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"Die Nerven liegen auf beiden Seiten blank"

Berlin. "Die Luft zum Atmen wird uns abgeschnürt". Anetta Kahane wählt starke Worte, um ihr Leben als Jüdin in Deutschland zu beschreiben. Seit drei Jahren trägt sie keinen David-Stern mehr an der Halskette. Und nicht erst seit dem Gaza-Konflikt meint sie, wachsende Feindseligkeit zu spüren. Wie die Berlinerin sehen sich auch andere Juden in die Ecke gedrängt Von dpa-Mitarbeiterin Esteban Engel

Berlin. "Die Luft zum Atmen wird uns abgeschnürt". Anetta Kahane wählt starke Worte, um ihr Leben als Jüdin in Deutschland zu beschreiben. Seit drei Jahren trägt sie keinen David-Stern mehr an der Halskette. Und nicht erst seit dem Gaza-Konflikt meint sie, wachsende Feindseligkeit zu spüren. Wie die Berlinerin sehen sich auch andere Juden in die Ecke gedrängt. Der Streit um das Fernbleiben des Zentralrates der Juden an der Holocaust-Gedenkfeier im Bundestag sei Zeichen für die wachsende Entfremdung zwischen Juden und Nicht-Juden in der Bundesrepublik.


"Die Nerven liegen auf beiden Seiten blank", sagt Zentralrats-Vizepräsident Salomon Korn (Foto: dpa). Die Weigerung des Parlaments, Zentralrats-Präsidentin Charlotte Knobloch (Foto: dpa) bei der offiziellen Gedenkfeier zur Erinnerung an die Opfer der Shoah offiziell zu begrüßen, sei eben mehr als nur eine Protokollfrage.

"Als Überlebende des Holocaust steht Knobloch einer Gemeinschaft vor, die die überlebenden Opfer und deren Nachkommen vertritt", sagt Korn. "Gerade weil durch den Gaza-Krieg der Antisemitismus als Antizionismus wieder seine hässliche Fratze zeigt, wäre es angebracht gewesen, über das geltende Protokoll hinaus ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Es geht nicht um persönliche Eitelkeiten", betont der Frankfurter Architekt.



Auch Anetta Kahane, die sich als Mitbegründerin der Amadeu Antonio Stiftung für Opfer von rassistischen Übergriffen einsetzt, kann Knoblochs Entscheidung nachvollziehen. "Es wird immer schlimmer - viele denken, die Schonzeit für die Juden ist vorbei." Der Palästina-Konflikt und die Kritik an Israels Politik diene immer wieder als "Projektionsfläche" für Judenfeindlichkeit. Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik (Uni Frankfurt) nennt die Abwesenheit des Zentralrats bei der Gedenkfeier im Bundestag zwar ein "starkes Zeichen". Auch dass sich der Publizist Michel Friedman im ARD-Talk "Hart aber fair" vehement gewehrt hatte, sich von CDU-Politiker Norbert Blüm als israelischer Staatsbürger ansprechen zu lassen, sei "völlig richtig". Doch Brumlik warnt vor einer "Beziehungsfalle", wenn sich deutsche Juden mit Israel allzu kritiklos solidarisierten.

Der Schriftsteller Rafael Seligmann mahnt bei allem Streit zur Besonnenheit. Viel schlimmer als Protokoll-Querelen seien Umfragen, wonach 70 Prozent der Jugendlichen in Deutschland die besondere Beziehung zu Israel egal ist. Er kritisiert dabei den "Aktionismus" des Zentralrats der Juden und ihres Generalsekretärs Stephan Kramer, die das Wesentliche aus den Augen verlören. Das Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden sei viel zu wichtig, um es wegen einer "Lappalie" zu belasten, sagt Seligmann. "Letztendlich geht es um einen deutschen und nicht um einen jüdischen Gedenktag." Dennoch ärgert den Autor, wenn kaum jemand gegen die Massaker in Darfur in Afrika protestiert, Tausende aber wegen Gaza auf die Straße gehen oder die Polizei in Duisburg eine Israel-Fahne aus Furcht vor islamistischen Übergriffen abhängt: "All das zusammen ist alarmierend."

Auch der junge jüdische Comedian Oliver Polak kann sein Unbehagen trotz aller Komik nicht ganz verbergen. "Viele haben nicht verstanden, dass es ein Unterschied ist, ob man Deutscher oder Israeli ist. Ich zum Beispiel bin in Papenburg im Rathaus eingetragen. Das hat Norbert Blüm noch nicht kapiert", meint Polak.