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| 20:45 Uhr

3,4 Millionen Flüchtlinge
Die Wut der Türken auf die Syrer wächst

Die riesigen Flüchtlingslager der Türkei – wie hier das Camp in Kilis – sind der Bevölkerung ein Dorn im Auge. Sie fürchten wirtschaftliche und sicherheitspolitische Nachteile für sich, deshalb wächst der Unmut im Staat. Gewaltsame Zusammenstöße häufen sich.
Die riesigen Flüchtlingslager der Türkei – wie hier das Camp in Kilis – sind der Bevölkerung ein Dorn im Auge. Sie fürchten wirtschaftliche und sicherheitspolitische Nachteile für sich, deshalb wächst der Unmut im Staat. Gewaltsame Zusammenstöße häufen sich. FOTO: Uygar Onder Simsek / dpa
Istanbul. 3,4 Millionen Flüchtlinge hat das Land aufgenommen. Präsident Erdogan nutzt den Unmut darüber aus.

Dreimal so viele syrische Flüchtlinge wie ganz Europa hat die Türkei aufgenommen. Doch nun wächst auch bei den Türken der Unmut gegenüber den Zuzüglern. Bei der neuen Militärintervention in Syrien geht es der türkischen Regierung deshalb nicht nur um die Bekämpfung kurdischer Milizionäre in der Gegend um die Stadt Afrin: Präsident Recep Tayyip Erdogan verspricht seinen Wählern, dass der Einmarsch die Rückkehr syrischer Flüchtlinge in ihre Heimat beschleunigen wird.

„Unsere syrischen Brüder werden die Möglichkeit haben, nach Hause zu gehen“, sagte Erdogan vor wenigen Tagen in einer Rede. Damit reagiert der Präsident ein Jahr vor wichtigen Wahlen auf Klagen der Türken über die rund 3,4 Millionen syrischen Flüchtlinge. Zum ersten Mal wird das Flüchtlingsthema auch in der Türkei zu einem Faktor im Wahlkampf.

Seit fast sieben Jahren nimmt das Land eine stetig steigende Zahl syrischer Flüchtlinge auf, die dem Krieg in ihrer Heimat entgehen wollen. International hat das Land für seine Großzügigkeit viel Lob erhalten. Doch jetzt zeigt sich immer stärker, dass die Gastfreundschaft an íhre Grenzen stößt. Offiziell sind die Syrer für die Türkei ohnehin nur Gäste ohne offiziellen Flüchtlingsstatus – Behörden und die türkische Bevölkerung gehen davon aus, dass sie irgendwann wieder gehen. „Die Türken wollen den Syrern helfen, aber nicht ihre Zukunft mit ihnen teilen“, sagte Murat Erdogan, Professor an der Türkisch-Deutschen Universität in Istanbul und der führende Migrationsforscher der Türkei, der SZ.

„Der Unmut wird von Tag zu Tag größer.“ Vier von fünf Türken sagten in einer Umfrage des Professors kürzlich, sie betrachteten die Syrer als kulturell fremdartig. Drei von vier Befragten lehnen die Einbürgerung von Syrern strikt ab. Viele Türken sehen die Flüchtlinge als Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt und Empfänger staatlicher Wohltaten. Ankara hat bisher rund 30 Milliarden Dollar zur Versorgung der Flüchtlinge ausgegeben, dabei kommen etliche Türken finanziell kaum über die Runden. Viele erleben Syrer im Alltag zudem vor allem als Bettler auf der Straße und an belebten Kreuzungen in den Innenstädten.

Die Spannungen steigen, hat auch die Brüsseler Denkfabrik International Crisis Group beobachtet. So lag die Zahl gewalttätiger Zusammenstöße zwischen Türken und Syrern im zweiten Halbjahr 2017 beim Dreifachen des Vergleichszeitraums von 2016, heißt es in einem neuen Bericht der Gruppe. Dabei starben allein im Vorjahr 35 Menschen, 24 davon Syrer. Insbesondere in den Großstädten Istanbul, Ankara und Izmir geraten Türken und Syrer immer häufiger aneinander. Allein in Istanbul leben schätzungsweise bis zu eine Million Syrer – mehr als in ganz Deutschland.

Die wachsende Unzufriedenheit unter den Türken wird jetzt von der Regierung bei der „Operation Olivenzweig“ in Afrin aufgegriffen. Präsident Erdogan betonte kürzlich, nach früheren Interventionen der türkischen Armee in Syrien seien bereits 130 000 Syrer in ihr Land heimgekehrt. Fatma Sahin, Bürgermeisterin der Großtstadt Gaziantep in der Nähe der syrischen Grenze, sagte der „Hürriyet Daily News“, viele Syrer warteten sehnsüchtig auf die Heimkehr. Die Türkei habe sieben Jahre lang „erhebliche Opfer“ für die Versorgung der Menschen erbracht. Nach einem Treffen mit engen Beratern vergangene Woche ließ Erdogan erklären, die türkischen Militäraktionen in Syrien würden weitergehen, bis alle Flüchtling wieder nach Hause gehen könnten.

Kritiker vermuten, dass Erdogan mit dem Afrin-Feldzug die nationalistische Stimmung im Land anheizen will, um davon bei der Präsidentenwahl im kommenden Jahr profitieren zu können. Erdogan habe mit dem Einmarsch in Afrin den Startschuss für den Wahlkampf gegeben, sagte Hisyar Özsoy von der legalen Kurdenpartei HDP vor wenigen Tag in Straßburg.

Der Hinweis auf die mögliche Rückkehr der Syrer nach dem Ende der Gefechte gehört zu den wahltaktischen Überlegungen der Regierung. Befriedete Schutzzonen in Afrin und anderswo in Syrien sollen den Flüchtlingen ein sicheres Leben in ihrem Heimatland garantieren, sagt Ankara.

Nach mehr als einem halben Jahrzehnt Krieg sieht die Wirklichkeit allerdings anders aus. Viele Syrer wollen dauerhaft in der Türkei bleiben. Jeden Tag werden in der Türkei rund 300 syrische Kinder geboren, eine Million Syrer haben trotz vieler Probleme in der neuen Heimat Arbeit gefunden, sagt Migrationsforscher Erdogan. Inzwischen leben Syrer überall in der Türkei. „Es wird nicht einfach sein, alle einzusammeln und nach Hause zu schicken“, sagte er jetzt bei einer Veranstaltung der Brookings Institution in Washington. „Das ist nicht realistisch.“