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EU warnt vor Antibiotikum
Die Killer-Keime sind auf dem Vormarsch

Bakterien wie Ehec werden immer resistenter gegen Antibiotika.
Bakterien wie Ehec werden immer resistenter gegen Antibiotika. FOTO: Bodo Marks / dpa
Brüssel/Homburg. Die EU schlägt Alarm. Multiresistente Bakterien bedrohen die Menschen. Wer trägt die Schuld?

Klebsiella pneumoniae ist ein Bakterium, das jeder Mensch in sich trägt – eines, über das man sich im Normalfall keine Sorge machen muss. Doch es kann auch zum Auslöser schwerer Atemwegserkrankungen werden, die in wenigen Fällen nicht behandelbar sind. Denn der Atemwegs-Keim hat sich über Jahre den Antibiotika so angepasst, dass nicht einmal schwere pharmazeutische Geschütze noch anschlagen. Innerhalb von vier Jahren stieg die Zahl der Erkrankungen von 6,2 auf 8,1 Prozent, meldete das EU-Präventionszentrum ECDC gestern. „Acht Prozent bedeutet, dass von 100 Patienten acht praktisch nicht mehr behandelbar sind“, sagte Behördenchefin Andrea Ammon am Aktionstag über Antibiotika. Die Fälle, in denen Medizinern praktisch keine Behandlungsmöglichkeiten mehr bleiben, sind zwar noch Ausnahmen. Dennoch sorgt sich die EU über die Zunahme multiresistenter Keime. „Die Perspektive einer Zukunft ohne Antibiotika ist erschreckend, da wir dann möglicherweise keine größeren chirurgischen Eingriffe oder Organtransplantationen mehr vornehmen können“, beklagte gestern EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis. Sollte die Entwicklung so weitergehen, könnten antimikrobielle Resistenzen potenziell alle drei Sekunden ein Menschenleben kosten.



Das findet Dr. Fabian Berger, Assistenzarzt der Mikrobiologie am Universitätsklinikum des Saarlandes, etwas überspitzt dargestellt: „Eine Operation sollte unter sterilen Bedingungen ablaufen. Nicht in jedem Fall kommt es zu Infektionen.“ Auch künftig werde daher nicht jede Operation den Einsatz von Antibiotika nach sich ziehen. Berger stimmt jedoch der allgemeinen Problematik zu: „Es wird immer schwieriger, bei gewissen problematischen Keimen eine adäquate Therapie zu finden.“

Dabei verläuft die Entwicklung nach Angaben der EU-Experten durchaus unterschiedlich. Während sich das Bakterium Escherichia (Ehec) zunhemend den Antibiotika anpasst, gibt es bei den gefürchteten MRSA-Erregern leichte Entwarnung. Diese als Krankenhauskeime bekannten Bakterien wurden 2015 deutlich weniger festgestellt als noch 2012. „Daran kann man sehen, dass es möglich ist, einen Trend nicht nur zu stoppen, sondern umzukehren“, sagt ECDC-Chefin Ammon. Ein Durchbruch lässt jedoch weiter auf sich warten. Die EU, die den Europäischen Antibiotikatag zum zehnten Mal veranstaltete, hat mit einen Aktionsplan Tier- und Humanmediziner zum zurückhaltenden Antibiotika-Gebrauch verpflichtet. Den Ansatz teilt Saar-Experte Berger: „Der Einsatz von Antibiotika gegen Bakterien ist wie ein evolutionärer Kampf. Alte und neu entwickelte Antibiotika treffen auf unterschiedlich resistente Keime. Ein Hauptziel muss es also sein, den Antibiotikaverbrauch generell zu verringern.“

Maßnahmen gegen Killer-Keime könnten laut EU auch ohne Forschung ergriffen werden: Dazu zählen eine konsequente Umsetzung der Hygienevorschriften in Kliniken und Praxen und das Abschirmen infizierter Patienten. Die Forschung arbeite unterdessen an einem Antibiotika-Ersatz, sagt Berger: „Es gibt experimentelle Substanzen, die ständig in der Entwicklung sind – zum Beispiel synthetisch hergestellte. Auch lassen sich Antibiotika verändern, damit sie wieder wirksam werden.“ An eine dunkle Zukunft ohne Antibiotika glaubt Berger nicht: „Dass irgendwann bei allen Bakterien gar nichts mehr wirkt, das wird nicht der Fall sein.“