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Der lange Tag des Schmerzes

Le Vernet. Die Angehörigen der Absturz-Opfer haben gestern einen Blick auf den Berg gerichtet, an dem der Airbus A320 zerschellte. Für die Familien ist die Reise nach Frankreich besonders schmerzlich, seit das Drama im Cockpit bekannt ist. Christine Longin

Es ist eine lange Reihe der Trauer, die sich am Donnerstagnachmittag vor dem Gipfel des Pic d'Estromp mit seinen 2691 Metern formiert. Rund 200 Angehörige sind in Bussen nach Le Vernet gekommen, um von den Opfern des Germanwings-Absturzes Abschied zu nehmen. Denn auf der Rückseite des Berges liegt die Stelle, an der der Airbus A320 mit 150 Menschen an Bord am Dienstag zerschellte - wahrscheinlich bewusst vom Co-Piloten in die Felsen gesteuert. Allein rund 70 Deutsche treffen aus Düsseldorf mit einer Sondermaschine der Lufthansa in Marseille ein und fahren dann in Bussen weiter. Auch die Familie des Co-Piloten ist unter den Angehörigen - allerdings streng getrennt von den anderen Trauernden.

Die Angehörigen erfahren wohl erst nach ihrer Ankunft in Frankreich vom Ausmaß des Dramas, das sich im Cockpit ereignete. Der Staatsanwalt von Marseille informiert die Familien am Morgen im Detail. Dabei liest Brice Robin auch die Bordprotokolle des Todesfluges vor, so dass die Familien nun genau wissen, was in den letzten dramatischen Minuten passierte. Auch über das traurige Thema der DNA-Analyse spricht er. Zahnbürsten mussten die Familien mitbringen, um den Experten die schwierige Arbeit zu erleichtern.

Marseille ist die erste schmerzliche Station für die Angehörigen. Le Vernet heißt die zweite. Dort treffen die Familien streng abgeschirmt in sieben Bussen gegen halb fünf ein, begleitet von Polizeimotorrädern und Sanitätern. Neben einem Hotel halten Gendarmen die Flaggen der Länder, aus denen die Opfer kommen. Auch eine Gedenkplakette soll dort in einer kleinen Zeremonie eingeweiht werden, denn am Absturzort ist das nicht möglich. Das unwegsame Gelände, in dem sich Bruchstücke des abgestürzten Airbus über mehrere Hektar verteilen, ist für die Familien nicht zugänglich. "Das wäre zu gefährlich", sagt Serge Gonteyron von der Präfektur in Aix-en-Provence. Nur mit dem Hubschrauber oder nach langem Fußmarsch kann die Stelle erreicht werden.

"Dort ist es sehr steil und der Weg dorthin ist riskant. Vor allem, weil jetzt noch Schnee liegt", sagt Gilbert Rey vom Alpenverein in Seyne-les-Alpes. Er ist zusammen mit seiner Frau nach Vernet gekommen. "Wir wollen unsere Solidarität mit den Familien zeigen", sagt das Rentnerpaar. Doch die Angehörigen bekommen die beiden nicht zu Gesicht, denn das Gelände um das Hotel ist weiträumig abgesperrt. Die Gäste müssen ihre Zimmer räumen, um die Angehörigen in ihrer Trauer allein zu lassen. Weiße Vorhänge vor den Fenstern sollen die Privatsphäre im Andachtsraum gewährleisten, an dem sich am Mittwoch bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel in ein Kondolenzbuch eingetragen hatte.