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Die Tochter darf sich von der Mutter trennen

Rüsselsheim/Berlin. Auf der Fahrt in die Eigenständigkeit kann Opel jetzt richtig Gas geben. Mit der schuldenfreien Übertragung der europäischen Eigentumswerte von der Konzernmutter General Motors (GM) auf die deutsche Adam Opel GmbH wurden dicke Steine aus dem Weg geräumt Von Christian Ebner, Harald Schmidt und Bettina Grachtrup (dpa)

Rüsselsheim/Berlin. Auf der Fahrt in die Eigenständigkeit kann Opel jetzt richtig Gas geben. Mit der schuldenfreien Übertragung der europäischen Eigentumswerte von der Konzernmutter General Motors (GM) auf die deutsche Adam Opel GmbH wurden dicke Steine aus dem Weg geräumt. Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte allerdings unmittelbar vor dem Opel-Spitzengespräch im Kanzleramt vor allzu großer Euphorie gewarnt.



Die bislang vorgelegten Konzepte der Opel-Interessenten überzeugten ihn nicht - unter anderem, weil die Investoren Milliarden-Bürgschaften fordern, aber wenig eigenes Kapital einbringen wollen. Auf ein Milliardengrab für deutsche Steuergelder kann sich die Politik jedoch selbst in einem Wahljahr nicht einlassen, wenn die Unternehmen ihrerseits das Risiko scheuen. "Es sind weiterhin viele Fragen offen bei allen Investoren", betonte der Minister - und erinnerte erneut an die Möglichkeit einer "Planinsolvenz". Guttenberg sah vor allem auch das geplante Treuhandmodell für Opel noch nicht in trockenen Tüchern. "Wir brauchen dringend diese Einigung mit der US-Seite." Mit dem Modell soll Opel aus dem Insolvenzstrudel des Mutterkonzerns General Motors (GM) herausgehalten werden. Für diese Zwischenlösung stand aber laut Guttenberg noch der Segen des US-Finanzministeriums aus. "Von daher will ich jetzt nicht vorauseilend in den Jubel einstimmen, den einige hier schon verkündet haben", gab sich der Minister nüchtern.

Aus dem Grunde galt es als unwahrscheinlich, dass bei dem "Opel-Gipfel" gestern Abend im Kanzleramt bereits ein bevorzugter Investor für Opel festgelegt wird. Würde ein Favorit ausgemacht, könnte dieser Erpressungspotenzial entwickeln. Trotzdem meldete die Tageszeitung "Die Welt", die Regierung gebe dem italienischen Autohersteller Fiat und dem österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna den Vorzug. Beiden Interessenten werde nun erlaubt, eine genaue Prüfung der Bücher vorzunehmen, berichtete die Zeitung gestern unter Berufung auf Verhandlungskreise. Die beiden vorläufig gescheiterten Bieter, der Finanzinvestor Ripplewood und der chinesische Autohersteller BAIC, hätten die Möglichkeit, ihre Angebote noch einmal zu konkretisieren.

"Die Interessenten wissen genau, dass wir uns im Bundestagswahlkampf befinden", sagte der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn. "In dieser Zeit ist es fast unmöglich für einen Politiker, ein Traditionsunternehmen wie Opel insolvent gehen zu lassen." Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) feierte dennoch schon die Nachricht der rechtlichen Abspaltung: "Das ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einem selbstständigen europäischen Opel-Unternehmen und eine wichtige Voraussetzung zur Rettung."

Mit der immer wahrscheinlicher werdenden Insolvenz von GM in den USA hätte der europäische Teil des Unternehmens dann nichts mehr zu tun. Damit hätte die Bundesregierung ein erstes wichtiges Ziel erreicht.



Hinter der Entscheidung von GM, sämtliche Werke in Europa mit Ausnahme Russlands, die Verkaufsorganisation, die Patente und die Rechte an Technologien an Opel zu übertragen, steht die US-Regierung.

Sie zeigt damit auch Entgegenkommen für die Treuhandlösung. Experten hatten zuletzt daran gezweifelt, dass GM und Washington der Treuhand-Lösung zustimmen könnten. Denn sie geben praktisch kostenlos Kapital ab. In Rüsselsheim wird vermutet, dass GM die letzte Chance beim Schopfe gepackt haben könnte, weiter Mitsprachemöglichkeiten bei Opel zu haben: In der Treuhandlösung sollen die beteiligten Regierungen und GM gleichberechtigt das Kommando haben, bis die Verträge mit den neuen Chefs unterschrieben sind. Hätte GM Opel mit in die Insolvenz gerissen, wäre jeder Einfluss aus Detroit verloren gegangen.

Betriebsratschef Klaus Franz sieht sich fast am Ziel seiner Wünsche. Nach 80 Jahren im Schoß der großen Mutter GM träumen in Rüsselsheim und an den anderen Opel-Standorten viele von einer größeren Eigenständigkeit, in der das firmeninterne Ingenieurswissen sich frei entfalten könnte. Häufig - so empfinden es die Opelaner - hatten die GM-Herren in Detroit kein Gefühl für den qualitätsorientierten Markt in Europa. Die Folge waren sinkende Marktanteile.