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Interview Peter Stolz
„Der Mensch braucht Platt für sein Gemüt“

„In der Schule sollten Kinder Hochdeutsch lernen“: Peter Stolz, Liebhaber der rheinfränkischen Mundart, plädiert für Zweisprachigkeit. 
„In der Schule sollten Kinder Hochdeutsch lernen“: Peter Stolz, Liebhaber der rheinfränkischen Mundart, plädiert für Zweisprachigkeit.  FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. An diesem Mittwoch ist Welttag der Muttersprache. Ein Experte aus dem Saarland erklärt, warum es sich lohnt, Dialekte zu pflegen. Von Fatima Abbas
Fatima Abbas

Weltweit werden etwa 6000 Sprachen gesprochen, 2500 sind vom Aussterben bedroht. An letztere erinnert der Internationale Tag der Muttersprache am 21. Februar. Laut Unesco sind auch die beiden Dialektarten im Saarland, Rhein-und Moselfränkisch, gefährdet. Mundartexperte Peter Stolz ist dennoch optimistisch.


Herr Stolz, warum sollte man Mundart pflegen?

PETER STOLZ Mundart ist sehr wichtig und wird oft unter Wert gehandelt. Kinder sollten sowohl Mundart als auch Hochdeutsch beherrschen. Zweisprachigkeit ist eine Bereicherung und immer von Vorteil für die Sprachkompetenz. Mundart hat außerdem sehr viele Ausdrucksmöglichkeiten, die das Hochdeutsche nicht hat.

Sollte es Mundart als Schulfach geben?

STOLZ Nein. Das wäre nicht sinnvoll. Es sollte in der Diskussion um die Mundart keinen Fanatismus geben. Wichtig ist, dass in der Schule gutes Hochdeutsch vermittelt wird. Man kann aber vieles auch in Mundart machen. Man kann Mundarttexte behandeln, Mundartgeschichten besprechen, Theater in Mundart spielen, Texte analysieren…Vor allem das Mundarttheater kommt in den Schulen zu kurz.



Die zwei großen Mundartgruppen im Saarland sind Rheinfränkisch und Moselfränkisch. Wie viele Unterarten gibt es?

STOLZ Das kann man so nicht beziffern. Es gibt so viele Unterarten, wie es Dörfer gibt. Von Familie zu Familie wird unterschiedlich gesprochen. Manchmal ist der Unterschied unter den Familien größer als zwischen den Dörfern.

Was schätzen Sie: Wie viel Prozent der Saarländer schwätzen Platt?

STOLZ 90 bis 95 Prozent. Zugezogene sind natürlich die Ausnahme.

Können Sie beides?

STOLZ Ich beherrsche beides, ja. Und man sollte auch beides beherrschen.

Denken oder träumen Sie auf Mundart oder auf Hochdeutsch?

STOLZ Hmm... Kommt auf die Situation an. Ich denke, ich träume auf Mundart, bin mir aber nicht ganz sicher. Wenn ich Gedichte schreibe, fällt mir das Reimen auf Hochdeutsch leichter als auf Platt.

Wie kommt das?

STOLZ Weil mundartliche Ausdrücke viel präziser sind.

Ist Mundart Ihre Muttersprache?

STOLZ Ja, die rheinfränkische Mundart, wie man sie im Bliesgau spricht.

Existiert die „reine“ Mundart überhaupt? Kommt es nicht ständig zu Vermischungen?

STOLZ Nun ja, das Saarland ist ein Konglomerat. Natürlich kommt es zu Vermischungen. Man sollte aber die einzelnen Unterarten eigentlich nicht mischen. Was wir beobachten, ist, dass das Saarbrückerische sich immer stärker in der Peripherie durchsetzt, weil eben viele Saarländer aus anderen Teilen nach Saarbrücken kommen. Beispielsweise viele Ensheimer sprechen eine Mischung aus Hochdeutsch und Saarbrückerisch. Diese Vermischung findet auch im Film oder auch im Kabarett statt. Die Produktionen werden in der Regel nicht nur für Saarländer gemacht und enthalten deshalb häufig Elemente in Hochdeutsch. Aber das ist bei den Bayern, den Schwaben und allen anderen ebenso.

Stört Sie das?

STOLZ Nein. Unserem Verein geht es zwar um authentische Mundart, aber das ist sehr problematisch, weil sich vieles verändert. Durch Mobilität und den Generationenwechsel. Meine Oma sprach noch ein ganz anderes Platt als meine Kinder.

Wie lernt man als Zugezogener am schnellsten den lokalen Dialekt?

STOLZ Indem man zuhört und versucht, zu sprechen. Aber es gibt ja keinen Zwang zum Dialekt. Lasst doch alle sprechen, wie sie wollen! Wichtig ist, dass wir selbst unsere eigene Mundart pflegen.

Kann man als reiner Hochdeutschsprecher in jedem Fall Dialekt lernen?

STOLZ Ich würde sagen, jeder, der Hochdeutsch spricht, versteht die rheinfränkische Mundart. Beim Moselfränkischen ist es da schon schwieriger. Ich kenne Autoren aus dem Hochwald, die für mich nur schwer zu verstehen sind. Aber das ist so auch anderswo. Bei einigen bayrischen Dialekten verstehe ich nur Bahnhof.

Sind Dialekte vom Aussterben bedroht?

STOLZ Nein. Als lebendige Sprachen verändern sie sich lediglich, und sie werden in veränderter Form weiterleben. Beispiel: Als Lehrer habe ich erlebt, dass damals unsere Schüler vom Dorf nur Platt sprachen. Ich sah es als meine Aufgabe an, ihnen Hochdeutsch beizubringen, damit sie woanders nicht ausgelacht oder benachteiligt wurden. Heute ist das anders. Mein Enkel ist vier Jahre alt und spricht recht viel Hochdeutsch. Er lernt es im Kindergarten, im Fernsehen, beim Theaterspielen oder Vorlesen. Ich spreche nur Mundart mit ihm. Die Tendenz hat sich umgekehrt. Aber ich habe trotzdem keine Bedenken. Mundarten sind nicht vom Aussterben bedroht. Gehen Sie doch mal auf den Uni-Campus. Die Studenten reden, wenn sie unter sich sind, meistens Platt. Auch wenn sich junge Leute über digitale Medien austauschen, schreiben sie erstaunlich viel in Mundart. Nur schreibt eben jeder so, wie er will, es gibt keine mundartliche Orthografie.

Fällt Ihnen spontan ein Wort oder eine Redensart auf Mundart ein, die bereits so gut wie ausgestorben ist?

STOLZ Zum Beispiel: „Die dummschde Baure hann die dickschde Grumbeere“, „Wer nét kómmt, brauch nét se gehen“ oder „Jedem seins, dann krieht de Deiwel néx“. Unsere Mundart war bis zur Generation meiner Großeltern stark vom Französischen beeinflusst. Zum Beispiel hieß der Regenschirm „Parabli“, von französisch „parapluie“. Diese Ausdrücke sind weitgehend verschwunden.

Ergänzen Sie bitte den Satz: Muttersprache bedeutet für mich…

STOLZ …die ursprünglichste, wichtigste, lebendigste und ausdrucksstärkste Sprache, die ich kenne.

Wer oder was hat Sie sprachlich am meisten geprägt?

STOLZ Mein Elternhaus, meine Familie. Wenn Sie es genau wissen wollen, meine Oma. Sie hat mich sehr stark beeinflusst durch Lieder und Gedichte. Sie hat in mir die Liebe zur Poesie geprägt.

Ihr Lieblingswort auf Dialekt?

STOLZ Ich habe keins.

Das glaube ich nicht…

STOLZ Was wollen Sie hören? Vielleicht etwas angeblich typisch Saarländisches wie beispielsweise „Dibbelabbes“? Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Dibbelabbes gegessen. Den kannte man früher bei uns im Bliesgau nicht.

Begrüßen Sie wenigstens Ihren Nachbarn mit „Unn?“

STOLZ Durchaus. Und der antwortet dann „Gutt!“. Diese Art der Kommunikation ist aber nicht typisch saarländisch.

Haben Sie einen saarländischen Lieblingsdialekt?

STOLZ Ich finde die Ensheimer Mundart besonders schön.

Warum?

STOLZ Sie hat eine schöne Sprachmelodie. Sie ist stark alemannisch geprägt, „mein“ heißt dort „min“, „Haus“ heißt „Hus“.  Außerdem machen sie dort aus „d“ und „t“ ein „l“. Aus Laden wird so beispielsweise „Lale“, „Mädchen“ heißt „Mäle“. Man nennt diese Erscheinung Lamdazismus. Das ist schon sehr besonders.

Gibt es zwischen den Anwendern der einzelnen Mundartgruppen Feindschaften?

STOLZ Nein. Und wenn, dann nur im Spaß. Die Heckendalheimer nehmen die Ommersheimer immer auf die Schippe. Und umgekehrt.

Nervt Sie was am aktuellen Sprachgebrauch?

STOLZ Die überflüssigen Anglizismen. Deutsch ist eine wunderschöne Sprache, und man sollte sie pflegen, wo man kann. Nichts gegen den Gebrauch von Fremdwörtern, sie sind manchmal gut und sinnvoll. Aber oft werden sie aus rein modischen Gründen verwendet. Wenn ich beispielsweise höre, dass jemand „schoppen“ geht oder eine „Lokäischen“ für seine Hochzeitsfeier sucht, dann wird mir leicht übel.

Ein abschließender Gedanke?

STOLZ Hochdeutsch braucht der Mensch für den Kopf, Plattdeutsch für das Gemüt. Meine Kollegin Helga Bouters aus Biebelhausen hat das einmal so formuliert: „Deutsch und Französisch sind wie Uniformen, Mundart ist wie ein bequemes Kleid, in dem man sich wohlfühlt.“

Das Interview führte Fatima Abbas.