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Der Revolutionswächter

Havanna. Guerillero, Staatsmann, Frauenheld: Fidel Castro ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Weltpolitik. Zuletzt ist es um Kubas Ex-Staatschef ruhig geworden. Der Revolutionsführer sinniert bereits über sein Ende nach. Klaus Ehringfeld

Es ist in diesen Tagen schwer, Fidel Castro in Kuba auszuweichen. Man sieht ihn auf Plakaten im ganzen Land, man sieht ihn im Fernsehen, man hört ihn im Radio. Die staatlichen Zeitungen sind voller Elogen auf ihn. Niemals nach seinem plötzlichen Abschied von der Macht vor zehn Jahren war der Revolutionsführer so präsent wie jetzt.


Castro wird heute 90 Jahre alt, und es hat den Anschein, dass die Regierung den wichtigsten Vater der kubanischen Revolution groß ehren will. "Fidel entre nosotros" heißt das Motto auch in Ausstellungen und betrieblichen Aktionen. "Fidel unter uns", so als sei Castro I. noch immer der Mann, der die Geschicke und die Geschichte des karibisch-kommunistischen Kubas bestimmt.

Aber seit Fidel Castro am 31. Juli 2006 wegen einer Darmerkrankung plötzlich aufs Altenteil wechselte, immerhin schon mit 79 Jahren, wacht er nur noch aus dem Hintergrund darüber, dass sein um fünf Jahre jüngerer Bruder Raúl das letzte kommunistische Eiland nicht allzu sehr in kapitalistische Gewässer abdriften lässt. Noch immer endet jeder wichtige Faden in den Händen von Castro I. und Castro II. Eine Familienherrschaft von linken Veränderern, die mal antraten, das kubanische Volk vom Joch eines brutalen und korrupten Bösewichts wie Fulgencio Batista zu befreien.



Fidel ist zwar weg, aber doch immer noch irgendwie da, als Mahner, als Aufsatzschreiber, als kommunistisches Korrektiv. Aus dem Revolutionsführer ist endgültig ein Revolutionswächter geworden. Etwa Ende März, nachdem Raúl Castro US-Präsident Barack Obama auf der Insel empfangen hatte, fiel Fidel über den Besucher aus Washington mit einer Mischung aus historischer Lehrstunde, Spott und Kritik her. Die zentrale Aussage der Fidelschen Worte: Die neue Nähe zum großen Nachbarn ist der falsche Weg. "Wir brauchen keine Geschenke vom Imperium", versicherte Castro I.

Und so ist man geneigt, die überschwänglichen Geburtstagswünsche auch als einen Tribut an die Orthodoxie zu lesen. Denn Fidel hat anders als sein Bruder immer die Frontstellung gegen den kapitalistischen Westen aufrechterhalten. So muss man vielleicht auch den bisher letzten öffentlichen Auftritt von Fidel Castro werten. Mitte April tauchte Castro I. überraschend leibhaftig auf dem Parteikongress der kubanischen KP auf. In der schon bekannten Adidas-Trainingsjacke trat er noch mal ans Rednerpult: Körperlich schwach, aber im Kopf noch wach, kokettierte er vor den 1000 Delegierten und 280 Gästen mit seinem möglichen Ableben: "Ich werde bald 90, was ich nie für möglich gehalten hätte. Es war eine Laune der Natur", sagte er: "Aber jeder ist mal dran. Doch die kubanischen Ideen bestehen fort", versichert er. Castro, der 1959 die Revolutionäre beim Einmarsch in Havanna anführte, versicherte, dass man auch nach ihm an den gleichen Idealen von damals festhalten werde: "Unseren Brüdern in Lateinamerika und der Welt sei gesagt: Das kubanische Volk wird siegen." Was immer das heißen mag in einer Zeit, in der nichts steter ist als die Veränderung - gerade auch auf Kuba. Trotz Reformen und wirtschaftlicher Freiheiten, die Castro II. angeschoben hat, sucht das Volk zu Tausenden das Weite in Richtung USA - entweder zu Wasser direkt über die Florida-Straße oder zu Land über Süd- und Zentralamerika.

Was Fidel Castro von all dem hält, weiß man nicht. Denn er ist sich all die Jahre treu geblieben. Schmerzliche Realitäten hat er nie als die eigenen Schwächen gesehen, sondern als Verschwörung gegen seine Insel. Und er hat beachtliches Überlebenstalent bewiesen. Castro hat 2006 eine bis heute mysteriöse Darmerkrankung überstanden, genau wie die neun US-Präsidenten und nach eigenen Angaben 638 Attentate in seinen 47 Jahren an der Macht.

Je härter die Umstände waren, desto stärker war Fidel. Mit nur 20 Mitstreitern, unter ihnen der argentinische Arzt Che Guevara , nimmt er in den Wäldern den Kampf gegen die Armee von Diktator Fulgencio Batista auf, der drei Jahre später kapituliert und in der Neujahrsnacht 1959 flieht.

Nach dem Sieg der Revolution schert sich Castro anfangs nicht viel um kommunistische Lehrsätze. Erst Umstände wie die US-Wirtschaftsblockade, die Schweinebucht und Druck aus seinem Umfeld, vor allem durch Bruder Raúl, bringen ihn dazu, sich der Sowjetunion zuzuwenden. Aber immer hat Fidel seine eigene Form des Sozialismus propagiert. Eine Mischung aus Marx, Lenin, dem kubanischen Freiheitshelden José Martí - und eben Castro.