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Joschka Fischer wird 70
Der Rebell in Turnschuhen, der zum Staatsmann wurde

Grüner, Denker, Rebell: Joschka Fischer wird heute 70 Jahre alt.
Grüner, Denker, Rebell: Joschka Fischer wird heute 70 Jahre alt. FOTO: Soeren Stache / dpa
Berlin. Joschka Fischer wird 70. Der frühere grüne Übervater mit der ungewöhnlichen Biografie hat das politische Tagesgeschäft ad acta gelegt. Nicht aber die Politik. Von Stefan Vetter

Keine große Promi-Party wie vor zehn Jahren im Nobelrestaurant „Grill Royal“ in der Berliner Friedrichstraße. Diesmal lässt Joschka Fischer den runden Geburtstag ruhiger angehen. Mit seiner fünften Ehefrau, der deutsch-iranischen Filmproduzentin Minu Barati, hat sich der ehemalige Bundesaußenminister vor dem möglichen Trubel nach London geflüchtet. Heute wird er 70 Jahre alt.


Auch wenn der einstige Übervater der Grünen nur noch selten in Erscheinung tritt, so hat seine Anziehungskraft kaum nachgelassen. Sein jüngstes Buch über den „Abstieg des Westens“, in dem er die dramatischen Umbrüche in den USA und in Europa analysiert, schaffte es wieder in die Bestsellerlisten. Seine Vortragsreisen füllen Säle. Nicht nur hierzulande, sondern auch in China oder Japan, wo es Fischer zuletzt öfter hinzog. Auch dort fasziniert seine ungewöhnliche Biografie.

Unvergessen Fischers Vereidigung als erster grüner Umweltminister in Hessen, die er in Turnschuhen absolvierte. Berüchtigt der unflätige Zwischenruf in seiner parlamentarischen Frühphase, „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“. Seltsam für viele aber auch, wie es ein Steinewerfer aus den wilden „68ern“ schließlich in eines der wichtigsten Regierungsämter Deutschlands schaffen konnte. Fischer weiß um die Magie seiner persönlichen Brüche. Unter mangelnder Eitelkeit hat er deshalb auch noch nie gelitten.

Seine Partei bekam das besonders zu spüren. Fischer hat Talente gefördert, aber auch in den Senkel gestellt. Dabei brauchte der gebürtige Baden-Württemberger kein Parteiamt, um sich Respekt zu verschaffen. Seine „Waffen“ waren Wortgewalt und rhetorische Meisterschaft. Gleich in drei Bundestagswahlkämpfen hintereinander hat er das bewiesen. Fischers Kampfgeist war immer dann in Hochform, wenn die Grünen wieder mal politisch am Abgrund standen. So zum Beispiel 1998, als der Fünf-Mark-Beschluss für den Liter Benzin die Partei fast den Wiedereinzug in den Bundestag gekostet hätte.

Aus dem politischen Tagesgeschehen hat sich Fischer längst zurückgezogen. „Meine Zeit war zu Ende“, meinte er einmal mit Blick auf die verlorene Bundestagswahl 2005. Fortan verlegte sich Fischer auf Bücher. Fast ein Dutzend hat er verfasst. Sein größter Renner war „Der lange Lauf zu mir selbst“. Vom Gesundheitsfanatiker zum Genussmenschen – auch das kennzeichnet seine Biographie. Mittlerweile würde Fischer gutes Essen einem strapaziösen Morgenlauf immer vorziehen. Im Berliner Grunewald, wo Fischer ein Haus besitzt, geht er gelegentlich mit seinem Hund spazieren. Und dann ist er noch Unternehmer. 15 Beschäftigte arbeiten bei „Joschka Fischer & Company“, einer Beratungsfirma, der er mit drei weiteren Gesellschaftern vorsteht. Die Geschäfte laufen prächtig.



Um die Grünen kümmert sich Fischer nicht mehr, was aber nicht heißt, dass ihm das Schicksal der Truppe gleichgültig wäre. Das neue Führungsduo Annalena Baerbock und Robert Habeck findet er gut, die politische Kaltstellung des vormaligen Chefs, Cem Özdemir, dagegen schlecht. Und die Grünen wissen immer noch, was sie an Fischer haben. In der Parteizentrale wurde ein „Best-of-Joschka-Fischer-Geburtstagsvideo“ für Facebook und Instagram kreiert. Eine kleine Ehrung aus der Ferne.