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Anti-Atom-Bewegung
Die nuklearen Bomben von Büchel

Der Fliegerhorst Büchel mit dem angrenzenden Depotgelände. Hier sollen die US-Atombomben lagern.
Der Fliegerhorst Büchel mit dem angrenzenden Depotgelände. Hier sollen die US-Atombomben lagern. FOTO: Thomas Frey / dpa
Büchel/Berlin. Wie ein kleiner Ort unweit des Saarlandes mit den Massenvernichtungswaffen der USA und der Gefahr eines neuen Kalten Krieges lebt. Von Michael Fischer

(dpa) Büchel besteht aus 442 Häusern, in denen 1154 Menschen leben, die 752 Autos fahren. Es gibt drei Gaststätten, eine freiwillige Feuerwehr, eine katholische Kirche und einmal im Jahr ist Kirmes. Der kleine, windige Ort in den Hügeln der Vulkaneifel ist auf den ersten Blick ein Dorf wie jedes andere auch. Wäre da nicht etwas, das es nirgendwo sonst in Deutschland gibt: Rund 20 Atombomben, jede für sich mit der vierfachen Sprengkraft der Bombe von Hiroshima.



Die Bücheler nennen die tödlichsten Waffen in ganz Deutschland nur spöttisch „die 20 Eier“. Offiziell gibt es sie gar nicht. Jeder weiß aber, dass sie streng bewacht von einer US-Spezialeinheit in Metallbunkern auf dem Fliegerhorst der Bundeswehr lagern, der nur einen Kilometer vom Dorfkern entfernt liegt. Niemand bezweifelt oder dementiert das.

Vom Ortsschild kann man die „Tornado“-Kampfjets, die im Ernstfall die Bomben abwerfen sollen, starten und landen sehen. Hören kann man sie überall in Büchel. Oft donnern sie zigmal am Tag in die Luft. Die Atombomben gehören ungefähr so lange zu dem Dorf in Rheinland-Pfalz wie Willi Rademacher. Der parteilose Bürgermeister ist heute 62. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie er als Kind in den 60er Jahren zum ersten Mal US-Soldaten begegnet ist, die für „Munitionstransporte“ auch schon mal die Straßen sperrten.

Rademacher hat fast sein ganzes Leben in Büchel verbracht. Neben den Bomben. Angst haben sie ihm nie gemacht. „Das ist hirnrissig, was hier für ein Thema um die 20 Eier gemacht wird“, sagt der ehemalige Bundeswehrsoldat. Viel gefährlicher seien die Gewehre, die Granaten und Raketen, die nach Syrien oder in andere Krisenregionen geschickt würden. „Dort sterben jeden Tag Menschen. Da wird nicht drüber gesprochen. Über die Eier, die hier bisher sicher lagern, darum wird ein großer Aufstand gemacht.“

So wie Willi Rademacher denken viele in Büchel. Der Flugplatz ist mit rund 2000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber in der Region. Angst hat man in Büchel allenfalls davor, dass der Flugplatz dicht macht, wenn die Atombomben abgezogen werden.



Wenn man einen Gegner der Bomben finden will, muss man acht Kilometer weiter fahren, nach Leienkaul. Dorthin ist die Apothekerin Elke Koller 1985 aus Norddeutschland gezogen. Von ihrem Haus kann sie nachts die Lichter des dreieinhalb Kilometer entfernten Towers sehen. Lange Zeit hat die heute 74-Jährige nichts von den Bomben gewusst. Als 1995 ein „Spiegel“-Artikel darüber erschien, war sie geschockt – und begann, Proteste zu organisieren. Gegen die Beteiligung Deutschlands an nuklearen Abenteuern, für eine Welt ohne Atombomben, aber auch für die eigene Sicherheit. „Ich habe Angst vor einem Unfall.“

Auf das Gelände des Stützpunkts zu kommen, ist dabei fast aussichtslos. Sogar für Journalisten. Und selbst wenn man es auf das Gelände geschafft hat, ist ein Thema von vorneherein tabu: Die „nukleare Teilhabe“ Deutschlands. Der abstrakte Begriff aus dem Nato-Vokabular steht dafür, dass Deutschland sich seit 60 Jahren aktiv am atomaren Schutzschirm des Bündnisses in Europa beteiligt. Weitere US-Atombomben sind in Italien, Belgien, den Niederlanden und der Türkei stationiert. Die deutsche Teilhabe besteht darin, dass nach einem Einsatzbefehl des US-Präsidenten und Bestätigung der Nato-Zentrale die „Tornados“ die Bomben einklinken und über dem Ziel abwerfen.

Die Bomben von Büchel heißen B61-4, sind 3,58 Meter lang, sehen aus wie kleine Raketen und haben eine Sprengkraft von bis zu 50 Kilotonnen. Die Informationen, die über sie kursieren, hat man einer Handvoll internationaler Wissenschaftler zu verdanken, die vor allem offene US-Quellen auswerten und daraus Rückschlüsse für Büchel ziehen. Bundeswehr und Bundesregierung schweigen. Nach den Recherchen der Forscher lagern die Bomben unter der Erde in zweistöckigen Metallbehältern mit 30 Zentimeter dicken Deckeln. Es gibt nur wenige Luftaufnahmen von den Bunkern, normalerweise ist der Überflug verboten.

Lange Zeit galten die Bomben als Relikte des Kalten Krieges, die eigentlich nicht mehr gebraucht werden. In den 80er Jahren waren noch 7000 der weltweit 70 000 Atomwaffen in beiden Teilen Deutschlands stationiert. Heute sind nur noch die in Büchel übrig. Seit ein paar Jahren erlebt die nukleare Abschreckung aber wieder eine Renaissance. Die Gefahr eines Atomkriegs wird von Experten so hoch eingeschätzt wie seit den Hochzeiten des Kalten Krieges nicht mehr.

Drei Entwicklungen sind dafür verantwortlich: Nordkorea treibt sein Atom-Programm unbeeindruckt von internationalem Druck und massiven Drohungen aus den USA voran. In diesem Jahr summieren sich die Raketentests auf 19, die Atomtests auf sechs. Zudem wankt das Atomabkommen mit dem Iran. Zerbricht es, könnte das eine Kettenreaktion der nuklearen Aufrüstung auslösen. Dann könnte auch Saudi-Arabien bald die Atomwaffen haben.

Und dann sind da noch die Ukraine-Krise und die massiv gewachsenen Spannungen zwischen Russland und der Nato. Neben der konventionellen Aufrüstung tut sich auch im nuklearen Bereich einiges. Die USA und Russland werfen sich gegenseitig vor, gegen das Verbot landgestützter Mittelstreckenraketen zu verstoßen, das am 8. Dezember 30 Jahre alt wird. Darüber hinaus investieren alle Atommächte schon jetzt in die Modernisierung ihrer Waffen. Alleine die Ausgaben der USA dafür werden für die nächsten zehn Jahre auf 400 Milliarden US-Dollar (336 Milliarden Euro) geschätzt.

Es gibt aber auch eine neue Gegenbewegung. Im Juli beschlossen zwei Drittel der Mitglieder der Vereinten Nationen ein Verbot aller Atomwaffen weltweit. Der Vertrag verbietet den Unterzeichnern, Atomwaffen zu entwickeln, zu besitzen, lagern, stationieren oder zu finanzieren. Das Anti-Atom-Bündnis Ican, das sich jahrelang für das Abkommen einsetzte, erhält dafür am 10. Dezember den Friedensnobelpreis. 122 von 193 UN-Mitgliedern stehen hinter dem Vertrag. Das Problem: Darunter ist keiner der neun Staaten, die sicher oder mutmaßlich im Besitz von Atomwaffen sind. Bis auf die Niederlande boykottierten alle Nato-Staaten die Verhandlungen, auch Deutschland. Begründung: Da die Atommächte nicht beitreten, kann ein solcher Vertrag nichts ändern.

Mit ihrer Ablehnung des Atomwaffenverbots weicht die Bundesregierung von der Mehrheitsmeinung in Deutschland ab. In einer aktuellen YouGov-Umfrage fordern 55 Prozent den Beitritt zum UN-Abkommen, nur 23 Prozent sind dagegen. Noch deutlicher ist die Haltung zu den Atomwaffen in Deutschland. 61 Prozent sind für ihren Abzug. Nur 18 Prozent der Befragten meinen, sie sollten bleiben.

Die Abzugs-Debatte ist schon einige Jahre alt. 2009 setzte der damalige FDP-Chef Guido Westerwelle in Koalitionsverhandlungen mit der Union durch, dass sich die Regierung „im Bündnis sowie gegenüber den amerikanischen Verbündeten dafür einsetzen (wird), dass die in Deutschland verbliebenen Atomwaffen abgezogen werden“. Als Außenminister vertrat Westerwelle diese Position zwar weiter, wurde aber schnell von seiner US-Kollegin Hillary Clinton und vom Kanzleramt ausgebremst. Auch ein Bundestagsbeschluss von 2010 im Sinne des Koalitionsvertrags blieb folgenlos.

Das Thema verschwand wieder – bis zum Bundestagswahlkampf 2017. Dabei ergab sich eine neue Konstellation. FDP-Chef Christian Lindner kassierte die Westerwelle-Position ein und sprach sich angesichts einer neuen Bedrohungslage für den Verbleib der Atomwaffen in Deutschland aus. Grüne und Linke fanden aber einen neuen Mitstreiter für den Abzug: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Mit Hinweis auf die nuklearen Rüstungspläne Trumps versprach er im August: „Ich werde mich dafür einsetzen, dass in Deutschland gelagerte Atomwaffen aus unserem Lande abgezogen werden.“ Das Thema könnte in möglichen Groko-Verhandlungen durchaus eine Rolle spielen. Ob Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sich wieder eine Formulierung wie 2009 in den Vertrag hineinverhandeln lässt, ist aber zumindest fraglich. Ohne das Einverständnis der Nato und der USA ist ein Abzug ohnehin nicht vorstellbar.

Wahrscheinlicher erscheint da das Szenario, dass die Atombomben in Büchel in ein paar Jahren durch modernere ersetzt werden. Die Vorbereitungen dafür wurden bereits 2010 von US-Präsident Barack Obama eingeleitet. Die ersten Tests der Nachfolge-Bombe B61-12 sind 2015 erfolgt und im Internet zu besichtigen. Bis Mitte der 2020er Jahre könnte der Austausch der US-Atombomben erfolgen.

Friedensaktivistin Elke Koller demonstriert seit Jahren gegen die Militärpräsenz der Amerikaner in Büchel und die Atomwaffen – bisher vergebens.
Friedensaktivistin Elke Koller demonstriert seit Jahren gegen die Militärpräsenz der Amerikaner in Büchel und die Atomwaffen – bisher vergebens. FOTO: Thomas Frey / dpa