| 20:38 Uhr

Nach Lehrer-Brandbrief
Der Bruchwiese schlägt keiner mehr etwas ab

Beim Tag der offenen Tür am Samstag zeigte sich die Gemeinschaftsschule Bruchwiese von ihrer besten Seite. Hier wohnen auch Eltern einem naturwissenschaftlichen Experiment bei.
Beim Tag der offenen Tür am Samstag zeigte sich die Gemeinschaftsschule Bruchwiese von ihrer besten Seite. Hier wohnen auch Eltern einem naturwissenschaftlichen Experiment bei. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Ein dramatischer Brandbrief der Lehrer brachte die Gemeinschaftsschule bundesweit in die Schlagzeilen. Nun soll alles besser werden. Von Gerrit Dauelsberg

Mathematik zum Mitmachen, Schüler-Theater auf Englisch, Aufführungen der Keyboard-AG – die Saarbrücker Gemeinschaftsschule Bruchwiese zeigt sich an diesem Samstag von ihrer besten Seite. Eltern dürfen sich am Tag der offenen Tür ein eigenes Bild von der Schule machen, die im vergangenen Dezember bundesweit negative Schlagzeilen machte. Eltern wie Linda Budell. Sie sieht den Lehrer-Hilferuf, den die Saarbrücker Zeitung öffentlich machte, sogar als eine Chance für die Schule. „Sie ist dadurch in den Fokus gerückt“, sagt Budell. So biete sich für die Bruchwiese jetzt die Gelegenheit, sich weiterzuentwickeln.


Das deckt sich mit dem, was Schulleiterin Pia Götten sagt. Seit der Brandbrief an die Öffentlichkeit gelangt ist, werde ihr kaum ein Wunsch abgeschlagen. So könnten Lehrer von der Bruchwiese noch ganz unbürokratisch an Fortbildungen teilnehmen, auch wenn diese eigentlich schon ausgebucht seien. Und auch die Politik wurde vorstellig. Die Landtags-Fraktionen von CDU und SPD schickten Delegationen. Bei mehrstündigen, konstruktiven Gesprächen seien der Schule zusätzliche pädagogische Fachkräfte in Aussicht gestellt worden. Die sind auch dringend notwendig, betont Götten: „Wir brauchen Unterstützung!“

Die Schulleiterin weiß, dass sich die Probleme an der Schule nicht von einem auf den anderen Tag lösen lassen. In dem Brandbrief vom Juni 2017, der unter anderem an das Bildungsministerium ging, hatte das Kollegium verheerende Zustände an der Bruchwiese geschildert: tägliche verbale Entgleisungen, schwerste Beleidigungen von Lehrern, massive Gewalt – auch mit Messern –, Alkohol- und Drogenkonsum. Seit der Brief im Dezember öffentlich wurde, habe es keine weiteren gravierenden Vorfälle gegeben, versichert Götten. Sie sagt aber auch: „Wir haben hier halt einige sehr verhaltensauffällige Schüler.“ Laut Brandbrief hat an der Bruchwiese jeder siebte Schüler einen sonderpädagogischen Förderbedarf, ein Drittel davon wiederum im emotional-sozialen Bereich. Dazu kommt noch ein hoher Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund. Zuletzt bezifferte die Schule ihn auf zirka 75 Prozent. Das schafft zusätzliche Herausforderungen etwa durch Sprachbarrieren. Unterm Strich eskalierte die Situation mehrfach an der Bruchwiese, so dass laut Brandbrief sogar die Polizei anrücken musste – etwa als sich Schüler der achten Klasse heftig prügelten.



Neuntklässlerin Maria hat an der Schule durchaus einige schlimme Vorfälle mitbekommen, wie sie sagt. Allerdings glaubt sie, dass es so etwas an jeder Schule gibt. Das denkt auch ihre Mutter Siena Rosina. Trotzdem gibt sie zu, dass ihr der Brandbrief zu denken gegeben hat. Zumal sie jetzt vor der Entscheidung stand, ob sie auch ihre jüngere Tochter Sharon an der Schule anmelden soll. Das wird sie nun tun: „Die Kleine will unbedingt“, sagt Rosina. Außerdem seien die Lehrer sehr nett. An ihnen liegt es ihrer Ansicht nicht, dass die Schule derart negativ von sich reden machte. „Die Erziehung kommt von zuhause“, sagt die Italienerin. Ihre Eltern hätten ihr Respekt beigebracht.

Dass Höflichkeit an der Bruchwiese kein Fremdwort ist, beweist Angelina Zeimet. Die Neuntklässlerin ist Schülersprecherin und kümmert sich am Tag der offenen Tür um die Gäste. Sie zeigt das Multi-Kulti-Buffett mit Spezialitäten aus aller Welt, den Musikraum und das Schüler-Café. „Es ist gar nicht so schlimm an der Schule“, versichert sie. Zwar seien die Vorfälle, die in dem Brief geschildert wurden, alle so passiert. Doch das seien Einzelfälle. „Wir brauchen mehr Lehrkräfte“, sagt Angelina, „dann wird das hier alles auch geregelter ablaufen.“ Dass die Schule inzwischen bundesweit verschrien ist, habe die Schüler zusammengeschweißt, betont sie.

Das bestätigt auch Schulleiterin Götten: Kurz nach der Medien-Lawine durch den Brandbrief hätten Bruchwiesen-Schüler einen Rap gedichtet. Tenor: „Wir sind keine Assi-Schule! Jetzt erst recht!“ Das Motto nimmt sich auch die Schulleitung zu Herzen und blickt in die Zukunft. Und auf neue Projekte. „Wir wollen einen erlebnispädagogischen Ansatz wählen, um besser an die Kinder heranzukommen“, sagt Götten. Dafür wird die Schule mit dem Landesinstitut für präventives Handeln zusammenarbeiten. Konkret sollen die Kinder lernen, Aufgaben durch Zusammenarbeit zu lösen. Eine Überlegung ist, mit jeder sechsten Klasse in Jugendherbergen zu fahren, die auf diesen Ansatz setzen. In einem persönlichen Gespräch hat Saar-Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) Götten zudem zugesagt, die Schule in ein neu aufgelegtes Programm aufzunehmen. Hierbei soll die Bruchwiese professionelle Unterstützung von der Deutschen Schulakademie bekommen.

Ab dem nächsten Schuljahr können Schüler an der Bruchwiese auch ihr Abitur machen. Allein von ihren zehnten Klassen werden 24 Schüler in die neue Oberstufe eintreten, sagt Götten nicht ohne Stolz. Und auch Linda Budell wird ihre Tochter Leonie für die elfte Klasse an der Bruchwiese anmelden. In ihrem vergangenen Zeugnis hatte sie einen Notenschnitt von 1,6. Als Götten das hört, strahlt sie über das ganze Gesicht. „Donnerwetter!“, sagt die Schulleiterin. „Solche Schüler können wir hier gut gebrauchen.“

Die Leiterin der Gemeinschaftsschule Bruchwiese, Pia Götten.
Die Leiterin der Gemeinschaftsschule Bruchwiese, Pia Götten. FOTO: Iris Maria Maurer