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Der älteste Teenager der Welt

Saarbrücken. Seit 1962 joggt er über die Bühne und ist darüber zu einer Art Naturereignis geworden: Zum Briten Michael Philipp Jagger passt nichts weniger als der Begriff Rock-Opa. Seine Jugendlichkeit macht ihn zur Legende. Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

"Time is on my side" - und das 50 Jahre lang. Donnerwetter, Glückwunsch. Der Stones-Song stammt von 1963, das war ein Jahr nach dem ersten Auftritt im "Marquee" in London. Damals war Mick Jagger 19 Jahre alt und überschminkte seine Pickel. Ein abgebrochener Student der Londoner "School of Economics" aus bieder-beschaulichem Haus, der sich mit Rhythm & Blues infiziert hatte, mit "schwarzer Musik".

Chuck Berry, Muddy Waters und John Lee Hooker beschäftigen Jagger bis heute. Er, der Mann mit weicher, gelenkiger Balladen-Stimme, die zur Rockröhre nicht wirklich taugt, kann sich bei ihnen bedanken. Statt Durchschnitts-Bänker wird Jagger der geschäftstüchtige Buchhalter des ältesten und wohl auch eines der einträglichsten Rock-Pop-Unternehmens der Welt, sagen wir mal, er ist dessen Vorstandsvorsitzender. Das passt. Mittlerweile pflegt Jagger das Image des Distinguierten, trägt smarte Anzüge, gibt in Nobelherbergen charmante Interviews und hält oft eine in edle Seide gehüllte schwarzhaarige Schönheit am Arm: L'Wren Scott. Er will sie heiraten. 2003 schlug Prinz Charles Jagger zum Ritter. Ein Rocker-Derwisch als Gentleman. Darüber hinaus ist der Mann, der morgen 70 wird, natürlich all das, was Musik-Kritiker und Boulevard-Klatschtanten in all den Jahrzehnten in ihm sahen: der berühmteste Schmollmund der Welt, Sex-Dämon, Spargeltarzan, ein Irrer in zu engen Hosen, der ewig junge Feger oder der Lottergreis. Am besten trifft das Phänomen Jagger aber wohl die Formulierung "ältester Teenager der Welt". Denn genau so absolviert er heute noch seine Bühnenshows, zuletzt Ende Juni beim Glastonbury-Festival in Südengland. Da ist er immer noch: der das Publikum unterjochende, gestreckte Arm mit Zeigefinger - ein Beschwörungs- und Priestergestus. Dazu kommen Breitmaul-Grimassen und das getrieben anmutende Hin- und Hergerenne sowie laszives Lupfen des Hemdes überm Waschbrettbauch. Und ja, leider, man muss es sagen: die inszenierte Hingabe und Ekstase. Hat man Jagger je wirklich entäußert gesehen? Wenn sich andere Frontmänner den Schmerz oder die Wollust aus dem Hals wimmern oder jaulen, hält Jagger Distanz zu Exzessen. Wie im richtigen Leben. "Eine gewisse Restintelligenz hatte mich immer fest im Griff", sagte er 2010 in einem Interview mit der "Süddeutschen". Beziehungskrisen der Band managte er weg. 1969 nimmt sich Bandmitglied Brian Jones das Leben, und Kumpel Keith Richards quält sich zeitlebens durch alle Höllen der Drogen-Abhängigkeit. Währenddessen mutiert Jagger laut Ex-Frau Jerry Hall zum mustergültigen Papa ihrer vier Kinder. Den Hang zur Egozentrik und zu Neurosen bekämpft er durch Tennisspielen oder Holzhacken.

Mit Hall blieb Jagger wohl am längsten zusammen, von 1977 bis 1999 (Scheidung). Zuvor war er mit Bianca verheiratet - das erste Indiz für seinen Appetit auf Glamour. Sein Beute-Schema: überschlanke, aristokratische Model-Typen. Er folgt ihm bis heute. Sieben Kinder säumen bereits den Weg des "gefährlichen Sex-Raubtieres", wie ihn Hall, die er ausgiebig betrog, betitelte. Fast alle Jagger-Affären besitzen Promi-Faktor: Marianne Faithful, Brigitte Bardot, Uschi Obermaier, Carla Bruni, Angelina Jolie. In der Reihe der Bett-Haserl taucht sogar Prinzessin Margret auf, die 2002 verstorbene Schwester der Queen. Und immer mal wieder: David Bowie oder Helmut Berger. Das Gerücht von Jaggers Bisexualität hält sich tapfer, obwohl er dagegen prozessierte. Die Versuchung ist zu stark, dem Bild des Erotomanen eine weitere Farbe beizumischen. Schließlich war Jagger einer der ersten, der in den 70ern auf der Bühne Frauenfummel trug, mit getuschten Wimpern klimperte und mit Federboas wedelte - der Erfinder des Verwischens der Geschlechterrollen. Kein Beau, sondern ein eigentümlich Schöner. Um mit Charlie Watts zu sprechen: "Mick is a nice bunch of guys" - eine nette Ansammlung unterschiedlicher Typen. Doch er ist auch einiges nicht. Etwa Weltverbesserer oder Sozial-Rebell. Dafür sind in der Rockgeschichte andere zuständig. Doch als laut, primitiv, genusssüchtig - "ungewaschene Höhlenmenschen" - wurden Keith Richards, Brian Jones, Charlie Watts, Bill Wyman und Jagger berühmt.

Ihr Manager Andrew Oldham hatte die Vermarktungs-Zeichen der Zeit erkannt: Schock, Unkonventionalität und Libertinage waren in. Und Jagger, gleichwohl er Gary Grant, David Niven und Fred Astaire zu seinen Stil-Ikonen zählt, ließ sich fabelhaft als Besessener verkaufen. "Er bewegte sich wie ein Puma, er war purer Sex", so Oldham. Von da an kultivierte Jagger seine leicht verruchte, vulgäre Ausstrahlung. Die rausgestreckte Zunge auf der Rückseite des Covers der LP "Sticky Fingers" (1971), das Andy Warhol entworfen hatte, wurde sein persönliches Markenzeichen. Vorne prangte das Foto einer prallgefüllten Männer-Jeanshose, gürtelabwärts. Der Reißverschluss ließ sich öffnen - und Jagger hob als Sex-Idol in neue Sphären ab. Als Musiker und Künstler nie.

Er war und ist kein Genie, kein Begnadeter, kein Innovator, vor allem kein Gitarrenmagier wie Richie Blackmore oder Jimmy Page. Naserümpfend äußern sich bis heute Kritiker über die simplen Kompositionsmuster der Stones-Songs und den Bühnen-Bombast und Gigantismus aus meterhohen Kulissen, Videowänden und Lautsprechertürmen, mit dem sie dies angeblich zu kaschieren versuchen. Alles falsch. Sag einfach Jagger, wenn du den Erfolg dieser Band erklären willst.


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HintergrundAlben und Songs: Mit "Satisfaction" stürmten die Rolling Stones 1965 auf Platz eins der Charts in den USA und Großbritannien. Weitere Top-Hits: "It's All Over Now (1964), "Satisfaction" (1965), "Paint it Black" (1966), "Ruby Tuesday" (1967), "Honky Tonk Woman" (1969), "Brown Sugar" (1971), "Angie" (1973), "Miss You" (1978), "Start Me Up" (1981), "Anybody Seen My Baby?" (1997), "Rain Fall Down" (2005). Alben: "Beggars Banquet" (1968), "It's Only Rock 'n' Roll" (1974), "Tattoo You" (1981), "Steel Wheels" (1989), "Voodoo Lounge" (1994), ,"Bridges To Babylon" (1997), "A Bigger Bang" (2005). dpa