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Der fatale Weg des Anis Amri

In Belpasso am Fuß des Vulkans Ätna erinnern sie sich bis heute an Anis Amri, den mutmaßlichen Attentäter von Berlin. "Anis ?", sagt eine Mitarbeiterin des Instituts Giovanna Romeo Sava am Telefon. "Natürlich, der Tunesier. Er war groß, ganz hübsch, aber auch ziemlich verschlossen." Auch an den Brand, den der junge Nordafrikaner im Herbst 2011 in der sizilianischen Einrichtung für minderjährige Flüchtlinge gelegt haben soll, erinnert sich die Angestellte der katholischen Stiftung. Julius Müller-Meiningen (SZ),der Agentur dpa

In Belpasso am Fuß des Vulkans Ätna erinnern sie sich bis heute an Anis Amri, den mutmaßlichen Attentäter von Berlin. "Anis ?", sagt eine Mitarbeiterin des Instituts Giovanna Romeo Sava am Telefon. "Natürlich, der Tunesier. Er war groß, ganz hübsch, aber auch ziemlich verschlossen." Auch an den Brand, den der junge Nordafrikaner im Herbst 2011 in der sizilianischen Einrichtung für minderjährige Flüchtlinge gelegt haben soll, erinnert sich die Angestellte der katholischen Stiftung.


Die Kleinstadt Belpasso bei Catania war nur eine der zahllosen Stationen von Anis Amri auf dem Weg von seiner Heimat Tunesien bis nach Berlin, wo er am Montag zwölf Menschen mit einem Lkw auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz getötet haben soll. Die Bundesregierung geht inzwischen mit großer Wahrscheinlichkeit davon aus, dass der Tunesier der Täter ist. Die Fingerabdrücke des Terrorverdächtigen wurden am Fahrerhaus des Lkw sichergestellt, sagte Innenminister Thomas de Maizière (CDU ) gestern. Es seien auch weitere Hinweise gefunden worden, "dass dieser Tatverdächtige mit hoher Wahrscheinlichkeit wirklich der Täter ist".

Noch ist Anis Amri auf der Flucht, doch es kommt immer mehr über den mutmaßlichen Attentäter von Berlin ans Licht. Neben der kriminellen Vergangenheit in Deutschland hat er auch eine verdächtige Vorgeschichte in Italien - und Tunesien.



64 261 Immigranten erreichten im Jahr 2011 Italien über das Mittelmeer, einer von ihnen war Amri. Der arabische Frühling hatte das Ende des Regimes von Zine el-Abidine Ben Ali besiegelt, Tausende Tunesier verließen ihre Heimat . Doch offenbar hatte Amri ganz andere Gründe zur Flucht. Wie der Radiosender Tunisie Mosaique berichtete, sei der damals 19-Jährige in seiner Heimat wegen eines bewaffneten Raubüberfalls zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Der Strafe entzog sich Amri anscheinend mit der Flucht nach Italien im Februar 2011.

Wie der Großteil der Bootsflüchtlinge landete auch der Tunesier auf der Insel Lampedusa. Dokumente trug er nicht bei sich. Obwohl längst volljährig, gab sich Amri als Minderjähriger aus und wurde in eine Einrichtung für Jugendliche gebracht. Im Institut Sava von Belpasso besuchte Amri nach Angaben der italienischen Tageszeitung La Stampa die Schule, soll sich aber bereits als gewalttätiger Hitzkopf hervorgetan haben. "In der Schule sorgt er für ein Klima des Schreckens", schreibt La Stampa . Am 23. Oktober 2011 nehmen ihn die Carabinieri fest. In der Nacht zuvor hatte Amri zusammen mit vier Landsleuten einen der Erzieher verprügelt und mehrere Matratzen angezündet.

Amri und zwei weitere volljährige Tunesier werden in das Gefängnis von Catania gebracht. Der damals 19-Jährige wird anschließend wegen Körperverletzung und Brandstiftung zu vier Jahren Haft verurteilt, die er teils in Catania, teils im Mafiagefängnis Ucciardone von Palermo absitzt. Auch in der Haft lässt seine Führung zu Wünschen übrig, die Polizei stuft ihn als "sozial gefährlich" ein. Amri verlässt das Gefängnis erst im Mai 2015. Weil Tunesien nicht kooperiert, kann Amri nicht abgeschoben werden - dasselbe wiederholt sich ein Jahr später in Deutschland.

Dorthin flieht Amri im Sommer 2015 - und gerät wohl auffällig schnell an die Salafisten. Inoffiziell bestätigen Sicherheitskreise gestern, dass es das Netzwerk rund um den im November festgenommenen Abu Walaa war. Amri soll aber nicht zum festen Kern der Gruppe gehört haben. Abu Walaa gilt als salafistischer Chefideologe und mutmaßlicher Unterstützer der Terrormiliz "Islamischer Staat", die sich auch zu dem Berlin-Anschlag bekannte. Als Walaas Netzwerk Anfang November zerschlagen wurde, war Amri schon in Berlin. Dort wurde er von März bis September wegen Terrorverdachts beobachtet, galt als einer von 549 islamistischen Gefährdern in Deutschland, doch die Ermittlungen wurden eingestellt. Im Juni wurde sein Asylantrag ablehnt, doch abgeschoben wurde er nicht, weil gültige Ausweispapiere fehlten und Tunesien sie zunächst nicht ausstellte - wie damals in Italien.

Während immer mehr Details über Amri bekannt werden, erhöhen die Ermittler den Fahndungsdruck. In Nordrhein-Westfalen gab es gestern Polizeieinsätze. In Emmerich durchsuchten Beamte eine Flüchtlingsunterkunft, wo Amri offiziell gemeldet war. Im direkten Zusammenhang mit dem Berliner Anschlag wurde nach Angaben der Bundesanwaltschaft aber niemand festgenommen. Und so geht die Suche nach Anis Amri weiter - in ganz Europa.

Meinung:

Aus dem Auge, aus dem Sinn

Von SZ-Korrespondent Werner Kolhoff

Die Fakten werden klarer. Und damit auch die Konsequenzen. Die Toten von Berlin sind nicht "Merkels Tote", der Verdächtige Amri ist nicht mit der großen Flüchtlingswelle gekommen. Er ist vielmehr schon 2011 von Tunesien nach Italien eingereist und sollte von dort abgeschoben werden. Eine Abschiebung Amris war auch hier verfügt, konnte aber nicht vollzogen werden.

Wegen dieses Falles muss die Sicherheitspolitik nicht korrigiert werden, die CSU sollte wieder sachlich argumentieren. Die Behörden haben die große Gefahr, die von Amri ausging, frühzeitig erkannt. Alle Möglichkeiten, die nach den Terroranschlägen von Paris geschaffen wurden, haben funktioniert. Was anders werden muss, ist die Routine, die sich offenbar eingeschlichen hat. Als eine Observation im Herbst keine unmittelbare Gefahr mehr ergab, verschwand der Mann einfach vom Radarschirm. Aus dem Auge, aus dem Sinn. Bis letzten Montag.

Der Schock sitzt tief: In Tunesien ist die Familie von Anis Amri (hier seine Mutter) entsetzt über den Terror-Verdacht. Foto: Messara/ dpa
Der Schock sitzt tief: In Tunesien ist die Familie von Anis Amri (hier seine Mutter) entsetzt über den Terror-Verdacht. Foto: Messara/ dpa FOTO: Messara/ dpa