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Der Alptraum

T. Breitkopf,J. Buck,L. Hauser,A. Höning,J. Isringhaus,J. Kuschnik,U-J. Ruhnau,C. Schwerdtfeger (SZ)

11.25 Uhr, Düsseldorf : Die Ankunftszeit auf der Anzeigetafel bleibt leer - für die Angehörigen der Passagiere von Germanwings-Flug 4U 9525, die gestern am Düsseldorfer Flughafen warten, wird ein Alptraum wahr. Als gegen 11.30 Uhr die Nachricht vom Absturz die Menschen erreicht, breitet sich Entsetzen aus. Notfallseelsorger kümmern sich um die Angehörigen, bringen sie in den abgeschirmten VIP-Bereich. Vor dem Abflugschalter von Germanwings stehen zehn Bundespolizisten und zwei Frauen mit blauen Westen, um weitere Angehörige abzufangen.



11.35 Uhr, Haltern: Am Joseph-König-Gymnasium in Haltern verdichtet sich die Nachricht, dass an Bord der Unglücksmaschine 16 Schüler und zwei Spanisch-Lehrerinnen waren. Schulleiter Ulrich Wessel beendet sofort den Unterricht. Angehörige erfahren durch die Medien von dem Absturz und versuchen, ihre Kinder zu kontaktieren. Als sie niemand erreichen, rechnen sie mit dem Schlimmsten. Die Zehntklässler waren zu Besuch beim Institut Giola in Llinars del Vallès in der Nähe von Barcelona .



11.40 Uhr, Düsseldorf : In der Abflughalle des Flughafens herrscht eine beklemmende Stimmung. Alle wollen wissen, was genau passiert ist. Der Servicemitarbeiter von Germanwings kann die Fragen nicht beantworten. "Es ist so traurig", sagt er. Plötzlich nähern sich zwei Frauen und ein Mann dem Schalter. Die Frauen in den blauen Westen, die Abholer genannt werden, gehen sofort auf die drei zu, nehmen sie in die Arme. In der Maschine saßen Freunde des Trios. Die Abholer bringen sie in den gesperrten Bereich. "Es ist ein rabenschwarzer Tag für die Luftfahrt ", sagt ein Flughafensprecher wenig später.



11.50 Uhr, Barcelona : Langsam sickern Informationen durch. Der Airbus A 320 war um 10.01 Uhr in Barcelona mit dem Ziel Düsseldorf gestartet, an Bord 144 Passagiere , darunter 67 Deutsche und 45 Spanier, sowie sechs Besatzungsmitglieder. Um 10.45 Uhr ging die Maschine aus 11 000 Meter Höhe in den Sinkflug über, um 10.53 Uhr gab es den letzten Radarkontakt. Der Passagierjet stürzte nahe des Ortes Digne im Département Alpes-de-Haute-Provence ab, in einer schwer zugänglichen Bergregion. Zur Unglücksursache gibt es bisher keine Erkenntnisse.



12.10 Uhr, Seyne-les-Alpes: Rund zehn Kilometer westlich der Unglücksstelle wird ein Krisenstab eingesetzt, den später Innenminister Bernard Cazeneuve zusammen mit der deutschen Botschafterin Susanne Wasum-Rainer besuchen. Von dort aus starten Hubschrauber und Rettungswagen. In die Gemeinde mit ihren 1400 Einwohnern sollen später auch die Leichen gebracht werden, die geborgen werden.



12.30 Uhr, Haltern: Vor dem Haupteingang des Halterner Gymnasiums steht ein Polizeiwagen. Er soll verhindern, dass Unbefugte ins Gebäude eindringen. Viele Schüler lassen ihrer Trauer freien Lauf. Auf dem Vorplatz der Schule steht eine Gruppe von 15 jungen Mädchen, nicht älter als 14. Sie umarmen sich, sprechen sich gegenseitig Mut zu. Viele weinen, aus ihren Rucksäcken holen einige von ihnen Kerzen und stellen sie auf eine Tischtennisplatte. Auch an anderen Stellen zünden Schüler Kerzen an und legen Tulpen nieder. "Es sind fürchterliche Geschehnisse, die uns alle zutiefst betroffen machen", sagt Schulleiter Wessel.



13.40 Uhr, Barcelona : "Wir sind entsetzt. Ich hoffe, dass es alles nur ein Irrtum ist", sagt Jordi Campoy der Zeitung "Ara". Er ist ein Freund von zwei Passagieren. Sein 40 Jahre alter Bekannter habe für den Pharmakonzern Bayer gearbeitet, sagt Campoy. Die andere Bekannte sei die Ehefrau eines Bayer-Mitarbeiters.



14 Uhr, Haltern: Direkt neben dem Gymnasium der 38 000-Einwohner-Stadt liegt der Bahnhof. Einige Schüler , die am Nachmittag hier angekommen sind, wissen nicht, dass Jugendliche aus ihrer Stadt unter den Opfern von Flug 4U 9525 sind. Maike L. wird kreidebleich, als sie davon erfährt: "Das ist für mich ein Schock." Ob man schon wüsste, wer unter den Toten sei, will sie wissen. Niemand am Bahnhof kann es ihr sagen. Sie rennt zur Schule hinüber, an der auch immer mehr Angehörige eintreffen. Notfallseelsorger betreuen Schüler und Hinterbliebene.



14.20 Uhr, Seyne-les-Alpes: Ein Augenzeuge berichtet im Fernsehen über den Absturz. "Ich war im Sessellift, als ich ein ganz lautes Geräusch einer Flugzeugturbine gehört habe", sagt der Mann. Ein weiterer Augenzeuge erzählt im Radio von einem Flugzeug, das extrem niedrig flog. "Ich hatte keine direkte Sicht, wegen der vielen Berggipfel rundherum", sagte David, der die Region nach eigener Darstellung gut kennt. Er habe nur ein lautes Geräusch gehört und dann in der Ferne dichte Rauchwolken aufsteigen sehen.



15.10 Uhr, Barcelona : Auch in Barcelona herrscht fassungsloses Entsetzen angesichts der toten Schüler . "Vor einigen Minuten waren alle noch hier. Was heute passiert ist, ist einfach schockierend", sagte Anna Garcia, eine Schülerin der Halterner Partnerschule, der Zeitung "Ara". Laut Garcia waren 14 Mädchen und zwei Jungen aus Deutschland an dem Austausch beteiligt. Eines der deutschen Mädchen habe kurz vor dem Abflug ihren Reisepass in Llinars bei ihrer Austauschfamilie vergessen. Sie sei deshalb nicht mit den anderen Schülern im Zug Richtung Flughafen mitgefahren. "Ihre Austauschfamilie hat sie dann aber schnell mit dem Auto zum Flughafen gefahren. Sie saß also doch mit in der Maschine", sagt Garcia.



17.02 Uhr, Haltern: Bürgermeister Bodo Klimpel tritt vor die Presse. Er ringt um Fassung. "Es ist der schwärzeste Tag in der Geschichte unserer Stadt. Das Schlimmste, was man sich vorstellen kann, ist eingetreten." Wie es an der Schule weitergehen soll, ist unklar. Heute soll es keinen normalen Unterricht geben. Stattdessen werde über das Unglück gesprochen, um es aufzuarbeiten.



17.15 Uhr, Barcelona : Auch bei Ann Kristin Götz aus Mettmann sitzt der Schock tief. Sie wollte ursprünglich mit der Maschine fliegen, die am Morgen verunglückt ist. "Wir haben uns dann aber doch dagegen entschieden, weil wir noch einen Tag länger in Barcelona bleiben wollten", erzählt sie. "Es ist jetzt natürlich ein unglaublich heftiges Gefühl, dass man weiß, man hätte selbst in der Maschine sitzen können."