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Jerusalem
Der Zorn ist groß bei den Palästinensern

Jerusalem. Trumps Anerkennung von Jerusalem als israelische Hauptstadt hat gestern gewaltsame Proteste ausgelöst. In der Stadt selbst blieb es aber noch ruhig.

Der Muezzin der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg ruft gegen Mittag zum Gebet. Sein Gesang erschallt über den Platz vor der Klagemauer am Fuße des Hügels in der Jerusalemer Altstadt. Juden beten vor den massiven Steinen, singen und stecken Zettel mit Wünschen in die Ritzen des Mauerwerks. Der Tempelberg, für die Muslime Al-Haram Al-Scharif (das edle Heiligtum), ist beiden Religionen heilig – und damit der perfekte Zankapfel zwischen Israelis und Palästinensern.


Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch die USA befeuert den Streit auf ein Neues – mit nicht absehbaren Folgen. „Ich denke, das ist keine gute Sache, das zu tun“, schimpft Osama Scheich, Palästinenser aus Jerusalem, über die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump. Der 19 Jahre alte Scheich ist einer der wenigen, die an diesem Tag arbeiten – in der Wechselstube seiner Familie am Jaffa-Tor zur Altstadt. „In Jerusalem befindet sich die Al-Aksa-Moschee und die gehört zu uns und nicht zu ihm“, sagt der junge Mann mit den kurzen braunen Haaren. Trump habe kein Recht, hier etwas zu verteilen, was nicht ihm gehöre. „Al-Aksa ist für alle Muslime wichtig, nicht nur für die Palästinenser.“ Und Salah Suhikeh sagt: „Amerika war ein großartiges Land für uns und jeden. Aber durch diese Entscheidung ist Amerika ein sehr kleines Land geworden, so wie jedes kleine Land in der Welt.“ Aus Sicht des 55-jährigen Palästinensers hat US-Präsident Donald Trump sein eigenes Versprechen „Make America great again“ zunichte gemacht. Die USA seien im Ansehen und als Vermittler zu „Mikronesien“ geschrumpft.

In der Jerusalemer Altstadt herrscht am Donnerstagmittag gespenstisches Stille. Ein Hund kläfft, ein Radio plärrt irgendwo, doch die Läden der Palästinenser bleiben fast alle geschlossen. Die Palästinenser streiken aus Protest gegen die Entscheidung Trumps. Der Chef der radikal-islamischen Hamas, Ismail Hanija, ruft währenddessen zu einem Palästinenseraufstand auf – zu einer „neuen Intifada“. Es gibt die Sorge, dass es nach den Freitagsgebeten zu einer neuen Explosion der Gewalt kommen könnte.

Andernorts ist die Wut bereits sichtbar: In Gaza marschieren Tausende erboste Palästinenser zum Mahnmal für den unbekannten Soldaten. Sie verbrennen Flaggen der USA und Israels und rufen Parolen wie „Tod für Amerika“ oder „Tod für Israel“. In Bethlehem schaltete die Stadtverwaltung die Beleuchtung des Weihnachtsbaums auf dem Manger-Platz vor der Geburtskirche Jesu aus Protest gegen die Jerusalem-Entscheidung Trumps ab.

Israelische Sicherheitskräfte setzen Tränengas, Gummigeschosse und scharfe Munition ein, um die Proteste im Westjordanland aufzulösen. Auch am Gazastreifen kommt es zu Konfrontationen. Insgesamt werden nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums mindestens 80 Palästinenser verletzt. Es herrscht Wut und Ohnmacht, aber ein Flächenbrand ist es bislang noch nicht. Auch der Aufruf von Palästinenserpolitikern zu drei „Tagen des Zorns“ ab Mittwoch hat bislang nur zum Teil gezündet.



Der endgültige Status von Jerusalem ist einer der größten Streitpunkte im Nahost-Konflikt. Die Palästinenser beanspruchen den 1967 von Israel eroberten und dann 1980 annektieren Ostteil Jerusalems als künftige Hauptstadt ihres angestrebten eigenen Staates. In der internationalen Gemeinschaft herrschte bislang Konsens darüber, dass der Status der Stadt in Friedensgesprächen zwischen Israelis und Palästinensern zu klären ist. Entsprechend scharf ist die internationale Kritik an Trumps Vorgehen.

In Israel ist der Jubel dagegen groß. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu spricht von einer „mutigen und gerechten Entscheidung“ und einem „historischen Tag“. Die Stadtverwaltung von Jerusalem projiziert eine riesige israelisch-amerikanische Doppelflagge auf die Altstadtmauer. Für mögliche Proteste fühlt sich die Regierung gerüstet. Verteidigungsminister Avigdor Lieberman versicherte: „Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet.“ Die erste größere Probe könnte am heutigen Freitag bevorstehen.