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Lebensmitteltafeln sind überlastet
Der Ausländerstopp der Essener Tafel erhitzt die Gemüter

Schlange stehen vor der Essener Tafel – so ähnlich sieht es in vielen der rund 940 Tafeln in Deutschland aus. Im Saarland gibt es zehn.
Schlange stehen vor der Essener Tafel – so ähnlich sieht es in vielen der rund 940 Tafeln in Deutschland aus. Im Saarland gibt es zehn. FOTO: dpa / Roland Weihrauch
Essen/Saarbrücken. Wegen Überlastung will die Einrichtung vorerst nur noch deutsche Neukunden aufnehmen. Auch die Saarbrücker Tafel kennt das Problem, geht aber einen anderen Weg. Von Jan Luhrenberg, Bettina Markmeyer und Matthias Zimmermann

Dick in Schal, Mütze und Handschuhe eingepackt bibbern rund 50 Kunden der Essener Tafel vor dem alten Wasserturm in einem Essener Stadtteil. Im Schlepptau ihre bunten Einkaufstrolleys, die sie hinter einer weiß-roten Absperrung aufreihen. Die ersten sind seit neun Uhr da. Immer mal wieder quetscht sich ein Lieferwagen an der Menge vorbei. An Bord: Lebensmittelspenden, etwa von Supermärkten. Die Menschen warten geduldig auf die Essensausgabe. Ausländisch aussehende Menschen sind am Freitagmittag nicht darunter.


Tags zuvor war bekannt geworden, dass der Vorstand der Tafel beschlossen hat, vorübergehend keine Ausländer mehr als Neukunden anzunehmen. Damit reagierte die Hilfsorganisation nach Angaben des Vorsitzenden Jörg Sartor auf einen Migrantenanteil von über 75 Prozent unter den rund 6000 Kunden. Ältere Menschen oder Alleinerziehende hätten sich dort zuletzt nicht mehr wohlgefühlt und seien zunehmend von Flüchtlingen und Zuwanderern verdrängt worden. Während Kunden und Mitarbeiter der Tafel die Maßnahme begrüßten, hagelte es Kritik aus Politik und Verbänden.

Bundessozialministerin Katarina Barley (SPD) erklärte, eine Gruppe von Menschen pauschal auszuschließen, fördere Vorurteile und Ausgrenzung. Es müsse klar sein, dass Bedürftigkeit das Maß sei „und nicht der Pass“. Zugleich bescheinigte die SPD-Politikerin den Ehrenamtlichen „großen persönlichen Einsatz“. Die Tafeln in Deutschland leisteten einen wertvollen Beitrag bei der Unterstützung der Schwächsten. Die Vorsitzende des Sozialausschusses im Bundestag, Kerstin Griese (SPD), erklärte, die Essener Entscheidung mache sie „fassungslos“. Sie sprach von einer „nicht akzeptablen Diskriminierung, die an Rassismus grenzt“. Auch Wohlfahrtsverbände reagierten alarmiert und mahnten, Bedürftige nicht gegeneinander auszuspielen. Caritas-Präsident Peter Neher warnte vor „einer populistischen Debatte, die hilfebedürftige Menschen verletzt“. Applaus für Essen kam dagegen von der AfD. So teilte der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Sichert mit, Asylbewerber hätten „bei der Tafel nichts zu suchen“.

Tafel-Chef Sartor verteidigte die Maßnahme auch nach der Kritik. „Ich stehe dazu“, sagte er am Freitag. Der Schritt habe nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun. Es solle einfach nur wieder gerecht verteilt werden. Die Tafeln seien bundesweit be- oder auch überlastet, erklärte zwar auch der Dachverband der bundesweit rund 940 Tafeln (im Saarland gibt es zehn). Sie versorgten regelmäßig bis zu 1,5 Millionen Menschen mit überschüssigen Lebensmitteln. Allerdings gab es auch innerhalb der Tafel-Familie Kritik. „Den Essener Weg können wir so nicht nachvollziehen“, sagte Jochen Brühl, Chef des Dachverbands. „Für Tafeln zählt die Bedürftigkeit, nicht die Herkunft.“ Ähnliche Fälle in Deutschland seien nicht bekannt. Auch andere Tafel-Landesverbände kritisierten den Essener Weg. Die Vorsitzende des Landesverbands in Rheinland-Pfalz und dem Saarland, Sabine Altmeyer-Baumann, sagte, die Entscheidung beschädige das Ansehen aller weiteren „normal arbeitenden Tafeln“.

Auch bei der Saarbrücker Tafel kennen sie das Problem der Überlastung. Die Einrichtung habe bereits im Januar ein Aufnahmestopp verhängt, sagte deren Chef Uwe Bußmann der SZ – allerdings unabhängig von der Nationalität der Kunden. Wie bundesweit, so ist auch die Versorgungslage der Tafel, die nach eigenen Angaben 4500 Hilfsbedürftige versorgt, angespannt. Deshalb gelte bis Mai der Aufnahmestopp. Nur in Härtefällen, wenn etwa Kinder betroffen sind, entscheide der Trägerverein individuell, ob Ausnahmen gemacht werden.



Auch Bußmann berichtet von Problemen mit der wachsenden Zahl ausländischer Bittsteller. Mittlerweile liege deren Anteil in der Tafel bei geschätzten 60 Prozent. Bußmann bezweifelt, dass diese Größenordnung die tatsächliche Aufteilung Bedürftiger in der Landeshauptstadt zeigt. „Das ist nicht das Spiegelbild der Gesellschaft.“ Probleme provozierten kulturell bedingte Unterschiede. „Viele Ausländer reden untereinander lauter, was eine ältere Frau schon mal abschreckt, sich vor der Ausgabe einzureihen.“ Und es mangle einigen, insbesondere vom Balkan, an Respekt gegenüber Frauen, die anstehen. Dafür setze die Tafel ehrenamtliche Dolmetscher ein, die den Betroffenen erklären, „dass das in Deutschland so nicht geht“. Bußmann ergänzte: „Ich finde es mutig, dass die Essener Tafel damit an die Öffentlichkeit gegangen ist. Das Problem gibt es überall in Deutschland, aber kaum jemand spricht darüber.“