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Der Herzklappen-Retter

Jeder Eingriff am Herzen ist hochsensibel und bedeutet selbst für erfahrene Spezialisten eine Herausforderung. Foto: Fotolia
Jeder Eingriff am Herzen ist hochsensibel und bedeutet selbst für erfahrene Spezialisten eine Herausforderung. Foto: Fotolia
Homburg. Es gibt Menschen, die sammeln Briefmarken, spielen Fußball oder singen in einem Chor. "Ich habe als Hobby, die Aortenklappe wiederherzustellen", sagt der Arzt Joachim Schäfers Von SZ-Redakteurin Christine Maack

Homburg. Es gibt Menschen, die sammeln Briefmarken, spielen Fußball oder singen in einem Chor. "Ich habe als Hobby, die Aortenklappe wiederherzustellen", sagt der Arzt Joachim Schäfers. Kein Wunder, denn Professor Schäfers ist Chirurg und Direktor der Klinik für Thorax- und Herz-Gefäßchirurgie am Saarländischen Universitätsklinikum in Homburg und arbeitet seit rund 15 Jahren an der Perfektionierung dieses äußerst schwierigen Eingriffs, der ihm inzwischen sehr vertraut geworden ist. "Aber es ist nach wie vor eine Herausforderung, denn keine Aortenklappe ist wie die andere", sagt Schäfers.Doch was ist überhaupt eine Aortenklappe? Herzklappen dienen ganz allgemein als Ventile, die sich öffnen und schließen, damit das Blut nicht in die falsche Richtung strömt. Die Aortenklappe ist eine der vier Herzklappen. Sie liegt in der linken Kammer und verhindert während der Erschlaffungsphase der Herzmuskels den Rückfluss des Blutes in die Aorta. Und just an dieser Klappe der Aorta befindet sich das Zentrum, das Joachim Schäfers zu seiner wissenschaftlichen, handwerklichen und ärztlichen Herausforderung erkoren hat. "Ich setze keine künstliche Herzklappe ein, sondern rekonstruiere diese Stelle."


Bauen im Bestand, wie der Architekt sagen würde. Die Vorteile dieses Verfahrens sind klar: kaum Gefahr eines Gerinnsels, keine Ansammlung von Bakterien, die sich leicht an einer künstlichen Klappe festsetzen können, keine ständige Einnahme von Medikamenten zur Blutgerinnung.

Eine Operation, für die Patienten aus der ganzen Welt nach Homburg kommen. Die Rekonstruktion wird vor allem bei jungen Patienten angewandt, aber auch bei älteren ist sie oft die einzige Lösung, wenn sie eine künstliche Herzklappe nicht vertragen. Dies ist der Fall bei Mordechai Barratson, einem 68-jährigen Ingenieur aus Tel Aviv, der aufgrund eines bakteriellen Infektes an der Herzklappe und eines sehr schlechten gesundheitlichen Zustands von israelischen und US-amerikanischen Chirurgen bereits aufgegeben worden war. In einer sechsstündigen Operation konnte Joachim Schäfers dem Patienten vor einigen Wochen das Leben retten. "Ich dachte, ich würde nicht mehr lebend aus dem Operationssaal herauskommen", gestand Barratson ein paar Tage nach dem Eingriff. Inzwischen führt er in Tel Aviv wieder ein normales Leben.



Hans-Joachim Schäfers stieß im Jahr 1988, als er als Gastchirurg im kanadischen Universitäts-Hospital von Toronto tätig war, auf diesen Eingriff: "Da war mir sofort klar, dass hier ein großes Potenzial drin steckt".

Da Passion, Hobby und Beruf bei Schäfers am OP-Tisch zusammenkommen, hat ihn die Aortenklappe nicht mehr losgelassen. Er hat die Rekonstruktion weiterentwickelt und perfektioniert. Allerdings nicht zum Selbstzweck: "Ich gebe mein Wissen an Spezialisten weiter. Ich bin der Wissenschaft und der Medizin verpflichtet, diese über Jahre angesammelte Erfahrung nicht für mich zu behalten." Zwei Mal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, lädt Schäfers einen handverlesenen Kreis von 40 Herzchirugen ein, um in Homburg seine spezielle Technik der Aortenklappen-Rekonstruktion zu vermitteln. "Die Warteliste ist lang" , sagt Schäfers, "aber ich will die Teilnehmerzahl bewusst klein halten, damit jeder etwas davon hat."

Im Moment sind wieder Chirurgen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt in Homburg zu Gast. Darunter auch der Herzchirurg Ismail El-Hamamsy vom Herzinstitut in Montreal. "Ich habe selbst auch an unserem Institut in Kanada Aortenklappen wiederhergestellt", sagt er, "aber ich wollte nun auch speziell die Methode von Professor Schäfers kennen lernen." Nach einem Nachtflug war der Gast aus Kanada noch etwas müde, "aber das legt sich. Ich freue mich vor allem auf die praktische Arbeit." Nirgendwo sonst gebe es so viel hervorragende Bezüge zur Praxis wie bei dem Treffen in Homburg.

Auch Shuichiro Takanashi, ein Herzchirurg aus Japan, war gespannt auf den praktischen Teil des Ärztetreffens: "Mein Kollege war bereits hier und hat mir gesagt, dass in Homburg nach einer besonderen Methode operiert wird, die möchte ich gerne lernen."

Die Teilnehmer werden bewusst aus allen Teilen der Welt ausgewählt, um "das Wissen breit zu streuen". Die Operationen, auf die alle warten, nimmt Schäfers heute morgen zwischen acht und zwölf Uhr vor: "Ich operiere in dieser Zeit vier Patienten, diese Operationen werden live übertragen."

Wie lange braucht Schäfers für die Operation? "Die Kernarbeitszeit liegt zwischen 30 und 60 Minuten, hinzu kommen noch Vor- und Nachbereitung." Schäfers hat inzwischen ein weltweites Aortenklappen-Netzwerk mit Kollegen und Freunden aufgebaut. Dass das Herz des Netzwerks im Saarland liegt, macht ihm Freude: "Alle Teilnehmer sind begeistert vom guten Essen, der lockeren Atmosphäre und dem harmonischen Arbeitsklima." Foto: wolf

"Ich gebe mein

Wissen an Spezialisten weiter."

Professor

Joachim Schäfers

zur person

Hans-Joachim Schäfers wurde 1957 im westfälischen Lünen geboren, studierte von 1976 bis 1982 in Essen Medizin, kam dann als Assistent an die Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover. 1992 habilitierte er dort. 1996 wechselte er ins Saarland, wo er Direktor der Abteilung für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum wurde.

Sein Spektrum umfasst fast alle Eingriffe der Herzchirurgie, Kinderherzchirurgie, Aorten- und Thoraxchirurgie. Unter seiner Leitung werden Herz- und Lungen-Transplantationen in Homburg durchgeführt. Schäfers' Spezialgebiet ist die Rekonstruktion der Aortenklappe. Hier gehört er zu einer kleinen Gruppe von internationalen Spezialisten. Seine Workshops in Homburg sind weltweit die einzigen mit einer so umfangreichen praktischen Anleitung. maa

Joachim Schäfers (Mitte) zeigt einem handverlesenen Kreis von Chirurgen, wie man eine Aortenklappe wiederherstellt. Foto: Uniklinik
Joachim Schäfers (Mitte) zeigt einem handverlesenen Kreis von Chirurgen, wie man eine Aortenklappe wiederherstellt. Foto: Uniklinik
Jeder Eingriff am Herzen ist hochsensibel und bedeutet selbst für erfahrene Spezialisten eine Herausforderung. Foto: Fotolia
Jeder Eingriff am Herzen ist hochsensibel und bedeutet selbst für erfahrene Spezialisten eine Herausforderung. Foto: Fotolia
Joachim Schäfers (Mitte) zeigt einem handverlesenen Kreis von Chirurgen, wie man eine Aortenklappe wiederherstellt. Foto: Uniklinik
Joachim Schäfers (Mitte) zeigt einem handverlesenen Kreis von Chirurgen, wie man eine Aortenklappe wiederherstellt. Foto: Uniklinik