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Die andere Kanzlerin

Berlin. Ein Jahr danach: Angela Merkel hält ihr „Wir schaffen das“ immer noch für richtig. Fehler wurden gemacht, sagt sie, von vielen. Auch von ihr. Allerdings habe sie stets ein offenes Ohr für die Kommunen und für Ehrenamtliche gehabt. Hagen Strauß

Plötzlich zeigt sich das Bild einer anderen Kanzlerin. Nicht mehr nur das der nüchternen Pragmatikerin. Ein Jahr nach ihrem berühmten Satz "Wir schaffen das" hat Angela Merkel der "Süddeutschen Zeitung" jetzt ein Interview gegeben - mit bemerkenswerten Einsichten. Die Machtmaschine Merkel, die angeblich alles abwägt und durchdenkt, ist auch emotional.


Allerdings, es ist kein Seelenstriptease. Dazu ist die Frau aus der Uckermark zu selbstbeherrscht. Das verträgt sich auch nicht mit dem Amt. Aber Merkel ist nicht ignorant, die Dinge, die sie mit ihrem Satz ausgelöst hat, schiebt sie nicht beiseite. Sie reflektiert in dem Gespräch fast einfühlsam, was im letzten Jahr passiert ist. Um es dann doch wie Luther zu halten: Hier stehe ich und kann nicht anders.

Sie habe sich damals den Satz nicht extra für die Bundespressekonferenz zurechtgelegt, nur um damit häufig zitiert zu werden, betont sie. Aber gesagt habe sie "Wir schaffen das" aus "tiefer Überzeugung" und in dem Bewusstsein, "dass wir es mit einer großen und nicht einfachen Aufgabe zu tun haben." Das ist wahr: Merkel hat die Bewältigung des Flüchtlingsstroms bei ihrem Auftritt seinerzeit mit den Herausforderungen der Deutschen Einheit und der Atomkatastrophe von Fukushima verglichen. Das große Ganze. Ohne vermutlich zu ahnen, dass die eigentlichen Probleme im Kleinen liegen. In der Silvesternacht in Köln hat sich das brutal gezeigt. Es heißt, da habe auch Merkel verstanden, dass das große Ganze allein nicht zählt. Ein Einschnitt.

"Wir" - gemeint habe sie damit "letztlich uns alle", erläutert Merkel in dem Interview. Dass manche es partout nicht schaffen wollen, wusste sie zum Zeitpunkt ihrer Sommerpressekonferenz bereits. Sie war kurz vorher in Heidenau gewesen, jenem sächsischen Städtchen, in dem Rechte mit Gewalt gegen Flüchtlinge vorgingen und in dem sie massiv beleidigt wurde. Dadurch bekam die Sache für sie eine persönliche, fast emotionale Note. Mit "Wir schaffen das" wollte sie es danach wohl auch den Pöblern zeigen. Dafür spricht, dass Merkel sich den Vorwurf mangelnder Empathie nicht gefallen lässt. Sie habe für alle - vom Bürgermeister bis zum Ehrenamtlichen - ein offenes Ohr gehabt. Für die Guten. Alle hätten gewusst, "dass sie mir schonungslos berichten konnten und ich mich immer um Lösungen für ihre Probleme bemühen würde". Die Flüchtlinge hätten sich auch nicht beklagt, "höchstens noch mehr Selfies gewünscht". Und nichts sei auf Kosten der Menschen gegangen, "die schon immer oder sehr lange hier leben".

Das ist alles wahr. Merkel kümmert sich, man hört es häufig. "Wir schaffen das" hat sie nicht für die Flüchtlingskrise erfunden. Den Satz verwendet sie dem Vernehmen nach intern öfter, wenn es um Probleme geht. Er ist auch eine Allerwelts-Formulierung. Was aber ebenso stimmt, ist: Merkel hat den Widerwillen vieler Länder unterschätzt, in der Flüchtlingskrise zusammenzuhalten. Darauf deutet ihr Hinweis, dass man in Europa "einen längeren Atem" haben müsse, um zu Lösungen zu kommen. Auch ein Jahr nach jenem 31. August. Zudem scheint sie trotz Heidenau eher nicht geahnt zu haben, wie stark die Gesellschaft sich spalten würde. In dem Interview sagt sie dazu lapidar, es sei bekannt, dass es latent Fremdenfeindlichkeit bei Menschen aller Schichten gebe, "aber seit dem letzten Jahr ist das viel deutlicher zum Ausdruck gekommen". Wie damit umgegangen werden muss, erklärt Merkel nicht.