| 21:51 Uhr

Wolfsburg
Die Diesel-Krise ebnet den Weg zum Wandel

Die dunklen Wolken über VW haben sich noch nicht verzogen. „Dieselgate“ macht dem Konzern auch drei Jahre später noch zu schaffen. Doch hat die tiefe Krise in Wolfsburg auch eine Wende eingeleitet.
Die dunklen Wolken über VW haben sich noch nicht verzogen. „Dieselgate“ macht dem Konzern auch drei Jahre später noch zu schaffen. Doch hat die tiefe Krise in Wolfsburg auch eine Wende eingeleitet. FOTO: picture alliance / dpa / dpa Picture-Alliance / Julian Stratenschulte
Wolfsburg. Der Skandal hat die deutsche Autobranche schwer getroffen – aber auch neue Wege eröffnet.

Die Autobauer können „Dieselgate“ nicht entkommen – auch im dritten Jahr nach dem Beginn des Skandals. Der Betrug mit manipulierten Dieselmotoren hat beim Volkswagen-Konzern einen Schock hinterlassen, in der Industrie insgesamt löste er eine Schockwelle aus. Rückblickend ließe sich sagen: Es war der große Wendepunkt. So fasst es auch der Autoexperte Stefan Bratzel zusammen. Vor allem für VW, denn ohne die Abgas-Affäre wäre auch die E-Mobilität – einer der großen Branchentrends – in dieser Breite bei dem Autoriesen nicht möglich gewesen, schätzt der Fachmann. Sollte der Betrug also ein Grund für Dankbarkeit sein? Fest steht: Ausgestanden ist „Dieselgate“ noch lange nicht, selbst drei Jahre später.


Was war passiert? Am 18. September 2015 geben die Umweltbehörden in den USA bekannt, dass bei Abgasmessungen von VW-Modellen nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Zu dem Zeitpunkt scheint VW auf dem Zenit, will größter Autobauer der Welt werden. Am 20. September 2015 endet die Rekordfahrt im größten Crash der Konzerngeschichte. Die Wolfsburger müssen „Manipulationen“ an ihren Dieselmotoren einräumen. Am 23. September fegt der Skandal den damaligen Vorstandschef Martin Winterkorn aus dem Amt.

Noch immer dauert die Aufarbeitung an. Nicht nur belasten Aktionärs- und Verbraucherklagen, die Volkswagen weitere Milliarden kosten könnten. Auch steckt das Management nach wie vor viel Arbeit in die Analyse der Fehler der Vergangenheit. Und doch gilt: Die Krise ist ein Katalysator für den Wandel in Wolfsburg. „Ohne „Dieselgate“ wäre VW in eine Sackgasse gelaufen“, meint auch Bratzels Kollege Ferdinand Dudenhöffer.



Aber der Weg zum Wandel ist steinig. Mit einem Schlag stellt die Dieselkrise die vielgerühmte deutsche Ingenieurskunst in Frage, selbstbewusste Manager werden entthront, Anwälte und Verbraucherschützer blasen zum Angriff auf die Industrie-Ikone VW, Jobs werden gestrichen, viele Leiharbeiter müssen gehen. Bislang hat der Skandal den Konzern rund 27 Milliarden Euro gekostet, wie ein Sprecher berichtet. Der noch von Ex-Chef Matthias Müller ausgerufene Kulturwandel, der anfangs zu haken schien, kommt den Angaben zufolge voran. VW arbeitet daran, das interne Hinweisgeber-System zu verbessern, Führungskräfte werden in Fragen der Integrität und Unternehmenskultur geschult, Fragen zur Integrität werden in die konzernweite Mitarbeiterbefragung aufgenommen.

In den USA, wo die Krise begann, sei die Aufarbeitung fast beendet. Gleichzeitig sei das Software-Update der betroffenen Dieselmotoren in Deutschland nahezu abgeschlossen – 97 Prozent der Autos hätten ein neues Programm aufgespielt. In Europa seien es 78 Prozent, weltweit knapp 72 Prozent. Allerdings habe es nicht überall einen angeordneten Rückruf wie in Deutschland gegeben.

Auch personell fegt „Dieselgate“ durch die Vorstandsetage – und weht nicht nur Winterkorn davon, auch die erste Führungsebene der Technischen Entwicklung sei komplett ausgetauscht, betont der Sprecher. Ein neues Vorstandsressort für Integrität und Recht entsteht, zuständig ist Hiltrud Werner.

Gegen Winterkorn wird auch in den USA ermittelt, per Haftbefehl wird der einst hoch geachtete Manager dort gesucht. Sein Nachfolger Müller, eingesprungen in der Not für Winterkorn, hat seinerseits schon wieder den Posten an der Spitze räumen müssen. Neuer Konzernchef ist der bisherige VW-Markenchef Herbert Diess, der als eher unverdächtig in Sachen „Dieselgate“ gilt. Aber selbst gegen Diess ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig wegen möglicher Marktmanipulation. Zwar sei VW „fast darüber weg“, aber in mancher Hinsicht wirke „Dieselgate“ noch nach, erklärt Dudenhöffer. Er spielt vor allem auf das Musterverfahren in Braunschweig an, wo Anleger auf Schadenersatz klagen. Zwischenzeitlich verlieren die VW-Vorzugsaktien nach Bekanntwerden des Skandals fast die Hälfte ihres Werts. Diese Milliardenklagen bedeuteten ein hohes Risiko, mahnt Dudenhöffer.

Und das nachdem Volkswagen für Vergleiche in Nordamerika schon Milliardensummen verbucht hat. Doch die Strafzahlungen hätten einen „positiven Effekt auf den Konzern“. VW habe eine 180-Grad-Kehre hingelegt, neues Denken sei eingezogen, zu dem auch Ex-Chef Müller viel beigetragen habe.

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774 000 Mercedes-Benz-Diesel muss Daimler europaweit zurückrufen. Das Kraftfahrt-Bundesamt erhebt  den Vorwurf, auch die Stuttgarter hätten eine unzulässige Abschalteinrichtung verwendet. FOTO: picture-alliance/ dpa / dpa Picture-Alliance / Norbert Försterling
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BMW wird von der Münchner Staatsanwaltschaft seit März verdächtigt, in rund 11 000 Diesel­autos eine falsche Abgas-Software eingebaut zu haben. FOTO: picture alliance / SvenSimon / dpa Picture-Alliance / FrankHoermann/SVEN SIMON