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Wachsende Polarisierung
„Flüchtlinge sind nur ein kleiner Teil des Problems“

Der Diakonie-Präsident erklärt, welchen großen Fehler die Politik im Umgang mit Migranten gemacht hat – und wie man am besten auf Hetzer reagiert. Von Werner Kolhoff

Ulrich Lilie (61) ist seit vier Jahren Präsident der Diakonie, des größten evangelischen Wohlfahrtverbandes. Im Herbst hat er sich mit seinem Buch „Unerhört“ in der Debatte um die wachsende Polarisierung in der Gesellschaft zu Wort gemeldet. „Vom Verlieren und Finden des Zusammenhalts“ lautet der Untertitel.


In Chemnitz haben Rechte einen Mord instrumentalisiert und gegen Ausländer gehetzt. Woher kommt dieser aufgestaute Hass?

LILIE Der hat vielfältige Wurzeln. Eine ist die Veränderung unserer Gesellschaft. Sie wird mit großer Geschwindigkeit vielfältiger. In deutschen Großstädten haben schon 40 bis 80 Prozent der Kinder unter sechs Jahren einen Migrationshintergrund. Das heißt, das Land wird sich in kürzester Zeit verändern.



Und genau dazu sagen die Rechten: Dann macht das Land doch einfach dicht!

LILIE Die Flüchtlinge sind nur der kleinste Teil des Problems. Auch ohne sie wird das Land viel bunter. Die meisten Migranten sind seit langem hier. Dazu kommt die Freizügigkeit innerhalb der EU, die auch die AfD bisher nicht in Frage stellt. Die Politik hat durch Verleugnung der Migration dazu beigetragen, dass die Menschen auf die Veränderungen nicht vorbereitet sind. Noch 2013 stand in der schwarz-gelben Koalitionsvereinbarung, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Zudem herrscht in den neuen Bundesländern immer noch eine große Skepsis gegen den Staat, auch gegen die Medien.

Sie sprechen in Ihrem Buch von Empörungslust. 

LILIE Die neuen Medien befeuern es, dass man nur noch untereinander über andere redet. Und zwar immer radikaler. Man bewegt sich in Blasen des eigenen Selbstverständnisses. Das gibt Sicherheit und auch ein Stück gefühlte Stärke. Außerdem gibt es ja tatsächlich neue Entwicklungen, die Angst hervorrufen. Etwa der drohende Verlust von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung. Die, die zum Beispiel früher die Helden der SPD waren, der so genannte kleine Mann, kommen da vielfach nicht mit. Sie empfinden sich und ihr Leben als entwertet; was sie machen und denken gilt nicht mehr als modern. Auf der anderen Seite gibt es eine Gruppe von Menschen, die mit all den Veränderungen sehr gut umgehen kann, die kosmopolitisch und multikulturell geprägt sind.

Was macht man bei eingefleischten Ausländerhassern?

LILIE Man muss da sehr klar sein. Wer rassistisch, antiislamisch, sexistisch oder antisemitisch unterwegs ist, steht außerhalb unseres gesellschaftlichen Konsenses und ist im Zweifel ein Fall für Polizei und Gerichte. Wir müssen die erkämpften Werte der sozialen Demokratie unseres Landes gegen jeden Angriff entschlossen verteidigen. Also Haltung zeigen. Und uns trotzdem den Argumenten der verunsicherten Menschen aussetzen.

Wenn Sie auf 2019 blicken, wird es da noch schlimmer?

LILIE Ich erhoffe mir von der Europawahl im Mai, dass die europäische Idee gewinnt. Dafür müssen die sozialen Rechte in Europa aber viel stärker in den Blickpunkt rücken. Wir brauchen gleichwertige Lebensverhältnisse nicht nur in Deutschland, sondern in Europa. Das ist die einzige Chance, den Populisten das Wasser abzugraben.