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Die fröhliche Kandidatin

Berlin. Ein Autokennzeichen fährt als Botschaft durchs Land: "B-GS 2305". Bundespräsidentin Gesine Schwan 23. Mai. Die Kandidatin der SPD strahlt, wenn sie die Räume betritt. Aber die Veranstaltungen sind klein. Mal ein paar Senioren, mal einige SPD-Anhänger Von SZ-Korrespondent Werner Kolhoff

Berlin. Ein Autokennzeichen fährt als Botschaft durchs Land: "B-GS 2305". Bundespräsidentin Gesine Schwan 23. Mai. Die Kandidatin der SPD strahlt, wenn sie die Räume betritt. Aber die Veranstaltungen sind klein. Mal ein paar Senioren, mal einige SPD-Anhänger. Schwans eigentlicher Wahlkampf um das Präsidentenamt findet in der Schlussphase aber ohnehin nicht auf den Straßen oder in großen Sälen statt. Das wirkliche Ziel ihrer Kampagne sind die 1224 Mitglieder der Bundesversammlung. Vor allem die 514 von SPD und Grünen.


Alle 16 Landtage hat sie in den letzten Wochen besucht und sich den Abgeordneten, die am kommenden Sonnabend mitwählen, zum Gespräch angeboten. Die Freien Wähler in Bayern bekamen einen Extra-Termin, denn immerhin stellen sie zehn wackelige Stimmen im Lager des Amtsinhabers Horst Köhler. Beim Parteitag der Grünen ist sie gewesen und hat eine werbende Rede gehalten. Dass sie dabei gleich ins "ihr" und "euch" fiel, die Grünen also duzte, fanden einige etwas unangenehm. Und natürlich hat sie die Fraktionen im Bundestag umgarnt. Doch die Zielrichtung dieser Besuche hat sich komplett gedreht. Ging Gesine Schwan im letzten Jahr noch davon aus, dass auch Überläufer aus von Union und FDP für sie stimmen würden und sie so eine Mehrheit bekommen könnte, so geht es jetzt nur noch darum, die eigenen SPD-und Grünen-Stimmen zusammenzuhalten, damit es überhaupt mehr als einen Wahlgang gibt.

Die Zahl der Treuebekundungen aus der Parteispitze hat jetzt auffällig zugenommen. "Sie hat unsere Stimmen, und zwar alle", betonte etwa SPD-Chef Franz Müntefering vor zwei Wochen. Das war auch nötig. Denn in Berlin ist es derzeit leicht, Abgeordnete der SPD zu treffen, die unverhohlen sagen: "Ich hoffe, nach einem Wahlgang ist Schluss und Köhler Präsident." Es ist schwer auszumachen, ob Gesine Schwan wirklich noch an einen Sieg glaubt. Sie tritt zwar fröhlich und gewinnend auf und sagt häufiger "Ich als Bundespräsidentin würde . . ." Aber sie zieht in Interviews auch schon ein Resümee, das resigniert klingt. "Meine Kandidatur hat in jedem Fall beigetragen zur Diskussion über die Aufgabe des Amtes und die Grundlagen unserer Demokratie."



Mit etlichen Pannen hat die Kandidatin dazu beigetragen, dass die Zustimmung für sie im eigenen Lager nicht gewachsen ist, geschweige denn auf der Gegenseite. Die Linken verprellte sie, als sie Lafontaine einen "Demagogen" nannte; eventuell zweifelnde Köhler-Sympathisanten, als sie dem Amtsinhaber vorwarf, er nehme mit seiner Parteienkritik eine Erosion der Demokratie in Kauf. Und die SPD-Zentrale, als sie sich mit einem ausgestopften Schwan in einem Boot fotografieren ließ, den Lebensgefährten daneben mit aufgekrempelten Hosenbeinen. Letzte Woche im "Spiegel"-Interview musste sie, als ihr diese Pannen vorgehalten wurden, ein ums andere Mal einräumen: "Das würde ich mir heute genauer überlegen." Vor allem aber ihr Satz, dass die Krise zu einer "explosiven Stimmung" führen könne, dass "Halteseile" reißen könnten, erzeugte heftige Reaktionen. Köhler warnte vor Panikmache, und auch die eigenen Parteigrößen gingen auf Distanz.

Hier freilich korrigiert sich Schwan nicht. Sie glaube zwar nicht, dass es große soziale Unruhen geben werde, sagt sie bei einer Veranstaltung in einer Berliner Seniorenresidenz. Wohl aber, dass Wut und Verarmung zu einer explosiven Stimmung führen könnten, die sich etwa bei Jugendlichen in Gewalt "oder auch in selbst zerstörerischem Verhalten" äußern könnten. "Die Alten auch", ruft einer der rund 30 zuhörenden Senioren zornig dazwischen. "Zum Beispiel wir Lehmann-Bank-Geschädigten." Schwan nickt zustimmend und fährt fort: "Die Angst junger Menschen kann ja dazu führen, dass die sich zurückziehen an ihre Computer, zu Gewaltspielen und so. Sie wissen schon was ich meine." Jetzt nicken die Alten zustimmend. Winnenden.

Man versteht nicht ganz, warum sie auf diesen Gedankenspielen so besteht, denn eigentlich ist ihre Botschaft eine positivere. Sie will, sagt sie, aus der Krise einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Neuanfang machen. Hin zu Gemeinsinn, Regeln und Verantwortung, weg von der reinen Wettbewerbsgesellschaft.

Als Präsidentin werde sie den Finger in die Wunde legen und Ungerechtigkeiten beim Namen nennen, sagt sie. Zum Beispiel im Bildungswesen. Und sie werde die wichtigsten Bankmanager, "auch Josef Ackermann" ins Schloss Bellevue einladen, mit ihnen reden und sie ein gemeinsames Papier unterschreiben lassen, indem sie ihre Fehler bekennen und Besserung geloben. Schwan glaubt tatsächlich, dass sich die Banker darauf einlassen würden, "denn ich glaube, dass der Mensch nicht durch und durch verderbt ist, sondern dass man ihn immer wieder auch erreichen kann". Während der Links-Kandidat Peter Sodann Ackermann "verhaften" würde, will sie also mit ihm reden.

Am 22. Mai wird Gesine Schwan 66 Jahre alt. Genau einen Tag vor der Präsidentenwahl. Gratulationen bekommt sie in dieser Woche also noch in jedem Fall. > wird fortgesetzt

"Ich glaube, dass der Mensch nicht durch und durch verderbt ist."

Gesine Schwan zum Thema Bankmanager

Hintergrund

SPD-Kandidatin Gesine Schwan droht wegen einer Äußerung zur DDR erneut ein Stimmverlust in den eigenen Reihen bei der Bundespräsidenten-Wahl am Samstag. Der SPD-Abgeordnete Stephan Hilsberg sagte dem "Tagesspiegel", er wolle sein Abstimmungsverhalten noch einmal überdenken. Schwan hatte verneint, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei, was auch Thüringens SPD-Chef Christoph Matschie kritisierte. "Wie ich abstimme, überlege ich mir jetzt noch mal", sagte er. Schwan hatte zuvor gesagt, sie lehne den Begriff Unrechtsstaat für die DDR ab, weil er diffus sei. Hilsberg wertete Schwans Äußerungen als "Verharmlosung" der Diktatur. ddp