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Pogromnacht von 1938
„Diese Nacht veränderte mein Leben“

Der Regen peitscht laut ans Fenster seiner kleinen Erdgeschosswohnung. Doch Walter Löb blickt unbeirrt hinter seinem Vorhang hervor, mit zusammengekniffenen Augenbrauen – schaut ins Leere. Von Pascal Becher
Pascal Becher

An ihm huschen Fußgänger mit Regenschirmen vorbei, ohne den Mann mit den weißen Haaren wahrzunehmen. Auch der 85-Jährige ist zu sehr in seine Gedanken vertieft. "Damals war das Wetter schöner", sagt er und lächelt etwas. "Ich hatte viel Glück in meinem Leben." Sein trauriger Blick verrät das Gegenteil. Denn mit "damals" meint der Rentner aus Roden den 9. November 1938. Also den Tag, an dem die Nationalsozialisten zur Hetzjagd auf Juden im gesamten Deutschen Reich aufriefen, Partei- und SA-Männer jüdische Synagogen und Geschäfte abfackelten - und tausende Menschen wegen ihres Glaubens in Konzentrationslager steckten: die Reichspogromnacht.

"Die Gräueltaten der Nacht hatte ich mir nicht ausmalen können", sagt Löb heute. Nichts deutete darauf hin. Es sei vielmehr ein ganz normaler November-Tag gewesen, für ihn, das älteste von sechs Kindern des jüdischen Bauarbeiters Albert und der katholischen Hausfrau Barbara. Also kein wirklich guter Tag. "Ich galt ja als Halbjude. Das war nicht einfach", sagt der 85-Jährige. Denn Halbjude sein kam einem täglichen Spießrutenlauf gleich. "Drecksjude war noch das Harmloseste, was die Leute zu mir sagten." Schmerzhaft war besonders, dass diese Rufe auch von ehemaligen Freunden kamen, die nun in Nazi-Uniformen steckten und sich ihm überlegen fühlten. "Ich musste meinen Groll runterschlucken. Sonst hätte mir Schlimmeres gedroht."

Um halb zwei nachts schlugen sie dann an die Fensterläden: Drei Männer in SA-Uniformen standen vor dem Haus und donnerten mit ihren Stiefeln gegen die Eingangstür. "Wo ist der Stinkejude?", brüllten sie durch die Nacht. Sie zerrten Albert Löb aus dem Haus, auf die Schwarzochsenstraße, die mitten im Zentrum Saarlauterns, wie Saarlouis damals hieß, war. "Mit Fußtritten trieben sie meinen Vater wie ein Tier durch die Straßen, hin zum Schlachthof auf den Viehmarkt-Platz." Walter schlich ihnen hinterher.

Die Polizei hatte das Gelände weit abgeriegelt mit Zäunen. "Ich sah trotzdem die Angst in den Augen meines Vaters und der anderen Männer. Aber ich konnte ja nichts machen. Sonst hätten sie auch mich geschnappt." Im Laufe der Nacht wurden immer mehr Juden auf dem Platz eingepfercht, manche sogar schwer blutend, misshandelt von Hitlers Helfern. Oft waren das gute Bekannte der Gefangenen, wie bei Albert Löb. Einer seiner Peiniger war ein Mann, mit dem er zwei Tage zuvor noch Karten gespielt hatte.

In der Morgendämmerung füllte sich der Platz mit Schaulustigen. "Schlagt sie tot!", riefen sie. Und: "Hängt sie auf!" Meist waren es Jugendliche. Um halb neun wurden die Gefangenen auf Lastwagen "wie Vieh verladen". Erst wurden sie nach Saarbrücken geschafft und dann nach Dachau, ins Konzentrationslager. Albert Löb war einer von etwa 11 000 Juden, die nach der Novembernacht dorthin verschleppt wurden.

"Ich ging fassungslos nach Hause" - vorbei an zerschlagenen Fensterscheiben und geplünderten Läden von Juden aus Saarlouis. Im Haus der Familie saßen alle stundenlang zusammen, voller Furcht, was jetzt noch passieren könnte. Walters Mutter fasste sich als Erste wieder: "Wir müssen weitermachen", habe sie ihnen gesagt. Sie weinte nicht mal, "es bringt ja nichts".

"Diese Nacht veränderte mein Leben", sagt Löb. Der Kampf ums Überleben bestimmte den Alltag der Familie. Einerseits, weil die Löbs viel zu wenig Geld hatten: lediglich 80 Reichsmark monatlich vom Wohlfahrtsamt und das, was die Mutter durch Putzen dazuverdienen konnte. "Das reichte nie." Und dann gab es noch die Nazis. Die nun schlimmer als jemals zuvor gegen alles Nicht-Arische und "Lebensunwerte" wüteten.

Und diesen Kampf verlor die Familie ein ums andere Mal. Das erste Opfer war Walters kleiner Bruder Albert. Er starb 1939 an Keuchhusten und einer Lungenentzündung, mit nur 18 Monaten. Er sei zu spät behandelt worden, sagt Löb heute, der in der Todesnacht mehrfach einen Saarlouiser Arzt aufgesucht hatte. "Er ließ sich immer verleugnen. Ich erfuhr später, dass er mit seiner Geliebten zu Hause war." Die Gestapo habe von ihm verlangt, alle Nicht-Arier nicht zu behandeln, soll der Mediziner Jahre später erklärt haben. Hilflos musste die Familie auch 1942 zuschauen, als die Nazis Walters kleine Schwester Marlies in ein Heim einwiesen. "Sie hatte Wachstumsstörungen und lispelte. Sie war aber ansonsten vollkommen gesund." Allerdings nicht gesund genug für Hitler-Deutschland. Die Nazis brachten die damals Zehnjährige 1943 im hessischen Hadamar, einem Euthanasie-Zentrum, um.

"Da war ich schon im französischen Widerstand", sagt der 85-Jährige. Es sei seine einzige Chance gewesen, zu überleben, als Halbjude in Deutschland. Eine Arbeit bekam er ja nicht. Für die Anti-Hitler-Bewegung machte er Botengänge und übermittelte Nachrichten in Lothringen und dem Elsass. "Ich hatte ständig Angst davor, erwischt zu werden", sagt Löb. Doch er entkam der Gestapo und der Hitlerjugend ein ums andere Mal. Bis sie ihn am Ende seiner Flucht durch Deutschland, 1944, doch fürs Militär zwangsrekrutierten - auch Walter Löb sollte in den letzten sinnlosen Versuchen, den Kampf für Deutschland zu gewinnen, verheizt werden. Die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges erlebte er in britischer Gefangenschaft.

"Ich ging zurück zu meiner Familie - zurück nach Saarlouis", sagt Löb. Glücklich wirkt er nicht, als er die Worte sagt. Der 85-Jährige weicht vielmehr den Blicken aus, schaut wieder aus dem Fenster hinaus. "Auch mein Vater kehrte Jahre später heim - aus dem Exil in Shanghai. Er erkannte mich nicht mehr." Fast zehn Jahre war die Familie getrennt. Walter Löb hatte viele Fragen an seinen Vater, dessen Zeit im Exil und im Konzentrationslager Dachau. Doch er kannte stets nur eine Antwort darauf: "Lass mich in Ruhe!"


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HintergrundDie Bilanz der Reichspogromnacht im Saarland ist verheerend. Adolf Hitlers Helfer wüteten nicht nur in Saarlouis gegen die jüdische Bevölkerung, sondern in mindestens 30 Orten des Landes, so das Adolf-Bender-Zentrum in seiner aktuellen Ausstellung, die derzeit im St. Ingberter Rathaus gezeigt wird. Die Nazis verwüsteten "oft unter dem Beifall der Bevölkerung" Synagogen (14) und zerstörten jüdische Friedhöfe (etwa 13). In Dutzenden Gemeinden vernichteten die Nazis Privat- und Geschäftsbesitz der Juden. Wie viele von ihnen misshandelt und verschleppt wurden, sei bis heute noch unklar, sagt der Zentrums-Leiter Willi Portz. Im Gedenken an die schicksalhafte Nacht im November findet unter anderem am Sonntag in der Saarbrücker Synagoge (Lortzingstraße) eine Gedenkfeier statt. Mit dabei sein wird die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer. Wie die 1938 verwüstete Synagoge Saarbrückens (damals Ecke Kaiser-/Futterstraße) ausgesehen hat, zeigt der Maler Alexander Dettmar bis kommenden Freitag im Saarbrücker Rathaus. pbe

 Die Saarbrücker Synagoge wurde von den Nazis ausgeplündert und in Brand gesetzt. Foto: LAndesarchiv
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