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Der dritte Mann

Berlin. Wer entlockte Günter Schabowski am 9. November 1989 die Worte, die zum Fall der Mauer führten? Drei Journalisten spielten dabei eine Rolle. Zu ihnen gehörte nach SZ-Recherchen Sahra Wagenknechts Ex-Mann Ralph T. Niemey er. Werner Kolhoff

Seit einigen Jahren schon liefern sich zwei Journalisten einen bizarren Streit um ihre historische Rolle. Es geht um die Frage, wer dem damaligen Politbüromitglied Günter Schabowski am 9. November 1989 auf seiner legendären Pressekonferenz den Satz entlockte, dass jeder DDR-Bürger in den Westen reisen könne, auch nach West-Berlin, und zwar "ab sofort, unverzüglich". Doch es gab noch einen weiteren entscheidenden Fragesteller: Ralph T. Niemeyer, damals Mitarbeiter des Deutschen Auslands-Pressedienstes. Später wurde er der Mann der Linken-Ikone Sahra Wagenknecht .

Lange wurde nach dem "unbekannten Dritten" gesucht. Niemeyer stand an jenem Abend hinten rechts im Saal des Pressezentrums der DDR-Regierung in der Berliner Mohrenstraße. Auf den Aufzeichnungen ist er nicht im Bild. Recherchen unserer Zeitung führten zu dem heute 45 Jahre alten Journalisten, der nahe Heidelberg lebt. Er erinnerte sich auf Anfrage genau. "Es gab ein großes Durcheinander. Schabowski kannte mich und blickte wohl deshalb zu mir, als ich rief: Ab wann gilt das?" Dann kam jene Antwort, die Geschichte schrieb. Mit seiner späteren Frau Sahra Wagenknecht , die der gebürtige West-Berliner 1997 heiratete, hat er über seine Rolle beim Mauerfall nach eigenen Angaben übrigens nie gesprochen. Nicht einmal, dass er mit im Saal saß. "Sie fand das ja alles nicht so toll, wie das damals gelaufen ist." Wagenknecht ist seit 2011 mit Ex-Linken-Parteichef Oskar Lafontaine liiert.

Schabowskis Worte, die an jenem Abend gegen 19 Uhr fielen, lösten den ungeordneten Ansturm auf die Grenze aus, der dann zur spontanen Maueröffnung führte. Eigentlich wollte die DDR-Regierung ein reguläres Reisesystem ab dem nächsten Morgen ausrufen, bei dem sie die Kontrolle behalten hätte. Ein italienischer Journalist, Riccardo Ehrmann von der Agentur Ansa, hat für seine Rolle in der Pressekonferenz 2008 das Bundesverdienstkreuz bekommen. Nicht ganz korrekt, wie sich jetzt herausstellt.

Ehrmann saß vorne auf der Stufe zum Podium. Die Pressekonferenz lief schon eine Stunde, da gab Schabowski ihm das Wort. "Jetzt erst mal der italienische Kollege." Bisher war es noch nicht um das Reisegesetz gegangen, das Schabowski wohl von sich aus nicht erwähnt hätte. Er war bei den entscheidenden Beratungen in Zentralkomitee und Ministerrat nicht selbst dabei gewesen. Ehrmann brachte das Thema zur Sprache. Nachdem Schabowski geantwortet hatte, dass "heute" über ein neues Reisegesetz beraten worden sei, gab es sofort ein Durcheinander von Rufen und Nachfragen. Darunter auch Ehrmann, der wissen wollte, ob die DDR-Bürger dafür einen Pass bräuchten. Die Frage aber, ab wann die neue Regelung gelte, stellte der Italiener nicht. In Interviews behauptete er freilich: "Mit meiner Frage stürzte die Mauer ein."

Bild-Reporter Peter Brinkmann, der neben Ehrmann in der ersten Reihe saß, beansprucht die Urheberschaft für sich. Er hat darüber mit Ehrmann in einem Briefwechsel gestritten. Und tatsächlich war er der Erste, der sofort nach dem "Wann" fragte ("Ab wann tritt das...? Ab sofort?"). Auch wollte er als Einziger wissen, ob die Regelung ebenso für West-Berlin gelte, was ebenfalls von erheblicher Bedeutung für den späteren Gang der Dinge war. Allerdings ging Schabowski auf Brinkmanns Zwischenruf zunächst nicht ein, sondern las stattdessen den Beschluss des DDR-Ministerrates stockend im Wortlaut vor. Erst als danach noch einmal jemand fragte: "Ab wann tritt das in Kraft?" legte sich der SED-Mann fest, wenn auch zögerlich: "Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich..." An Schabowskis Kopfbewegung kann man erkennen, dass der Betreffende in einer ganz anderen Ecke des Saales saß als Ehrmann und Brinkmann, nämlich hinten rechts. Es war Niemeyer. Nun wird sich womöglich die Frage stellen, ob auch er das Bundesverdienstkreuz bekommt.