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Essener Tafel
Der erste Tag nach dem Ausländer-Stopp

Seit Januar hatte die Essener Tafel keine neuen ausländischen Kunden mehr aufgenommen, weil sich Deutsche angeblich abgeschreckt fühlten. Seit gestern dürfen wieder alle kommen, die Hilfe brauchen. Es gab lange Schlangen.
Seit Januar hatte die Essener Tafel keine neuen ausländischen Kunden mehr aufgenommen, weil sich Deutsche angeblich abgeschreckt fühlten. Seit gestern dürfen wieder alle kommen, die Hilfe brauchen. Es gab lange Schlangen. FOTO: dpa / Roland Weihrauch
Essen. Die Essener Tafel nimmt wieder alle auf, nicht nur Deutsche. Sie hat Wochen der Kritik hinter sich. Aber die Debatte war nötig, sagt der Chef. Von Antonia Hofmann

Dicht beieinander stehen die Männer und Frauen am Morgen in einer langen Schlange vor der Essener Tafel. Ganz vorn sitzt eine 64-Jährige aus Tunesien auf den Eingangsstufen. Aus den Nachrichten hat sie erfahren, dass sich Ausländer nun wieder eine Kundenkarte für die Lebensmittelausgabe holen können. „Ich hoffe, das klappt“, sagt die Frau.


Kurz darauf öffnet sich die Tür zum historischen Wasserturm, dem Gebäude in einem Essener Stadtteil, in dem die Büros der Hilfsorganisation untergebracht sind. Knapp 50 Wartende treten ein – unter ihnen sind viele Ausländer. Denn seit diesem Mittwoch dürfen sich nach Monaten erstmals wieder Menschen bei der Essener Tafel anmelden, die keinen deutschen Pass haben.

Es liegen turbulente Wochen hinter der Hilfsorganisation und ihrem Vorstandschef Jörg Sartor. Im Dezember hatte der Vorstand beschlossen, die Lebensmittelspenden von Supermärkten vorübergehend nur noch an Deutsche auszugeben. Der Grund: ein angeblich zu groß gewordener Anteil an Ausländern unter den Kunden von 75 Prozent. Gerade ältere Menschen und allein­erziehende Mütter hätten sich von den vielen fremdsprachigen jungen Männern in der Warteschlange abgeschreckt gefühlt, hieß es. Und damit gingen die Turbulenzen los.

Denn die Entscheidung aus Essen sorgte bundesweit für heftige Kritik. Zudem entbrannte eine Debatte um Armut in Deutschland. Kräftig angeheizt von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der mit Äußerungen Furore machte – unter anderem bemerkte er, auch ohne die Tafeln – bundesweit gibt es rund 930, zehn im Saarland – müsse in Deutschland niemand hungern, und mit Hartz IV habe „jeder das, was er zum Leben braucht“. Auch auf Spahn hagelte es daraufhin Kritik.

Am Anfang der Debatte stand die Essener Tafel mit ihrem Ausländer-Stopp – entsprechend erleichtert zeigt sich jetzt der Vorsitzende Sartor. Der 61-jährige Ex-Bergmann findet es gut, dass der Trubel „jetzt ein Ende nimmt“.



In seiner gemeinnützigen Essensausgabestelle für Bedürftige gelten fortan neue Aufnahmeregeln: Auch bei Engpässen soll die Nationalität keine Rolle mehr spielen. In solchen Fälle will die Tafel alleinstehende Senioren ab 50 Jahren, Behinderte, Alleinerziehende und Familien mit minderjährigen Kindern bevorzugt aufnehmen. Gestern, am ersten Tag der neuen Regelung, sind rund zwei Drittel der Wartenden Ausländer, berichtet der Tafel-Chef später. Viele von ihnen hätten dann auch eine Kundenkarte bekommen.

Christa Gille findet das gut. „Die haben ja auch Hunger“, sagt die 62-jährige Tafel-Kundin. Vor 15 Jahren hat die Frau, die von Grundsicherung und Erwerbsunfähigkeitsrente lebt, zum ersten Mal Lebensmittel von der Tafel bekommen. Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland werden zurzeit von den Tafeln versorgt. Von der Spende könne sie manchmal drei Tage leben, sagt Gille. Sie findet, es sollten ganz einfach die Menschen von der Vergabe ausgeschlossen werden, „die sich nicht benehmen“ – egal ob Ausländer oder Deutsche.

In der Essener Tafel sind momentan knapp 56 Prozent der Kunden Deutsche, sagt der Vorsitzende. Von vielen habe er gehört: „Danke, dass Sie uns wieder die Möglichkeit gegeben haben, zu kommen.“ Unter den ausländischen Kunden in Essen sind syrische Bürgerkriegsflüchtlinge demnach die größte Gruppe.

Ob es noch einmal zu einem Ausländer-Aufnahme-Stopp kommen könnte, will Sartor nicht prophezeien. Die umstrittene Entscheidung des Vorstands, die im Februar plötzlich für Schlagzeilen sorgte, bereut er jedenfalls nicht. „Ich würde sie, glaube ich, genauso wieder treffen“. Überhaupt sieht er den Trubel heute positiv. Die mediale Debatte habe sicherlich bewirkt, dass einige Politiker umgedacht hätten.