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Don Juans letzter Wille

Endlich vereint: Sonia Serrano und Carlos Moreno vor ein paar Tagen in der Saarbrücker Innenstadt.
Endlich vereint: Sonia Serrano und Carlos Moreno vor ein paar Tagen in der Saarbrücker Innenstadt. FOTO: Rich Serra
Saarbrücken. Der Bolivianer Carlos Moreno lebt seit fast 40 Jahren im Saarland. Vor einigen Tagen hat er seine Stiefschwester Sonia zum ersten Mal gesehen. Warum sie über sechs Jahrzehnte gebraucht haben, um sich kennenzulernen, verstehen beide selbst nicht. Fatima Abbas

Seit elf Jahren weiß Carlos, dass Sonia existiert. Doch erst jetzt, nach mehr als 60 Jahren, sitzen sich die beiden Halbgeschwister gegenüber. Im Saarbrücker Kulturcafé. Die Sonne scheint. Sie trinken Kaffee . Wie oft sie schon miteinander Kaffee getrunken haben, können sie jetzt noch an den Händen abzählen. An Händen, die nicht still stehen und immer wieder die Nähe des anderen suchen. "Ich hatte ihn mir jünger vorgestellt", sagt Sonia und wirft ihrem Stiefbruder einen verschmitzten Blick zu. "Jünger? Was soll denn das heißen?", antwortet Carlos und lacht. Der 72-Jährige weiß gar nicht, wo er anfangen soll: "Es gibt so vieles zu erzählen und so wenig Zeit." Knapp eine Woche. So lange ist Sonia mit ihrem Mann Felipe im Saarland. Die gebürtige Bolivianerin lebt eigentlich in Madrid.


In Deutschland war sie schon mehrfach. Doch nach Saarbrücken hatte es sie zuvor nie verschlagen. "Eine sichere, ruhige und heimelige Stadt", findet die 63-Jährige. So einen positiven Eindruck hat Carlos nicht, als er 1973 an die Saar zieht. "Es war alles so dreckig. Und der Gestank!" Carlos, dessen Eltern aus Bolivien stammen, wächst in Chile auf. Er verlässt das Land 1970 inmitten politischer Unruhen. Mit einem Stipendium in der Tasche bricht der Musiker auf, eigentlich will er nur ein paar Jahre im Ausland bleiben. Daraus wurden bislang 46.

Er zieht an den Rhein, nimmt Geigenunterricht. Nach drei Jahren beginnt er selbst zu unterrichten, bekommt Lehraufträge. Sein Stipendium läuft aus, die Behörden drängen ihn, Deutschland zu verlassen. Doch er weigert sich, zurück in sein Land zu gehen, wo Pinochet die Macht an sich gerissen hat. Carlos schreibt Bewerbungen, und er hat Glück: Das damalige Rundfunk-Sinfonieorchester nimmt ihn in Saarbrücken unter Vertrag. "Ich wollte eigentlich zum Bayerischen Rundfunk. Ich habe drei Jahre gebraucht, um mich mit Saarbrücken anzufreunden."

Anfreunden möchte er sich nun auch mit seiner Schwester. Jetzt, da sie sich nach so vielen Jahren gegenübersitzen, ist ihr gemeinsamer Vater ihr großes Gesprächsthema. "Er war ein Don Juan" oder "Ganz Bolivien wusste, dass er ein Schürzenjäger war" sind die Sätze, mit denen die beiden ihren 2004 verstorbenen Vater beschreiben. Von insgesamt vier Halbgeschwistern wissen sie. Es könnten auch noch mehr sein: "Wenn du Kind eines Soldaten bist, dann weißt du nie, wie viele Geschwister du hast." Der Vater, ein angesehener Offizier, verlässt die Familie, als Sonia noch ein Kind ist. Carlos lernt ihn erst mit 14 Jahren kennen. Sie pflegen lange ein nahezu freundschaftliches Verhältnis, sehen sich immer wieder. Sonia sieht ihren Vater nicht. Doch er schickt ihr während des Studiums in Madrid Geld. Und Briefe . Viele Briefe . "Ich habe mich an seine Abwesenheit gewöhnt. Heute empfinde ich weder Hass noch Liebe", sagt Sonia. Carlos schwankt zwischen kritischen Tönen und Bewunderung: "Er war ein Teufel. Ein Lebemann. Er war sehr lustig, aber ihm hat Tiefgang gefehlt." Auf Carlos wiederum würde, wie er sich selbst eingesteht, der Satz "Wie der Vater, so der Sohn" gut passen. Seit einem Jahr ist der 72-Jährige wieder Single. Doch er war zweimal verheiratet, hat drei Kinder von drei Frauen.

Warum hat es so lange gedauert, bis sich die Geschwister getroffen haben? Sonia hat bereits vor elf Jahren über ihre Halbschwester María Eugenia von Carlos erfahren. Sie schicken sich E-Mails, die jedoch nie ankommen. Neun Jahre lang bewegt sich nichts. Dann mischt sich 2014 María Eugenias Sohn ein. Er kontaktiert beide und lässt nicht locker, bis Carlos seine Schwester schließlich zwei Jahre später am Frankfurter Flughaben abholt, um mit ihr nach Saarbrücken zu fahren. Nach wenigen gemeinsamen Tagen ziehen sie eine erste Bilanz: "Sie ist liebevoll und kann sich sehr gut ausdrücken", sagt Carlos. "Er ist mit seiner Musik verheiratet", witzelt Sonia.



Sie wollen sich wiedersehen. Das steht für beide fest. An Weihnachten oder im Frühjahr will Carlos nach Madrid reisen. "Wir kennen uns noch nicht gut genug", findet er. Doch sie hätten die Zeit im Saarland gut genutzt, einen Tag waren sie auch in Trier, im Karl-Marx-Haus. Doch nicht immer ging es harmonisch zu. "Sie ist bodenständig und pragmatisch. Ich bin zerstreut und immer woanders", sagt Carlos. Gab es auch Streit? "Ja, über die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Ich bin davon überzeugt, Sonia nicht." Sonia kann sich zwar nicht so recht vorstellen, dass der Vater nun aus dem Jenseits auf seine Kinder herabschaut. Aber sie ist sicher: "Unsere Begegnung war sein letzter Wille."