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Prozess gegen Paris-Attentäter
Der Mann, den sie in Frankreich hassen, kommt vor Gericht

Paris. Salah Abdeslam gilt als einziger überlebender Paris-Attentäter von 2015. Ab Montag beginnt der erste Prozess gegen den Islamisten in Belgien – wo Ermittler ihn aufspürten. Von Stephanie Lob

Er ist einer der meistgehassten Männer Frankreichs, seinetwegen werden Rufe nach einer Wiedereinführung der Todesstrafe laut: Salah Abdeslam. Der in Belgien geborene Franzose marokkanischer Abstammung gilt als einziger überlebender Täter der Pariser Anschläge vom November 2015 mit 130 Toten. Ab Montag steht der 28-Jährige in Brüssel erstmals vor Gericht. Bricht er endlich sein Schweigen?, fragen sich die Angehörigen der Opfer.


Für den Prozess wird Abdeslam aus dem Hochsicherheitsgefängnis Fleury-Mérogis südlich von Paris nach Belgien überstellt. Dort sitzt er ein, seit er den Fahndern im März 2016 nach viermonatiger Flucht in Brüssel in die Fänge ging. Damals galt er als der meistgesuchte Mann Europas. Sein Fahndungsfoto zeigt einen unscheinbaren jungen Mann mit schmalem Gesicht, braunen Augen und zurückgegelten dunklen Haaren. Die Ermittler gehen heute davon aus, dass Abdeslams Festnahme am 18. März 2016 die Brüsseler Anschläge vier Tage später auslöste, bei denen Islamisten am Flughafen und in der Metro 32 Menschen töteten. Wegen Schüssen auf Polizisten vor seiner Inhaftierung wird Abdeslam nun mit einem Komplizen zunächst in Brüssel der Prozess gemacht. Wann sein Verfahren in Frankreich beginnt, ist noch offen.

Sein Bruder Brahim war einer der Selbstmordattentäter, die sich am 13. November 2015 in Paris in die Luft sprengten. Salah Abdeslam selbst organisierte nach Erkenntnissen der Ermittler zwei Mietautos und zwei Zimmer für die Kommandos, die an dem Herbstabend ein Blutbad in der Konzerthalle Bataclan und auf den Terrassen mehrerer Restaurants und Bars anrichteten. Sie scheiterten aber mit ihrem Plan, in das Fußballstadion Stade de France einzudringen, wo die deutsche Nationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Und auch Abdeslams Plan ging nicht auf: Laut einem Brief, der ihm zugeschrieben wird, zündete sein Sprengstoffgürtel nicht. „Auch ich wollte als Märtyrer sterben, aber Allah hat anders entschieden“, wird er zitiert.

Viel ist in den vergangenen zwei Jahren über Abdeslam gesagt und geschrieben worden. Sein belgischer Anwalt Sven Mary bescheinigt ihm „die Intelligenz eines leeren Aschenbechers“. Immer wieder wird seine Jugend im Brüsseler Vorort Molenbeek beschrieben, der für seine Islamistenszene berüchtigt ist. Bekannte beschreiben ihn als eher gewöhnlichen Jugendlichen, der wie sein Bruder gerne Fußball spielte, Alkohol trank und mit Frauen anbändelte. Von einer Radikalisierung bemerkte lange niemand etwas.

Doch dann lernte er Abdelhamid Abaaoud kennen, der später einer der bekanntesten belgischen Dschihadisten werden sollte und als Drahtzieher der Anschläge von Paris gilt. Wegen eines Raubes landeten beide 2010 hinter Gittern. Danach arbeitete Abdeslam kurz als Techniker bei den Brüsseler Verkehrsbetrieben, wurde aber entlassen. Gemeinsam mit seinem Bruder übernahm er eine Bar in Molenbeek, die im November 2015 nach dem Fund von Joints dicht gemacht wurde. Da hatten sich die Brüder bereits zurückgezogen – vermutlich bereiteten sie die Pariser Anschläge vor.



Seit seiner Festnahme sitzt Salah Abdeslam im größten Gefängnis Europas. In seiner Neun-Quadratmeter-Zelle wird er rund um die Uhr überwacht, er gilt als suizidgefährdet. Seine Isolationshaft wurde deshalb zuletzt etwas gelockert. „Ich schäme mich nicht dafür, wer ich bin“, antwortete er nach Berichten einer Frau, die ihm einen Brief schrieb. Eine Kooperation mit den Behörden verweigert Abdeslam bisher beharrlich.