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Der unsichere Blick in Frankreichs Zukunft

Forbach. Was Schüler aus Forbach über den Präsidentschaftswahlkampf, den Front National, Arbeitslosigkeit und Terror denken. Hélène Maillasson

Nur noch wenige Tage Zeit haben die Kandidaten, um die Franzosen von sich zu überzeugen. Beim ersten Wahlgang am Sonntag kommen nur zwei der elf Bewerber für das Präsidentenamt in die nächste Runde. Wer das Rennen macht, darüber wird unter den Schülern des Lycée Blaise Pascal in Forbach heftig spekuliert. Im Klassenzimmer und in den sozialen Netzwerken.

Aus einer Gesprächsrunde mit elf Schülern einer elften Klasse wird deutlich: Das Internet ist neben der Familie die Hauptinformationsquelle für die Jugend. "Ich folge Jean-Luc Mélen chon auf Twitter", erzählt Héline begeistert. Warum Twitter? Weil es so schnell gehe. Wenn es etwas Neues gibt, wisse man sofort Bescheid, so die 16-Jährige. Warum Mélenchon, ein radikal Linker? Er sei als Einziger ehrlich, meint Mitschülerin Lisa (18). Die Erstwählerin wird am Sonntag für Mélenchon stimmen.



Doch längst nicht alle Menschen in Forbach fiebern den Wahlen entgegen. Bei der Regionalwahl 2015 fanden gerade mal 46 Prozent der Wahlberechtigten den Weg zu den Urnen. Chris macht mit Nichtwählern kurzen Prozess. "Die sind einfach zu faul", sagt er. Doch im Laufe des Gesprächs zeigt sich, dass dies vielleicht doch nicht der einzige Grund ist. Hélines Mutter wird zum Beispiel nicht zur Wahl gehen. Ganz einfach, weil sie keinen französischen Pass hat. "Vielleicht wissen die meisten auch zu wenig über Politik und können sich nicht entscheiden", vermutet Julie.

Frankreichweit ist Forbach bekannt für die hohen Zustimmungswerte, die die rechtsextreme Partei Front National (FN) dort bekommt. Richtige Fans zählt ihre Spitzenkandidatin Marine Le Pen in der Schülerrunde nicht. Aber es gibt durchaus Verständnis für manche Programmpunkte. "Es gibt so viele Arbeitslose in Frankreich. Wenn noch mehr Ausländer zu uns kommen, wird es noch mehr Leute für die wenigen Jobs geben", meint Chérine.

Auch Julie steht dem von Le Pen angepriesenen Vorrang für Einheimische auf dem Arbeitsmarkt grundsätzlich positiv gegenüber: "Erst mal sollte man allen Menschen, die hier leben - egal ob Franzosen oder Ausländern - Arbeit geben. Wenn das klappt, können zusätzlich Leute hierher ziehen." Manche in der Runde nicken, die anderen wissen nicht so ganz, ob das aufgehen kann. Im vergangenen Jahrhundert kamen ihre eigenen Großeltern aus Portugal, aus dem Maghreb und dem Nahen Osten, um hier zu arbeiten. Doch die dritte Generation meint, dass es für sie mit den Jobs eng werden könnte.

Alle elf Schüler teilen eine Erfahrung, und zwar was Arbeitslosigkeit bedeutet. Im engsten Familienkreis, in der Verwandtschaft, bei den Nachbarn oder bei älteren Freunden. Noch bereiten sich die Schüler - je nach Schulzweig - auf das Abitur und das Fach abitur vor. Was danach kommt, ist ungewiss. Einige möchten studieren, manche eine Ausbildung machen und andere arbeiten. Im Gespräch wird deutlich, wie sehr sie die Job-Frage ein Jahr vor dem Abschluss umtreibt. Sie machen sich Sorgen darüber, dass der Arbeitsmarkt keine Stelle für sie bereithält. Diese Befürchtung kommt nicht von ungefähr. 14 Prozent der Forbacher unter 25 Jahren sind arbeitslos.

Wählen würden die meisten den Front Nationale trotzdem nicht, meinen die Schüler. "Sie hat ein paar gute Ideen, aber auch schlechte, und sie ist zu extrem", findet Chérine. Dass Le Pen die Ehe für alle rückgängig machen will, findet die Schülerin albern. "Sie hat eine antike Vorstellung, das ist nicht zeitgemäß." Auch die Rückkehr zum Franc klingt für die Schüler absurd.

Die ehemalige französische Währung kennen sie nur aus den Geschichtsbüchern und von Erzählungen ihrer Eltern. Wie die Münzen und Scheine aussahen, weiß keiner. Außerdem fürchtet Chérine, dass ihre Freundin, die ein Kopftuch trägt, nach einem Sieg von Marine Le Pen diskriminiert würde. Ob das nicht schon jetzt der Fall sei? "Ja, in manchen Situationen schon, aber mit dem Front National wäre es schlimmer", sagt Chérine.



Warum wählen denn so viele Menschen in Forbach die Partei am rechten Rand? "Das sind vor allem die Alten, die Front National wählen - aus Angst. Vor Anschlägen, aber auch vor Jugendlichen, die in Jogginghose und mit Umhängetasche durch die Rue Nationale gehen", meint die 17-jährige Laurédane. Diese Meinung teilt Mitschülerin Saadia.

Geboren ist sie 2001, das Jahr des Anschlags von New York. Danach kam der Terror nach Madrid, London, Paris, Brüssel und vor kurzem erneut nach London. "Für unsere Generation sind solche Anschläge nichts Neues. Wir machen uns nicht verrückt deswegen. Aber die Älteren, die bekommen dadurch wirklich Angst." In der Runde sind die meisten tatsächlich überzeugt, dass dieses Unsicherheitsgefühl der Senioren Le Pen die Stimmen einbringt. In ihrer Generation sei der FN weniger populär.

Hingegen beeindruckt die Drohung Le Pens, die Grenzen dichtzumachen, die Schüler auf den ersten Blick wenig - obwohl sie einen großen Teil ihrer Freizeit in Saarbrücken verbringen - in den Geschäften, in der Fußgängerzone, in den Fast-Food-Restaurants. Ob Minderjährige bei strengeren Kontrollen so einfach über die Grenze kommen würden? Nach reiflicher Überlegung rudern Chérine und Laurédane zurück: "Hm, dann ist es doch doof mit der Grenzschließung."

Schädlich wäre die Schließung auch für das, was den Jugendlichen am meisten am Herzen liegt, die Arbeitssuche. Fabrice Botz, der die Schüler in Ethik- und Sozialkunde unterrichtet, organisierte einen Austausch zwischen ihnen, dem Forbacher Bürgermeister und einem Abgeordneten im Regionalrat.

"Da diese Generation das nie erlebt hat, sind sich die Schüler nicht bewusst, was Grenzkontrollen tatsächlich im Alltag bedeuten", erklärt der 38-Jährige. Im Gespräch mit ihnen hätten die Politiker um die Vorteile des grenzüberschreitenden Arbeitsmarkts geworben. "Okay, es gibt im Saarland berufliche Möglichkeiten. Aber die Politiker sollten das auch nicht als Vorwand nutzen, das Problem der Arbeitslosigkeit hier nicht lösen zu müssen", sagt Héline bestimmt. Klare Worte einer 16-Jährigen.

Heißt die Lösung mehr finanzielle Hilfe? Das bedingungslose Grundeinkommen - ein Vorschlag des Sozialisten Hamon - sehen die Schüler skeptisch. Ein paar von ihnen arbeiten in den Sommerferien, zum Beispiel in der Gastronomie. Wenn es mal nicht klappt, wissen sie, was das bedeutet: kein Sommerjob, kein Geld. "Wo soll das ganze Geld für solch ein Grundeinkommen herkommen? Nee, wer das vorschlägt, lebt in einer rosaroten Fantasiewelt", meint Thomas.

Auch der oft als "Jugendthema" stigmatisierte Ruf nach der Legalisierung von Cannabis weckt bei den Schülern wenig Reaktionen. Sie kennen Leute, die Gras rauchen. Auch Drogenhandel gebe es in Forbach viel. "Die machen das aber unter sich. Wenn man nicht drinsteckt, läuft das alles an einem vorbei. Eigentlich ist es mir ziemlich egal", meint Lisa und zuckt die Schultern. Auch der vom unabhängigen Kandidaten Macron vorgeschlagene "Kulturpass für die Jugend" - immerhin 500 Euro wert - lässt die Schülerin kalt.

"Was nützt mir so ein Pass? Ins Theater oder ins Kino komme ich trotzdem nur, wenn die Schule das organisiert. Alleine geht das nicht, der letzte Bus zurück fährt um 19 Uhr." Solche Vorschläge seien vielleicht in Paris gut, wo junge Leute mit der Metro fahren können. In Forbach laufen sie an der Realität vorbei.