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Experten fürchten hohe Dunkelziffer
Die unterschätzte Gewalt in der Pflege

Berlin/Saarbrücken. Stress und Konflikte gehören laut Studien zum Alltag von Pflegekräften und -bedürftigen. Das muss aufhören, fordern Experten. Nur wie? Von Pascal Becher und Ruppert Mayr
Pascal Becher

(dpa/) Der alte Herr hoch in den 90ern ist bettlägerig und kann sich nicht mehr bewegen. Seine Gelenke sind steif. Er muss regelmäßig umgelagert werden. In einer Nacht verhakt sich seine Hand im Gitter des Bettes. Die Pflegekraft zieht und bricht dem hilflosen Mann den Arm. Sicherlich keine Absicht. Es musste einfach schnell gehen. Gleichwohl: Die Pflegekraft hat es an der nötigen Sorgfaltspflicht mangeln lassen. Das darf nicht sein.


Schon das ist Gewalt in der Pflege. In der Pflege gilt nämlich ein „erweiterter Gewaltbegriff“. Denn es besteht eine besondere Schutzbedürftigkeit des Pflegebedürftigen. Es geht hier nicht nur um aktive Gewalt, es geht auch um Gewalt durch Vernachlässigung – etwa, wenn der Toilettengang zu lange hinausgezögert wird, wenn die Pflegebedürftigen zu wenig zu trinken bekommen oder zum Essen gezwungen werden. Gewalt ist auch, wenn Frauen gegen ihren Willen von Männern gewaschen werden oder umgekehrt. Unter solchen körperlichen oder seelischen Verletzungen litten die Menschen, sie könnten sich nämlich nicht dagegen wehren, sagt Beate Glinski-Krause vom Frankfurter Forum für Altenpflege, einem Verbund der Pflegeeinrichtungen in der Mainmetropole.

Eine aktuelle Umfrage des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung unter 400 Pflegefachkräften und -schülern lässt erahnen, wie groß das Thema ist: Fast jeder dritte Befragte gab hier an, dass Maßnahmen gegen den Willen von Patienten, Heimbewohnern und Pflegebedürftigen alltäglich seien. Jeder Zehnte erlebte in jüngerer Zeit konkrete Gewalterfahrungen. Genaue Zahlen gibt es jedoch keine. „Die Dunkelziffer ist wohl sehr hoch“, fürchtet Kathrin Federmeyer, Fachbereichsleiterin „Pflege“ des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) im Saarland. Viele Gewaltopfer und deren Angehörige würden sich nicht melden – bei der Heimleitung, den Ärzten oder Behörden. Warum? „Sie haben Angst vor negativen Konsequenzen. Die Hemmschwelle ist deshalb sehr groß – zu groß.“



Ein anderes Problem: Gewalt wird häufig mit kriminellem Verhalten gleichgesetzt. In der Pflege könne man aber auch Gewalt ausüben, ohne eine Straftat zu begehen, sagt der Vorstandsvorsitzende des Berliner Zentrums für Qualität in der Pflege, Ralf Suhr. So könne jemand als freiheitsentziehende Maßnahme auch am Bett angeschnallt werden, ohne dass dies juristisch zu beanstanden sei. Es bleibe aber ein Akt der Gewalt. Die Zahl der 2015 durch die Betreuungsgerichte neu genehmigten Maßnahmen dieser Art sei mit knapp 60 000 viel zu hoch. Zugleich gibt es aber auch kriminelles Verhalten, das immer wieder schockiert. Ob es der als Patientenmörder verurteilte Niels H. ist, der an Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg getötet hat, oder die Pflegemafia, die durch Abrechnungsbetrug das deutsche Sozialsystem um viele Millionen, wenn nicht gar Milliarden betrügt.

Doch wie kann man diese „Gewalt-Strukturen“ in Pflegeeinrichtungen aufbrechen? Beispielsweise mit stärkeren Kontrollen der Einrichtungen, schreibt Susanne Moritz in ihrer sozialrechtlichen Arbeit „Staatliche Schutzpflichten gegenüber pflegebedürftigen Menschen“ (2013). Bislang seien die Überprüfungen von Pflegeeinrichtungen durch den MDK unzureichend und erfolgten angesichts der Missstände zu weitmaschig. ZQF-Chef Suhr verlangt deutliche Eingriffe bei der Überarbeitung des Pflege-Tüvs 2019.

Pflegeanbieter sollen professionelle Strukturen und Prozesse zur Gewaltprävention nachweisen müssen. Jürgen Bender, Landespflegebeauftragte des Saarlandes, plädiert für einen ähnlichen Ansatz. „Strategien zur Gewaltvermeidung müssen in der Ausbildung stärker und in Fortbildungen ständig thematisiert werden. Sensibilisierung darf eigentlich nie enden.“ Und auch nicht vor Heimleitern stoppen. „Wenn sie durch ihr Haus gehen und nicht mal merken, dass etwas nicht stimmt, dann haben sie eine Führungsschwäche, die behoben werden muss.“

Alle Experten sind sich einig: Nur mit einer neuen Kultur des Hinschauens kann die Gewalt wirksam aus der Pflege verbannt werden.