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Der Mann, der eigentlich alles kann

Gitarre („eine Stratocaster, wie Springsteen“) übt Jürgen Albers täglich. Das braucht der 65-Jährige auch zum Glücklichsein. Foto: Rich Serra
Gitarre („eine Stratocaster, wie Springsteen“) übt Jürgen Albers täglich. Das braucht der 65-Jährige auch zum Glücklichsein. Foto: Rich Serra FOTO: Rich Serra
Saarbrücken. Als Moderator des SR-Klassikers „Fragen an den Autor“ verabschiedet sich Jürgen Albers in wenigen Wochen. Dann ist er „nur noch“ Künstler und Kenner – der trotz seiner Vita behauptet, dass eigentlich alles Zufall war. Frauke Scholl

Klavier spielen kann er nicht, sagt er. Aber es würde einen nicht wundern, wenn das nicht stimmt. Denn eigentlich fragt man sich, was dieser Jürgen Albers nicht kann. Dafür spricht nämlich einiges. Seit mehr als 30 Jahren kennt ihn das Saarland als Moderator der SR-Kulturradio-Sendung "Fragen an den Autor". Seit mehr als 40 Jahren steht er als Lieder-Kabarettist und Mundart-Künstler auf der Bühne. Er hat einen Doktortitel, drei Satirebände veröffentlicht, war Karatemeister und Tanztrainer, und täglich übt er auf einer Gitarre, wie sie auch Bruce Springsteen spielt. Zu Allüren führt das Ganze aber offenbar nicht - im Gegenteil. Denn eigentlich, sagt Albers, "kann ich nichts so richtig toll".


In einer stilvollen Saarbrücker Altbau-Wohnung sitzt ein Mann an seinem Wohnzimmer-Tisch, der bei aller Bescheidenheit beeindruckt. So sieht er also aus, der Albers, der immer wieder sonntags auf SR2 mit den Autoren gesellschaftskritischer Bücher spricht, über Kapitalismusprobleme und Erneuerbare Energien, mit Marktliberalen oder Weltverbesserern. Günter Wallraff oder Peter Scholl-Latour , Heiner Geißler oder Sahra Wagenknecht hat er in 35 Jahren gelöchert, unterstützt von seiner Hörerschaft, die Fragen einreichte. "Ich habe ein unglaublich treues Publikum", sagt der 65-Jährige, der aussieht wie ein klassischer Intellektueller; schlank, graumeliert, kluge Augen. Schon jetzt erhält er Zuschriften von Hörern, die gar nicht fassen wollen, dass er bald aufhört. Eine Frau aus der Schweiz bot sogar an, Geld zu sammeln, damit er bleibt. So ganz verstehe er nicht, wie es zu der Begeisterung kam, denn eigentlich - das sagt er oft - war er gar nicht geeignet für den Job. Und alles war "Zufall".

Als der knapp 30-jährige, damals freiberufliche Künstler und Journalist 1981 zu "Fragen an den Autor" kam, galt die Sendung noch immer als der Straßenfeger, die sie in den 70ern war. "Es war eine klassisch-bildungsbürgerliche Sendung, es ging um gehobene Volksbildung", sagt Albers. Sein Vorgänger am Mikrofon, Heinrich Kalbfuß, war die Stimme der Sendung, die 1969 erstmals on air ging. Eine Stunde Wort-Programm mit Hörer-Beteiligung, typisches Bildungsradio. Und da sollte dieser "aufmüpfige Alternativo" Albers rein, der schon für sein kritisches Lieder-Kabarett bekannt war? Dieser linksbürgerliche Post-68er in einer konservativen Sendung? Das passte ja nicht, fand er. Aber das Angebot einer festen Stelle lehnte er nicht ab - "ich hatte eine junge Familie zu versorgen".



Die ersten Sendungen als Moderator - zunächst war er als Redakteur dabei - waren noch mulmig für den Saarländer. "Ich dachte, ach Gott, wenn diese harmlosen Menschen am Radio merken, was ich für einer bin, die hassen mich." Aber so kam es nicht ("ich war überrascht"). Zwar nahm die Hörerzahl der Sendung ab. Weil die Ära des Bildungsradios vorbei ging, vielleicht auch, weil die Sendung 2003 von SR1 auf SR2 wechselte. Zudem läuft sie seit kurzem um neun statt elf Uhr am Sonntagsmorgen. Trotzdem hielt sie sich, mit Albers. Auch dank der öffentlichen Live-Sendungen, deren letzte mit Albers am 22. Januar läuft. Im Schnitt kommen heute 300 Gäste, zu Spitzenzeiten waren es schon 1500.

Dass Albers vielschichtig ist, half der Sendung sicher. Als eher Linker diskutierte er selbst mit "höchstkonservativen" Gästen, auch gegen Kritik. Aber Albers, der linker Student war, hat keine Schere im Kopf. "Ich sehe mich als Vermittler und versuche nicht, als Moderator alles besser zu wissen." Dadurch habe er viel gelernt über und von seinen Gästen, genau wie die Hörer. Auch nach rund 2500 Folgen "Fragen an den Autor" werde es ohne ihn weiter gehen, sagt Albers. Mit wem, ist noch offen.

Und wie geht es mit ihm weiter? Er werde Vermittler bleiben, sagt er. In dieser Rolle sieht er sich seit jeher, bei aller Vielfalt. Ob als Lehrer ("das war ich auch mal") oder im Rundfunk, als Kabarettist oder Sport-Trainer. Verrückte Kombination? "Ja, das wurde mir früh bescheinigt." Und: "Ich mache immer Sachen, für die ich völlig unbegabt bin", sagt der Mann des Understatement, der 1951 in Saarbrücken geboren wurde, zur Schule ging, studierte (auch in Marburg) und mitmachte im links-studentischen Zeitgeist. Über eine Band kam er zur Gitarren-Musik. Gab zeitkritische Texte hinzu, gegen verkrustete Politik und Atomkraftwerke. "Aber so richtigen Agit-Pop konnte ich nie", ein radikalerer Freund habe ihm einmal freundschaftlich "liberale Liedchen" attestiert.

Stattdessen wurde Albers zum Vorkämpfer der saarländischen Mundart-Szene. Noch heute hängen seine Platten an der Wand. Die Mischung aus Gesellschaftskritik und Mundart fasziniert ihn bis heute. Als witzig, wegen des Spannungsverhältnisses. Sein Lied "Es Saarland is e rischdisches Gärdsche" machte ihn 1977 zum "One-Hit-Wonder", später folgten aber weitere wie "Es Jennifer is geschdern heirate gang". Ab 1979 gab es regelmäßige Auftritte. Unterdessen promovierte er über Brechtsche Dramen. Und war Karate-Coach.

Über einen "linksradikalen Karatekurs" - geleitet vom späteren FDP-Politiker Horst Hinschberger (!) - kam er zu dem Kampfsport, wurde Meister und Trainer. Weil er sich verteidigen können wollte, bei politischen Studenten-Prügeleien. Zum Tanzen kam er später wegen der Frauen. "Wer tanzen kann, steigert seine Marktchancen, das war mir klar." Und weil Jürgen Albers nichts einfach so laufen lässt, wurde er auch hier Trainer und Meister. Also doch Talent? "Naja, ich übe viel." Aha. Im Ernst sagt der Tausendsassa: "Ich suche mir unbewusst wohl immer etwas, was mich herausfordert. Ich versuche, an meinen Schwächen zu arbeiten." Irgendwo zwischen Selbstzweifel und Ehrgeiz wurde er dann doch ein bekannter Saarländer.

Und ohne Radio? Der Abschied wird ihm schwer werden, sagt er. Aber umtriebig wird er bleiben, auch nach dem Ruhestand im März. "Ich sage ganz offen, ich gehe in Halbpension ", den Spruch hat er vom Kollegen Schorsch Seitz übernommen. Als Nachhilfe-Lehrer für Sprachen (die hat er studiert) will er aktiv werden, es als Kabarettist bleiben. Sein aktuelles Programm "Ey Alder" würde er gern weit öfter spielen, aber "das Saarland ist einfach ein kleiner Markt". Das kennt er schon vom Kulturradio. Er wird auch weiter jeden Tag Gitarre und Singen üben, früh aufstehen und mit Hund Archie spazieren gehen. Und vermutlich wird er weiter behaupten, dass Klavier nur seine Frau spielt.

Zum Thema:

Auf einen Blick Das Beste aus den Sendungsjahren 2015 und 2016 läuft bei "Fragen an den Autor" an diesem Sonntag, Neujahr, um 9 Uhr bei SR2. Die letzte öffentliche Sendung mit Jürgen Albers beginnt am Sonntag, 22. Januar, 9 Uhr, live im Riegelsberger Rathaussaal, zum Thema "Windkraft, Nein Danke?". Zu Gast ist Autor Georg Etscheit. Im Anschluss lädt Albers die Besucher zum Abschieds-Umtrunk. Der Eintritt ist frei. Im Dienst ist Jürgen Albers noch bis Ende März. Dann soll ein neuer Moderator die SR-Sendung übernehmen. kes

Ein SR-Radio-Klassiker, seit 35 Jahren mit Albers (links): Hier in einer „Fragen an den Autor“-Sendung der 80er, daneben Vorgänger Heinrich Kalbfuß und Gast Peter Scholl-Latour. Foto: SR/G. Klahm
Ein SR-Radio-Klassiker, seit 35 Jahren mit Albers (links): Hier in einer „Fragen an den Autor“-Sendung der 80er, daneben Vorgänger Heinrich Kalbfuß und Gast Peter Scholl-Latour. Foto: SR/G. Klahm FOTO: SR/G. Klahm
Kritisches Kabarett in Mundart – damit tritt Albers (hier 2004) seit Jahrzehnten auf. Foto: Jenal
Kritisches Kabarett in Mundart – damit tritt Albers (hier 2004) seit Jahrzehnten auf. Foto: Jenal FOTO: Jenal