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Wedel-Skandal
Dieter Wedel oder die Suche nach Komplizen

Regisseur Dieter Wedel
Regisseur Dieter Wedel FOTO: Swen Pförtner / dpa
Saarbrücken. Mehrere Frauen werfen dem Regisseur sexuelle Übergriffe und Schikane vor. Auch eine SR-Produktion in den 80er Jahren war betroffen. Der Saarländische Rundfunk beweist Mut zur Aufklärung. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

„Der Schattenmann“ übertitelte gestern „Die Zeit“ einen dreiseitigen Bericht über einen sexuell übersteuerten Macht-Menschen. Bei einer versuchten Vergewaltigung soll er auch schon mal so heftig zugelangt haben, dass der Orthopäde beim Opfer eine schwere Halswirbelverletzung und Arbeitsunfähigkeit attestierte, bei einer anderen schwangeren Frau führte das Bedrängen dieser Darstellung zufolge zu einem Nervenzusammenbruch und wohl auch dazu,  dass sie ihr  Kind verlor.


So Detailliertes und Drastisches las man bisher nie in der deutschen  #metoo-Debatte. Deren Gesicht ist das der Fernsehlegende Dieter Wedel (75), der just unter dem Titel „Der Schattenmann“ 1996 einen Thriller herausbrachte. Und dessen Fall nun selbst einen derart breiten Schatten wirft, dass er das öffentlich-rechtliche Sender-System erreichen kann. Vorerst nur den Saarländischen Rundfunk (SR). Denn dessen Hausspitze soll in den 80er Jahren über  Wedels Übergriffe am Set der Serie „Bretter, die die Welt bedeuten“ informiert gewesen sein – und reagierte nicht. Duldung und Komplizenschaft? Man ahnt, wohin sich der Diskurs drehen könnte und reagiert auf dem Halberg mit einer „beispielhaften Transparenzoffensive“. Diese Einschätzung kommt vom „Zeit“-Reporter Christian Fuchs.  Wie gestern bereits berichtet, förderten  „Zeit“-Recherchen anwaltliche Schreiben und ärztliche Berichte der Schauspielerinnen Esther Gemsch und Ute Christensen zu Tage, die deren Vorwürfe gegenüber Wedel, gegen den bereits in einem anderen Fall staatsanwaltlich ermittelt wird, zu belegen scheinen. Dies war nur dank der Mithilfe des SR möglich, der seine Archive öffnete. „Wir wussten schon, dass wir die Pfeile auf uns richten“, so SR-Intendant Thomas Kleist gestern auf SZ-Anfrage. „Aber wir sehen uns moralisch in der Pflicht, und wollen uns nicht mitschuldig machen, ein altes System zu stützen, sondern wir wollen ein neues System befördern.“

Kleist appelliert an die Chefs aller Sendeanstalten, ebenfalls ihre Archive zugänglich zu machen. Auch regt er eine „Clearingstelle“ innerhalb der ARD an, die dafür sorgen soll, dass die Sender „mit klaren Spielregeln“ untereinander Informationen über angebliche sexuelle Übergriffe oder Mobbing weitergeben dürfen. Hätte es damals diese Art Schutzmechanismus schon gegeben, wäre „Der große Bellheim“ (ZDF) womöglich nicht gedreht worden, meint Kleist. Sprich: Die Sender hätten Wedel wohl kaum mehr beschäftigt. Wobei Kleist vor einer „Vorverurteilung“ warnt. Er selbst hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die sich mit den Vorgängen von 1981 beschäftigt. Derzeit suche man nach Zeitzeugen, so Kleist. Denn kein Einziger, der damals beim SR mit der Produktion zu tun gehabt hätte, sei heute noch beim Sender beschäftigt, und die Telefilm Saar, die die Serie produzierte, sei nicht mehr existent.

Fest steht laut Kleist Folgendes: Weil die Kosten der „Bretter“-Produktion aus dem Ruder liefen – schließlich musste die Hauptrolle neu gecastet und das Drehbuch umgeschrieben werden – habe der damalige Intendant Hubert Rohde (heute 88) das Ganze der Zentralrevision übergeben. Mit hoher  Wahrscheinlichkeit habe der SR-Chef damals den Abschlussbericht gelesen, so Kleist, jedoch habe man dessen Unterschrift auf dem Bericht nicht gefunden. Kleist hält die Zeiten für beendet, da ein einzelner Mann bei einer Produktion derart viele Aufgaben und dadurch fast absolute Macht über alle anderen hatte. Wedel habe bei der „Bretter“-Produktion am Drehbuch mitgearbeitet, sei Regisseur und Mitproduzent gewesen. Er habe auch allein gecastet. „Das wäre heute nicht mehr möglich.“

Wirklich nicht? Just dieser Tage versammelt sich die Jungfilmer-Szene in Saarbrücken beim Max-Ophüls-Preis. Doch es ist nahezu unmöglich, mit Nachwuchs-Regisseurinnen über die #metoo-Debatte ins Gespräch zu kommen. Sinngemäß hört man Folgendes: Als Filmemacher habe man das Gefühl, man springe da auf was auf, dabei solle doch der eigene Film im Vordergrund stehen. Allgemein wird die Aufarbeitung begrüßt, manche hält das Ganze jedoch für ein Generationenproblem. Die aktuelle Lage sei anders. Keine Frau aus dem eigenen Berufsumfeld habe sich jemals über sexuelle Belästigung geäußert. Alles nur eine Frage der Vergangenheitsbewältigung?



Für Wedel, der alles bestreitet, ist es ein grausames Hier und Jetzt. Er trat als Festspielintendant in Bad Hersfeld zurück, liegt wegen Herzattacken im Krankenhaus. Langjährige Mitarbeiter, die nicht genannt werden wollen, erklären der SZ, man habe niemals etwas Übergriffiges beobachtet. Für das Team sei das von den Frauen Geschilderte „unvorstellbar“, Wedel sei einfach nur ein sehr strapaziöser Chef, der am Set stets Höchstleistung verlange. Auch ehemalige Lebensgefährtinnen sprangen Wedel jetzt bei: die Schauspielerin Ingrid Steeger und die Ex-Tagesschau-Moderatorin Dagmar Berghoff. Wedel habe es nicht nötig gehabt, Frauen zum Sex zu zwingen, sagen sie. Im Gegenteil, manche Darstellerin habe sich ihm aufgedrängt. Also gibt es doch noch Licht beim Schattenmann?