihre Kinder viel fitter sind am PC und im Internet.

Die 32-jährige Mutter eines erst sieben Monate alten Sohnes dürfte die Digitalisierung im Kinderzimmer schon in wenigen Jahren selbst kennenlernen. Auch ein Computerverbot will sie nicht ausschließen, falls ihr Theo etwas ausgefressen hat: "Meine Eltern haben mir früher ja auch Leseverbot gegeben, das war die Höchststrafe und hat ganz gut gewirkt", sagt Nadine Schön lachend.

"Das Netz ist kein Spielplatz für Kinder"


Im Web lauern viele Gefahren, warnt Armin Weinberger. Der Saarbrücker Professor für Bildungstechnologie rät Kindern, trotzdem nicht die Finger vom Netz zu lassen. Warum, erklärt er SZ-Redakteur Pascal Becher.

Herr Weinberger, noch in der Kita, aber schon online. Ist diese Kombination nicht gefährlich?

Weinberger: Durchaus. Das Netz ist kein Kinderspielplatz. Jungs und Mädchen in dem Alter glauben noch an Monster. Viele Inhalte im Netz sind deshalb schlicht ungeeignet.

Also lieber Finger weg vom Netz.

Weinberger: Auch das nicht. Man darf das Internet nicht dämonisieren. Es bietet uns sehr viel Lebensqualität und Bildungschancen. Aber es birgt eben auch viele Gefahren. Und deshalb ist es wichtig, dass Eltern ihren Kindern am PC über die Schultern schauen und sich dafür interessieren, was sie online machen.

Dennoch sagen Sie, Kinder und Internet - das passt schon.

Weinberger: Kinder müssen lernen, mit dem Internet umzugehen. Es ist Teil des Lebens. Es gibt auch für diese Altersgruppen sinnvolle Anwendungen. Wir haben eine App für Grundschüler entwickelt, die ihnen spielend proportionales Denken beibringt. Das fördert frühes Mathematikverständnis. Man denke auch an interaktive Kinderbücher .

Ist es nicht auch ein Vorteil, heute ein ‚Digital native' zu sein?

Weinberger: Digital natives sind - laut Studien - ein Mythos. Erwachsene können demnach viel besser mit dem Internet umgehen. Kinder sind nur unbefangener, haben aber nicht mehr Kenntnisse. Eine Hoffnung, die mit dem Internet einherging, muss man leider aufgeben, nämlich dass das Internet zu mehr Bildungsgleichheit führt. Kinder aus bildungsnahen Schichten nutzen das Netz mehr konstruktiv - zur Informationsrecherche. Wo hingegen Kinder aus bildungsfernen Familien das Internet eher passiv nutzen, also beispielsweise Youtube-Videos schauen. Dadurch werden Bildungsdifferenzen eher verstärkt.

Zum Thema:

Experten haben an Regierungen und Institutionen appelliert, Veränderungen der digitalen Kommunikation ernster zu nehmen. Laut BBC-Moderator Nik Gowing nimmt die Öffentlichkeit bislang nur ein Minimum dieser Veränderungen wahr. "Diplomatie und Politik glauben, dass ihre Macht unverändert erhalten geblieben ist", sagte er gestern der Deutschen Welle. In manchen Bereichen hätten Guerilla-Kämpfer bereits mehr Einfluss als traditionelle Institutionen. Zudem gebe es eine große Unsicherheit im Umgang mit Sozialen Medien, warnt Dunja Mijatovic von der OSZE . Blogger würden zu Staatsfeinden, sogenannte Trolle attackierten gezielt die Social-Media-Accounts von Medien- und Regierungsvertretern. kna