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Deutsche Patrouille regelrecht unter Feuer genommen

Masar-i-Scharif. Den letzten Vormittag seiner Afghanistan-Reise hatte sich Frank-Walter Steinmeier anders vorgestellt. Statt eines Frühstücks im größten deutschen Feldlager Masar-i-Scharif stand für den Außenminister am Donnerstag ein Besuch im Lazarett auf dem Programm - bei sieben Soldaten, die am Tag zuvor bei Anschlägen verletzt worden waren Von SZ-Mitarbeiter Christoph Sator

Masar-i-Scharif. Den letzten Vormittag seiner Afghanistan-Reise hatte sich Frank-Walter Steinmeier anders vorgestellt. Statt eines Frühstücks im größten deutschen Feldlager Masar-i-Scharif stand für den Außenminister am Donnerstag ein Besuch im Lazarett auf dem Programm - bei sieben Soldaten, die am Tag zuvor bei Anschlägen verletzt worden waren. Noch in der Nacht hatte ein Hubschrauber die Männer aus dem anderen deutschen Bundeswehr-Lager Kundus hierher gebracht. Der Leichnam eines getöteten Kameraden aus Donaueschingen blieb dort. Er wird an diesem Samstag nach Deutschland überführt. Der Begriff Lazarett täuscht ein wenig. Manch deutsches Kreiskrankenhaus ist um einiges schlechter ausgestattet als die Krankenstation im "Camp Marmal". Auch Anschlagsopfer können hier bestens versorgt werden. Zum Glück trugen die sieben Männer nach Bundeswehrstandard nur "leichtere Verletzungen" davon. Trotzdem sind einige in dicke Gaze-Tücher eingewickelt, die sich schon gelb verfärben. Zwei Soldaten hat es die Hände verbrannt, als eine Bombe die Tür ihres schwer gepanzerten "Dingos" zerschlug. Steinmeier lässt sich von den Soldaten erläutern, wie sich die Angriffe in der Nähe von Kundus abgespielt haben - zunächst der Selbstmordanschlag auf eine Patrouille am Vormittag, dann der Hinterhalt am Abend. Vor allem der zweite Anschlag erfüllt die Militärs mit Sorge. Erstmals wurde hier im Einsatzgebiet der Deutschen eine Patrouille - neun Fahrzeuge insgesamt, 26 Mann - regelrecht unter Feuer genommen. Mit Gewehren, Maschinenpistolen und auch mit Panzerfäusten. Offenbar war der deutsche Trupp schon am Morgen systematisch ausgekundschaftet worden. Im fast einstündigen Gespräch mit den verletzten Soldaten - junge Männer, die meisten aus Sachsen - stellt der Außenminister ein "Jetzt-erst-recht"-Gefühl fest. "Keiner von ihnen will, dass wir dieses Land in der Steinzeit zurücklassen, sondern weiter beim Aufbau helfen." Das trifft auch ganz gut die Stimmungslage, mit der Steinmeier selbst den vierten Besuch in diesem "Land mit seinen vielen Widersprüchen" beendet. Deutschland, das seit 2002 fast schon eine Milliarde Euro in die Bekämpfung des Terrorismus am Hindukusch und in den Wiederaufbau Afghanistans gesteckt hat, werde sich von seinem Ziel nicht abbringen lassen. "Es bleibt unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Afghanistan nicht erneut zum Hort des internationalen Terrorismus wird", sagt der SPD-Kanzlerkandidat. Auch die Tatsache, dass die meisten Bundesbürger den Einsatz am liebsten schon längst beendet sähen, soll daran nichts ändern. Für die nächsten Monate stellt man sich aber auf noch gefährlichere Zeiten ein. Nicht nur in Deutschland ist bald Wahl, auch in Afghanistan. Am 20. August soll hier ein neues Staatsoberhaupt bestimmt werden. Befürchtet wird daher, dass die Zahl der Anschläge steigen wird. Die Truppenstärke von insgesamt mehr als 70 000 wird deshalb nochmals kräftig aufgestockt. Die meisten Soldaten kommen aus den USA. Aber auch Deutschland schickt 600 zusätzliche Soldaten - wohl wissend, dass die radikal-islamischen Taliban-Milizen die Bundeswehr besonders ins Visier nehmen, um die Stimmung in Deutschland zu beeinflussen. Am Ende kann Steinmeier dann aber doch noch den Termin wahrnehmen, der in Masar-i-Scharif ursprünglich der wichtigste sein sollte. In frühmorgendlicher Hitze gibt er den Startschuss für den Ausbau des zivilen Flughafens. Mit 35 Millionen Euro soll er zu einem neuen Drehkreuz ausgebaut werden. Aus Sorge vor Anschlägen stehen aber auch hier, auf dem Dach des roten Flachbaus, drei Scharfschützen. Gegen Ende von Steinmeiers Rede zückt einer von ihnen die Digitalkamera, um ein Foto vom Minister zu machen. Wenigstens das ist normal hier.