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„Die Concordia war mein Schiff“

Rom. In der Öffentlichkeit gilt Francesco Schettino als „Kapitän Feigling“, weil er die Costa Concordia gegen den Felsen vor der Insel Giglio gesteuert haben soll und dann vorzeitig das kenternde Schiff verlassen hat. Gestern begann der Prozess. Von SZ-MitarbeiterJulius Müller-Meiningen

Das eigentliche Geschehen findet an diesem Morgen außerhalb des Gerichtssaals statt. Als der einzige Angeklagte in einem silbernen Mercedes vorfährt und dann das Teatro Moderno betritt, wollen sich die Kameraleute und Fotografen auf ihn stürzen. "Comandante, comandante", rufen ihm ein paar Journalisten hinterher, als sei Francesco Schettino immer noch Kapitän. Schettino läuft wortlos weiter. In der toskanischen Klein stadt Grosseto ist er kein Kreuzfahrtkapitän mehr, sondern der einzige Angeklagte im Prozess wegen der Havarie des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia.

Die Bilder vom Prozessauftakt laufen im italienischen Fernsehen, zwei Kameras sind fest im Saal des Teatro Moderno installiert, das in einen Gerichtssaal umgewandelt wurde. Eigentlich sollte der Prozess schon vergangene Woche beginnen. Damals streikten die italienischen Anwälte landesweit. Francesco Schettino hat seinen Platz ganz rechts in der ersten Reihe des zu weiten Teilen leeren Parketts. Die Prozessbeobachter und 130 Journalisten müssen in den Logen Platz nehmen, unten links sitzen die Staatsanwaltschaft, rechts der Angeklagte und seine drei Verteidiger, auch die Vertreter der 250 Zivilkläger sind da. Sie sehen, wie Schettino selbstbewusst und gelassen Sonnenbrille und Smartphone auf den Tisch vor sich legt. Seinen blauen Blazer hat er dieses Mal gegen einen schicken dunklen Anzug eingetauscht, statt mit weit geöffnetem Hemd präsentiert er sich seriös mit Krawatte. "Kapitän Feigling" wurde er von den Medien getauft oder "Katastrophenkapitän", weil er erstens die Costa Concordia gegen den Felsen vor der Insel Giglio gesteuert haben soll und dann vorzeitig das kenternde Schiff verlassen habe. Deshalb muss er sich nun in Grosseto unter anderem wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung, Herbeiführung eines Schiffbruchs und vorzeitigen Verlassens des Schiffs verantworten. Das moralische Urteil gegen ihn ist längst gefällt. Er soll der Hauptverantwortliche sein für den Tod von 32 Menschen, die bei der Havarie der Costa Concordia am 13. Januar 2012 vor Giglio ums Leben kamen. "Er ist zweifellos verantwortlich, es geht nur noch darum, wie hoch die Strafe ausfällt", sagt Staatsanwalt Francesco Verusio in einer Prozesspause. Das Angebot der Verteidigung, die Strafe auf drei Jahre und fünf Monate festzusetzen, lehnte der Staatsanwalt ab.

Das Gericht ist an diesem ersten Tag mit prozessualen Details beschäftigt, es geht unter anderem darum, ob auch die Reederei Costa Crociere als Zivilkläger zugelassen wird, obwohl viele auch bei ihr große Schuld sehen. Viel aufregender wirkt für die Journalisten die Anwesenheit einer jungen, blondierten Moldawierin namens Domnica Cermotan im Teatro Moderno. Die junge Frau war am 13. Januar 2012 mit Schettino auf der Kommandobrücke, wo eigentlich nur das Personal Zugang haben soll. Vermutet wurde, Cermotan sei die Geliebte des verheirateten Schettino gewesen. Auch sie hat sich als Zivilklägerin konstituiert und soll bald als eine von hunderten Zeugen aussagen. Am Morgen hat sie dem italienischen Fernsehen ein Interview gegeben. "Es kann nicht nur einen einzigen Schuldigen geben", sagte sie. Als ein Fotograf sie später von der Empore aus ablichtet, lächelt die Moldawierin kurz. Schettino aber wirkt ernst. In den Prozesspausen telefoniert der Ex-Kapitän ausschweifend. Einen einzigen Kommentar entlockt ihm die Presse: Es sei seltsam, dass sein Schiff immer noch vor Giglio liege, sagt der ehemalige Kapitän. "Sein Schiff?", fragen die Journalisten. "Ja", sagt Schettino, "die Concordia war mein Schiff".



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HintergrundDie Rolle der Reederei Costa Crociere ist derzeit noch weitgehend ungeklärt. Dass sie während des Unglücks eine unrühmliche Rolle spielte, darüber sind sich Schettinos Verteidigung und die Vertreter der Opfervereinigung "Berechtigkeit für Concordia" einig. Die Reedereiführung hätte die Praxis der gefährlich nahen Küstenpassage wie vor Giglio ausdrücklich gewünscht, behauptet Opfer-Anwalt Massimo Gabrielli. Das Unternehmen habe so Werbung für seine Kreuzfahrten machen können. Schwer wiegt auch der Vorwurf, Costa Crociere habe den Alarm absichtlich verzögert. "Bei Schiffbruch ist es üblich, dass die Bergungskräfte einen Teil des Werts des Wracks für sich beanspruchen dürfen. Aus Funkkontakten in der Unglücksnacht ergibt sich, dass die Reederei dies unbedingt verhindern wollte und absichtlich den Alarm verzögerte", sagt Gabrielli. Um das 500 Millionen teure Wrack zu retten, habe sie den Tod vieler Menschen in Kauf genommen. jmm