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Margot Käßmann
Die Ikone der Protestanten geht in Rente

Theologin Margot Käßmann, bis 2010 die erste Frau an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland, wird diesen Samstag verabschiedet.
Theologin Margot Käßmann, bis 2010 die erste Frau an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland, wird diesen Samstag verabschiedet. FOTO: dpa / Holger Hollemann
Hannover. Margot Käßmann blieb auch nach ihrem Rückzug ein Zugpferd der Evangelischen Kirche in Deutschland. Sie wird eine Lücke hinterlassen.

Frontfrau, Sprachrohr, Aushängeschild und Magnet der Massen – mit der Pensionierung von Margot Käßmann verliert die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine ihrer prägnantesten Persönlichkeiten. Die charismatische Predigerin hat Kirchen und Messehallen gefüllt, mit ihren Büchern ein breites Publikum erreicht und ist mit politischen Positionen mehr als einmal angeeckt. Zugleich hat sie forsch und frech die Emanzipation der Frau in der Kirche vorangetrieben. Den Mitglieder- und Bedeutungsverlust der Kirche hat sie dennoch nicht stoppen können. An diesem Samstag wird die 60-Jährige in einem Festgottesdienst in Hannover in den Ruhestand verabschiedet.


Der Verlust ist für die Kirche schwer, denn mehr denn je ist sie auf Geistliche wie Käßmann mit einem besonderen Draht auch zu glaubensfernen Menschen angewiesen. Studien belegen die Bedeutung der Pastorinnen und Pastoren für die Kirche der Zukunft. „Die Kirche bräuchte mehr von solchen Leuten“, sagt der Göttinger Theologe Prof. Jan Hermelink über Käßmann. „Sie hat die Gabe, den Glauben auf eine Weise zu verpacken, die leichter verständlich ist.“ Mit ihren vielen Büchern biete sie zudem Lebenshilfe im weiten Sinn. „Das ist, was die Kirche ja will.“ Die Art und Weise, wie Käßmann gewirkt habe, sei richtungsweisend für die Zukunft der Kirche. „Für die Kirche als Institution war und ist sie ein Glücksfall.“

„Mit Margot Käßmann verlässt eine der wichtigsten Persönlichkeiten des Deutschen Protestantismus die öffentliche Bühne“, meint die Grünen-Fraktionschefin und ehemalige EKD-Synodenvorsitzende Katrin Göring-Eckardt. „Ihre politischen Stellungnahmen waren in aller Regel geprägt von einem konsequent friedensorientierten Linksprotestantismus, der auch in der Kirche selbst umstritten war.“ Sie habe Klarheit und Mut gehabt, auch unangepasst zu sein.



Kritik erntete Käßmann insbesondere für ihre Einschätzung: „Nichts ist gut in Afghanistan.“ Den Satz sagte sie kurz nach ihrem Aufstieg zur EKD-Chefin 2009, zehn Jahre hatte sie da bereits als Bischöfin an der Spitze der hannoverschen Landeskirche gestanden. Zuvor war die im oberhessischen Marburg geborene Theologin bereits Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages und Gemeindepfarrerin. Nach ihrem Rückzug aus der Spitze warb sie als EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017. Nun nutzt sie die Möglichkeit des niedersächsischen Beamtenrechts, ab dem 60. Geburtstag mit Abzügen in Pension zu gehen.

Beim letzten Auftritt vor der Verabschiedung ermunterte Käßmann ihre Kirche am Freitag, weiter unbequem zu bleiben. „Was meine Kirche betrifft, wünsche ich mir, dass sie sich weiter politisch einbringt und sich nicht in eine private Nische abdrängen lässt.“ Selber kritisierte sie gleich die aktuelle Flüchtlingspolitik: „Was die Politik betrifft, finde ich es im Moment bedrückend, dass über Flüchtlinge nur noch als Problem geredet wird und ihr Schicksal keine Rolle mehr spielt.“

„Der große Erfolg von Margot Käßmann beruht darauf, dass sie in ihrer ganzen Präsenz möglichst nah bei den einfachen Menschen ist, die sich mit ihr identifizieren können“, sagt Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD. Auch ihr Privatleben habe sie nicht verborgen, ob Scheidung, Krebserkrankung, Alkoholfahrt oder Rücktritt von der EKD-Spitze 2010. Auch im Umgang mit den Medien sei Käßmann geübt, „man muss die eigene Authentizität gut verkaufen“. Den Rückgang der Gläubigen konnte aber auch sie nicht verhindern. Binnen zehn Jahren schrumpfte die Zahl der Protestanten um mehr als drei Millionen, 2016 alleine sank die Zahl in der EKD im Vergleich zum Vorjahr um 350 000 auf 21,92 Millionen. Auf ihrer letzten Jahrestagung im November in Bonn begab sich die EKD auf Zukunftssuche – weniger Moralismus, kürzere und knackigere Gottesdienste wurden empfohlen sowie eine abgestufte „Kirchenmitgliedschaft light“ für Interessierte. Und die bestehenden Karrierehindernisse für Frauen in der EKD sollen beseitigt werden, beschloss die Bonner Versammlung.

Ihren Ruhestand will Margot Käßmann in ihren Häuschen auf Usedom und in Hannover verbringen, wo zwei der vier Töchter wohnen. „Mein sechstes Enkelkind ist unterwegs, ich werde wohl keine Langeweile haben“, sagt die Frau, die in der EKD viele vermissen werden.