| 20:22 Uhr

Ernährung und Übergewicht
„Ich wäre sogar für eine Zuckersteuer“

Kinderarzt Benedikt Brixius
Kinderarzt Benedikt Brixius FOTO: Oliver Spettel
Der Sprecher der Kinderärzte im Saarland sieht weiteren politischen Handlungsbedarf beim Thema Ernährung. Von Iris Neu-Michalik
Iris Neu-Michalik

Herr Dr. Brixius, Ernährungsministerin Julia Klöckner will dem Übergewicht politisch den Kampf ansagen. Halten Sie das für sinnvoll?


BRIXIUS Ja, unser Berufsverband fordert das auch schon sehr lange. Weil die meisten Eltern nicht mehr die Zeit haben, richtig zu kochen, werden zunehmend Fertigprodukte genutzt. Diese sollten dann aber auch ausgewogen und gesund sein, vor allem sollen die Mengen stimmen. Dass dieses Thema politisch angegangen wird, halte ich für durchaus angebracht.

Manche sehen darin zu viel politische Einmischung...



BRIXIUS Also ich würde das nicht in Richtung Entmündigung interpretieren. Im Gegenteil: Gerade für Eltern, die sich nicht so gut auskennen, wäre es eine Hilfe, sich darauf verlassen zu können, dass das jeweilige Produkt nicht zu ungesunder Ernährung und Übergewicht beiträgt.

Ist Fertignahrung tatsächlich so schlecht wie ihr Ruf? Oder ist es  nicht eher eine Frage der Menge?

BRIXIUS Ich sehe das Problem vor allem in der Zusammensetzung – darin dass diese Produkte meist zu wenig ballaststoff- und vitaminreich sind und dass alles verkocht ist. Ein weiterer Punkt, der angegangen werden muss, ist das Catering in den Kitas und Schulen. Auch dieses Essen ist oft zu fett, zu salzig, zu süß. In meiner Praxis erlebe ich oft, dass das Gewicht von Kindern, die in den Einrichtungen essen, nach oben geht. Und das darf nicht sein.

Ist es nicht überhaupt ein Problem, dass die Ernährung der Kinder immer mehr delegiert wird? Müssen nicht auch die Eltern mehr in die Pflicht genommen werden?

BRIXIUS Ja, die Eltern darf man nicht aus der Verantwortung nehmen, sie haben auch eine Vorbildfunktion. Aber bei der Umsetzung hapert es, zumal meist beide Eltern arbeiten müssen, und das Wissen um gesunde Ernährung immer häufiger fehlt. Wichtig wären daher entsprechende Kurse schon bei der Geburtsvorbereitung und im ersten Lebensjahr des Kindes. Das würde den Eltern den Einstieg erleichtern. Zusätzlich müsste das Thema Ernährung in den Schulen umfänglich behandelt werden, vielleicht sogar als eigenes Fach.

Klöckners Vorstoß wird ja von der SPD als zu unverbindlich kritisiert. Wäre mehr Regulierung nötig?

BRIXIUS Ich finde, dass man von politischer Seite durchaus noch entschlossener vorgehen sollte. Ich wäre zum Beispiel für eine Zuckersteuer, weil Zucker gesundheitspolitisch eine große Rolle spielt. Was unser Verband aber seit langem fordert, ist eine Lebensmittel-Ampel zur besseren Orientierung. Solche Maßnahmen könnten schon zu erheblichen Verbesserungen führen.

Das Interview führte
Iris Neu-Michalik