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Der Schuss, der die Republik veränderte

2. Juni 1967: Ein junger Mann liegt auf dem Boden, fast friedlich, die Augen geschlossen, überall ist Blut: Das Foto des sterbenden Benno Ohnesorg wurde zum Symbol einer Epoche. Foto: Henschel/akg-images/dpa
2. Juni 1967: Ein junger Mann liegt auf dem Boden, fast friedlich, die Augen geschlossen, überall ist Blut: Das Foto des sterbenden Benno Ohnesorg wurde zum Symbol einer Epoche. Foto: Henschel/akg-images/dpa FOTO: Henschel/akg-images/dpa
Frankfurt/Berlin. Der Tod von Benno Ohnesorg vor 50 Jahren war eine Zäsur: Mit den Polizeischüssen auf den Berliner Studenten begann in Deutschland eine Zeit der Unruhe – und der Umwälzungen. Nils Sandrisser,Christoph Schmidt

(epd/kna) Die Kugel trifft oberhalb des rechten Ohrs. "Bist du wahnsinnig, hier zu schießen?", herrscht ein Polizist seinen Kollegen Karl-Heinz-Kurras an. Neben ihnen liegt der Student Benno Ohnesorg auf dem Boden, ein dünner Faden Blut rinnt aus seinem Kopf. Seit knapp einer Woche sind der persische Schah Mohammed Reza Pahlavi und seine Gemahlin Farah Diba in Berlin zu Gast. Die Pahlavis sind nicht bloß ein von der Boulevardpresse gefeiertes Ehepaar. Ihr Land ist eine brutale Diktatur. 800 bis 1000 Demonstranten treffen sich daher am 2. Juni 1967, sie rufen "Schah, Schah, Scharlatan" und "Mörder, Mörder". Tomaten und Farbbeutel fliegen. Die Polizei prügelt brutal, eingeflogene "Jubelperser" noch brutaler.


Einer der Demonstranten ist der 26-jährige Benno Ohnesorg. Ein Pazifist und Gedichteschreiber, den Freunde als zurückhaltend und ungemein belesen beschreiben. An der Freien Universität studiert er Romanistik und Germanistik, einen Monat zuvor hatte er seine schwangere Freundin geheiratet. Die Proteste gegen autoritären Uni-Mief und Vietnamkrieg, gegen die Ausbeutung der Dritten Welt und Altnazis in Amt und Würden teilt Ohnesorg zwar, politisch ist er jedoch kaum aktiv. Die Berichte über das Folterregime des Schah, den die Bundesregierung nun hofierte, bringen auch ihn auf die Straße, auf Sandalen hinein in einen Tag voller Gewalt. "Autonomie für die Teheraner Universität" malt er auf einen Kissenbezug und nimmt ihn mit auf die Demo vor der Oper.

Gegen 20 Uhr verbreitet die Polizei die Nachricht, dass Protestierende einen Beamten erstochen hätten. Eine Falschmeldung. Doch die Polizisten zücken die Schlagstöcke und treiben die Menschen auseinander. In einem Hinterhof stellen sie eine Gruppe Fliehender, es gibt ein Gerangel. Dann fällt der Schuss. Der schwer verletzte Ohnesorg stirbt im Rettungswagen auf der Fahrt ins Krankenhaus Moabit. Die Berliner Polizei versucht, die Umstände von Ohnesorgs Tod zu vertuschen. Sogar die Ärzte im Moabiter Krankenhaus machen mit. Sie nähen die Schusswunde an Ohnesorgs Leiche zu und geben dessen Todesursache mit "Schädelbasisbruch" an.



Der Einsatzleiter der Polizei erklärt, er habe Kurras in jenem Hinterhof gar nicht gesehen. Kurras selbst sagt im November 1967 vor Gericht aus, er sei von einer Meute mit Messern angegriffen worden, als sich ein Schuss aus seiner Pistole gelöst habe - "nur mit Zutun der mich bedrängenden Demonstranten". Obwohl nur einer von etwa 80 Zeugen seine Version bestätigt, spricht das Gericht Kurras vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei. Eine Anklage wegen Totschlags hatte es gar nicht erst zugelassen. Auch ein Revisionsverfahren endet 1970 mit einem Freispruch.

Der tödliche Schuss wird für die linke Studentenbewegung zum Fanal. Der Schah, Vietnam, der Protest gegen alte Nazis und die Kugel im Kopf Ohnesorgs - all das gerinnt zu einem wütenden Aufstand gegen die alte Ordnung. Die sogenannten 68er krempeln damit letztlich die gesamte Gesellschaft der Bundesrepublik um. Auch ganz radikale Töne werden laut. Noch in der Nacht zum 3. Juni schreit eine junge Frau während einer Versammlung des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds: "Wir müssen Widerstand organisieren! Gewalt kann nur mit Gewalt beantwortet werden." Diese Frau heißt Gudrun Ensslin und wird später zu einem der führenden Mitglieder der Terror-Organisation Rote Armee Fraktion (RAF). Zum ersten Mal tritt diese Gruppe um Ensslin und Andreas Baader am 2. April 1968 in Erscheinung, als sie zwei Kaufhäuser in Frankfurt anzünden. Banküberfälle, Morde und Bombenanschläge folgen. Eine andere Terrorgruppe, die Berliner "Bewegung 2. Juni", benennt sich sogar nach Ohnesorgs Todesdatum. Ralf Reinders, ehemals Mitglied dieser Bewegung, erklärte einst zur Namenswahl: "Dieses Datum wird immer darauf hinweisen, dass sie zuerst geschossen haben." Die "Bewegung 2. Juni" geht später in der RAF auf.

Jahrzehnte nach Ohnesorgs Tod kommt heraus: Der Schütze Kurras war Agent bei der ostdeutschen Staatssicherheit, Tarnname "Otto Bohl". Mitarbeiter der Stasi-Behörde finden im Jahr 2009 dessen Akte. Aber auch wenn der Schuss der Studentenbewegung Schub gibt: Das war wohl nicht die Absicht der Stasi, Kurras war kein Agent provocateur. Dennoch ist denkbar, dass er mit dem Schuss am 2. Juni 1967 im Auftrag des Ost-Geheimdienstes gehandelt hat, erläutert der Berliner Historiker Jochen Staadt: "Kurras wusste seit Januar 1967 von einem Überläufer, der in den Westen geflohen war." Dessen Name war Bernd Ohnesorge. Möglicherweise also glaubt Kurras an jenem Abend, diesen Überläufer vor sich zu haben. "Es ist denkbar, dass er den Namen Benno Ohnesorg gehört oder in dessen Ausweis geschaut hat", sagt Staadt. Auch andere Gründe für den Schuss sind denkbar: Mehrfach hatte sich Kurras im Kollegenkreis abfällig über jene geäußert, die auf der Straße gegen die bleierne Atmosphäre der konservativen Republik aufbegehrten. "Bei der deutschen Polizei fand man die Studenten ekelhaft", sagt Staadt, "das galt für Ost wie für West." Protestieren gehörte sich für die Beamten eben nicht.

Hinzu kommt: Sogar der Stasi war eine "charakterliche Schwäche" ihres Spions aufgefallen, wie es in einem Dossier heißt. Kurras sei "sehr verliebt in Waffen" und habe einen "übermäßigen Hang zum Uniformtragen". Karl-Heinz Kurras stirbt Ende 2014. Anlass für Selbstkritik sieht er offenbar sein ganzes Leben lang nicht. "Ich hätte hinhalten sollen, dass die Fetzen geflogen wären, nicht nur einmal", sagt er in einem Interview im Jahr 2007. "Fünf, sechs Mal hätte ich hinhalten sollen. Wer mich angreift, wird vernichtet. Aus. Feierabend."

Jenseits dieses Hasses und der politischen Umwälzungen bleibt die persönliche Trauer. Lukas Ohnesorg kam erst nach dem Tod seines Vaters zur Welt. Seine Mutter Christa war bei der Demonstration dabei gewesen, aber früher nach Hause gegangen. Sein Vater sei so jung gestorben, sagt Lukas Ohnesorg heute: "Schade, dass ich ihn nie kennengelernt habe."

Zum Thema:

Die "68er" müssten eigentlich "67er" heißen Mit dem Tod von Benno Ohnesorg eskalierte der Konflikt zwischen Studentenbewegung und Staatsmacht. Der Historiker Eckard Michels weist darauf hin, dass in der Geschichtsschreibung der westdeutschen Protestbewegung eher von den "67ern" als von den "68ern" gesprochen werden müsste. 1967 sei das entscheidende Jahr gewesen. Nach dem 2. Juni 1967 radikalisierte sich die Studentenbewegung, spätestens nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 verließ die Studentenrevolte die Universitäten der noch jungen Bundesrepublik. Es folgten terroristische Gruppen wie die RAF, es folgten Bürgerbewegungen und viel später eine neue Partei: die Grünen. Spätere Terroristen wie Gudrun Ensslin begründeten die Hinwendung zur Gewalt mit der Ermordung Ohnesorgs. 1972 gründete sich in Berlin die Terrorgruppe Bewegung 2. Juni. Der Tag sei "zweifelsohne der Ausgangspunkt der Studentenbewegung gewesen", sagt auch der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar. Durch den Tod sei der Funke vom Campus der Freien Universität auf andere Hochschulen übergesprungen. "Es herrschte eine große Verunsicherung, ob man es mit den Anzeichen eines Polizeistaates zu tun habe." Die Studentenbewegung verstand sich als Teil der Außerparlamentarischen Opposition gegen die seit 1966 regierende Große Koalition. Aus der APO sprossen neue Ideen und Lebensmodelle. Was die NS-Zeit verschüttet und unterdrückt hatte, lebte wieder auf: Marxismus, Psychoanalyse, freie Liebe und der Traum der klassenlosen Gesellschaft.

Das Grab von Benno Ohnesorg und seiner Frau Christa auf dem Bothfelder Friedhof in Hannover. Foto: dpa
Das Grab von Benno Ohnesorg und seiner Frau Christa auf dem Bothfelder Friedhof in Hannover. Foto: dpa FOTO: dpa