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Umtriebiger Ex-Außenminister
Der neue Gabriel ist anders, aber auch ganz der Alte

Ohne Krawatte sieht man Sigmar Gabriel jetzt öfter, wie gestern in Berlin. Auf dem Polit-Parkett mischt sich der SPD-Mann aber weiter ein.
Ohne Krawatte sieht man Sigmar Gabriel jetzt öfter, wie gestern in Berlin. Auf dem Polit-Parkett mischt sich der SPD-Mann aber weiter ein. FOTO: dpa / Wolfgang Kumm
Berlin. Lässiger, aber nicht leiser: Auch nach seinem Groko-Aus mischt der frühere Außenminister weiter kräftig mit – nicht immer zur Freude der SPD. Von Hagen Strauss

Der neue Sigmar Gabriel verzichtet jetzt gerne auf die Krawatte und trägt ein lässiges Polo-Shirt unter seinem Sakko. Sobald er jedoch das Wort ergreift, ist der frühere SPD-Chef und Bundesaußenminister ganz der Alte – er stichelt, er doziert, er erklärt die Welt. Kein anderer Minister, der nach der Bundestagswahl sein Amt verloren hat, mischt sich derart umtriebig in die Tagespolitik ein wie Gabriel. Er will gehört und nicht vergessen werden.


Gestern bot sich dafür in Berlin wieder eine Gelegenheit jenseits von Gastbeiträgen und Interviews, die Gabriel gerne geschickt mit politischen Spitzen garniert. So ist er, so war er immer. Deswegen war der Saal im Haus der Bundespressekonferenz voll, viele Kamerateams waren da. Der 58-Jährige saß bei der Vorstellung des Buches „Wir verstehen die Welt nicht mehr. Deutschlands Entfremdung von seinen Freunden“ des Journalisten Christoph von Marshall auf dem Podium. Ein Thema für ihn wie auf dem Silbertablett serviert. Gabriel wird dazu Mitte September auch ein eigenes Buch vorstellen: „Zeitenwende in der Weltpolitik“.

Deutschland müsse endlich „geostrategische Verantwortung“ übernehmen. „Das Land muss strategisch erwachsen werden“, forderte Gabriel. Mehr Mut, mehr Selbstbewusstsein, mehr Einfluss. Und das zügig. Außerdem müsse sich die Republik von ihrem „moralischen Rigorismus“ verabschieden, der sogar in einer „albernen“ Debatte gipfele, ob der türkische Präsident Erdogan bei seinem Staatsbesuch Ende September mit militärischen Ehren empfangen werden dürfe. „Na, klar!“, sagt der Mann aus Goslar. Allerdings: Gerade mit Blick auf die Türkei hatte er auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung um inhaftierte Deutsche noch anders argumentiert. Das war vor einem Jahr.



Nun hat der Genosse in den letzten Jahren Deutschlands Rolle in der Welt mitgeprägt – zuletzt auch noch zu Zeiten von Brexit und Donald Trump. Fast acht Jahre war er SPD-Chef, er war Wirtschaftsminister, Vizekanzler und zuletzt Außenminister. Gerade mal fünf Monate ist das her. Wer so mächtig ist, den trifft doch gewiss eine Mitschuld, dass die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Erde sich offenbar der Illusion hingibt, nichts ändern zu müssen. Oder? Gabriels Antwort: „In der SPD ist es ohnehin üblich, dass ich an allem Schuld bin. Also hier auch.“ Das sei natürlich spaßig gemeint, schob er rasch nach. Wirklich?

In Wahrheit dürften die alten Stacheln weiterhin tief sitzen, und Gabriels Umtriebigkeit könnte ein Zeichen dafür sein, dass er noch lange nicht abgeschlossen hat mit seinem erzwungenen Karriereende in der Regierung. „Respektlos“ sei der Umgang in der SPD miteinander geworden, hatte er sich beklagt, nachdem ihm Andrea Nahles und Olaf Scholz den Stuhl vor die Tür gestellt hatten. Für viele in der SPD, die ihrerseits unter seiner sprunghaften und harten Führung gelitten hatten, war die Äußerung freilich der Gipfel der Unverschämtheit. Mit einigen der alten SPD-Weggefährten hat sich Gabriel seitdem überworfen. Aber nicht mit allen. So sollen er und Martin Schulz, über den er nach der verlorenen Bundestagswahl in der ersten Wut übel redete, wieder miteinander im Reinen sein. Und Frank-Walter Steinmeier, den Gabriel ins Amt des Bundespräsidenten verhalf, wird wohl die Festrede halten, wenn er in gut einem Monat die Ehrenbürger-Würde seiner Geburtsstadt Goslar erhält.

Dass man noch viel von Gabriel hören wird, hatte er Ende Juni quasi offiziell auf seiner Homepage mitgeteilt. Damals hatte das Bundeskabinett die Erlaubnis erteilt, dass er für die Zeitungen des Holtzbrinck-Verlages schreiben darf. Manch einer in der SPD empfand die Ankündigung als Drohung. Offenbar aus gutem Grund: So empfahl er etwa in einem Text der Partei- und Fraktionschefin Nahles öffentlich eine härtere Gangart in der Flüchtlingspolitik. Das sorgte für jede Menge Unmut. Nach einer Karenzzeit wird Gabriel 2019 auch in den Verwaltungsrat des neuen deutsch-französischen Schienenfahrzeugherstellers Siemens-Alstrom gehen.

Wer ihn kennt, ahnt: Er wird sich weiter einmischen und sich nicht wie andere Ex-Minister aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Wenn man so will, spricht dafür auch ein ungewöhnliches Foto, das in dieser Woche gedruckt wurde: Es zeigt Gabriel mit Ehefrau und seinen kleinen Töchtern, die aber nicht unkenntlich gemacht wurden. Er hätte darauf verzichten können.


Gabriel im Januar 2017, als er Außenminister wurde – mit Kanzlerin Merkel, Ex-Bundespräsident Gauck, Tochter Marie, und Ehefrau Anke. Seit März gehört er dem Kabinett nicht mehr an.
Gabriel im Januar 2017, als er Außenminister wurde – mit Kanzlerin Merkel, Ex-Bundespräsident Gauck, Tochter Marie, und Ehefrau Anke. Seit März gehört er dem Kabinett nicht mehr an. FOTO: dpa / Kay Nietfeld