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Der schrecklichste Zoo der Welt

Um mehr Besucher anzulocken, stellte der skrupellose Halter des privaten Zoos zeitweise auch die mumifizierten Körper bereits verstorbener Tiere aus. Fotos: Vier Pfoten
Um mehr Besucher anzulocken, stellte der skrupellose Halter des privaten Zoos zeitweise auch die mumifizierten Körper bereits verstorbener Tiere aus. Fotos: Vier Pfoten
Es sind Bilder, die niemanden kaltlassen: Ein Zoo im Gazastreifen ist zu einem Friedhof für Raubtiere geworden. Jetzt werden die letzten noch lebenden Tiere außer Landes gebracht. Nach langen Verhandlungen gab es endlich grünes Licht für eine Rettungsmission engagierter Tierschützer. Susanne Knaul

Für Tiger Laziz kommt die Rettung in höchster Not. All seine Freunde, Raubkatzen im Zoo von Khan Younis, ganz im Süden des Gazastreifens, sind tot - verhungert und mumifiziert, weil es kein Geld gab für Futter und eine artgerechte Versorgung. Laziz, zu deutsch: der Süße, wird heute Abend via Israel nach Südafrika reisen zum Lionsrock, einem Großkatzenrefugium, das - laut Webseite - Bedingungen "fast wie in freier Wildbahn" bereithält.


Manch ein Palästinenser mag den Transport mit Wehmut beobachten. Umfragen zeigen, dass jeder zweite Bewohner des Gazastreifens lieber heute als morgen wegziehen würde. Ohne Sondererlaubnis kommt indes kein Mensch raus aus dem im Norden von Israel und im Süden von Ägypten abgeschotteten Küstenstreifen, den die islamistische Hamas kontrolliert.

Gut ein Dutzend Aktivisten der internationalen Tierschutzgruppe "Vier Pfoten" sind jetzt angereist, um die letzten 15 Tiere aus dem "schrecklichsten Zoo der Welt" zu retten, wie ihn Tierarzt Dr. Amir Khalil nennt. Er schüttelt den Kopf über die Ignoranz und Hartherzigkeit des Zoobesitzers, der erst nach langwierigen Verhandlungen der Räumung des Geheges zustimmte. "Die Leute wissen einfach nicht, wie sie die Tiere behandeln müssen." Im Gazastreifen sind Tiere gesetzlich nicht vor Misshandlungen geschützt. Es gibt keinen staatlichen Zoo, dafür mehrere private Gehege mit Tieren, die zumeist durch Tunnel aus Ägypten eingeschmuggelt wurden und nur selten artgerecht behandelt werden.

Laziz ist der letzte Tiger, der den Gazastreifen verlässt. Schon nach dem Krieg vor zwei Jahren, als viele Tiere bei Luftangriffen und Panzerbeschuss zu Tode kamen und die Überlebenden in den oftmals zerstörten Gehegen in Bedrängnis gerieten, konnte Tierarzt Khalil drei Löwen aus dem "Al Bisan"-Zoo im Norden von Gaza retten und nach Jordanien bringen. Seit rund 22 Jahren ist Khalil als Projektentwickler für die "Vier Pfoten" in Wien aktiv. Auf seine Initiative geht die Aktion in Khan Younis zurück, die "Tausende von Euro" gekostet habe und nur mit Hilfe von Spendengeldern finanzierbar gewesen sei. Die "Vier Pfoten" lancierten dafür eine spezielle Kampagne im Internet.

Für viele Tiere in Khan Younis kommt die Hilfe Khalils und seines Teams dennoch zu spät. 40 Vierbeiner sind allein in diesem Jahr verendet, darunter mehrere Tiger, eine Löwin und als letztes noch ein Rehkitz. Der skrupellose Halter des privaten Tiergeheges war überfordert und plante offenbar, sämtliche Tiere zu mumifizieren. Khalil berichtet über Schulklassen, denen die toten Tiger vorgeführt wurden. Es war ein "Friedhof für Kuscheltiere", sagt er und fügt an, so etwas Schreckliches noch nie gesehen zu haben.



Khalil geht es bei der Aktion in Khan Younis nicht nur um die Rettung der Tiere, sondern auch darum, ein Bewusstsein zu schaffen. "Im Gazastreifen gibt es ganze zwölf Tierärzte ", berichtet er, fast alle seien im Gesundheitsamt angestellt. Eine Veterinärmedizinische Fakultät sei längst überfällig - und Gesetze, die festhalten, wie die Vierbeiner versorgt werden müssen.

Tiger Laziz steht mit dem Flug nach Johannesburg die weiteste Reise der Geretteten aus Khan Younis bevor. Fünf Schimpansen sollen in ein israelisches Affengehege unweit vom Flughafen Ben-Gurion kommen. Ein Emu, ein Hirsch, zwei Schildkröten, ein Pelikan und mehrere andere Vögel sind für einen jordanischen Zoo vorgesehen. Veterinär Khalil ist positiv überrascht von der Hilfsbereitschaft und Kooperation zwischen den Palästinensern, den Jordaniern und den Israelis. Wenn es um das Wohl der geknechteten Vierbeiner geht, klappt die Zusammenarbeit plötzlich ganz gut, sagt er zufrieden.

Die Leute in Gaza lassen Tiger Laziz und die Schimpansen mit einem lachenden, aber auch mit einem weinenden Auge gehen. "Sie nehmen uns unsere Tiere weg", schimpft ein Palästinenser halb im Scherz auf die jungen Tierschützer aus Europa.

Das Ende des Zoos von Khan Younis ist eine gute Nachricht für die geretteten Tiere. Für die zurückbleibenden Palästinenser wird das Leben im Gazastreifen ohne den Tierpark dagegen noch ein Stück weit trostloser.

Laziz, der letzte Tiger, wird heute nach Südafrika ausgeflogen.
Laziz, der letzte Tiger, wird heute nach Südafrika ausgeflogen.