| 20:56 Uhr

Proteste
Neue Bäume, weil „Hambi“ nicht sterben darf

Tausende nahmen teil an einer Demo gegen die Rodung im Hambacher Forst. Einige trugen junge Bäume mit sich, die sie anpflanzen wollten.
Tausende nahmen teil an einer Demo gegen die Rodung im Hambacher Forst. Einige trugen junge Bäume mit sich, die sie anpflanzen wollten. FOTO: dpa / Christophe Gateau
Kerpen. Seit Tagen räumt die Polizei Baumhäuser im Hambacher Forst. Gestern bekamen die Waldbesetzer moralische Unterstützung. Von Christoph Driessen

Eine Kettensäge dröhnt, ein Baum stürzt knirschend zur Seite. Die Motoren riesiger Hebekranfahrzeuge brummen. Eines von ihnen hievt, an einem Haken angeseilt, vier behelmte Männer mehr als 35 Meter in die Höhe, bis über die Baumwipfel. Von dort seilen sich die Spezialkräfte in ein Baumhaus der Siedlung „Oaktown“ ab, um die Bewohner zur Aufgabe zu bewegen. Wer sich weigert, wird gewaltsam mit nach unten genommen. Aktionen wie diese sind jetzt fast schon Routine im Hambacher Forst bei Köln, wo seit Donnerstag die Baumhäuser der Klimaaktivisten geräumt und zerstört werden. Am Sonntagmorgen sind sogar zwei junge Männer aus einem Schacht elf Meter unter der Erde geborgen worden. Die Kohlenstoffdioxid-Konzentration sei lebensgefährlich hoch gewesen, sagt Feuerwehrsprecher Oliver Greven.


Der Energiekonzern RWE will ran an die unter dem Wald gelegene Braunkohle, deshalb soll hier bald gerodet werden. Die Waldbesetzer wollen das verhindern – und nicht nur sie: Mehrere tausend Unterstützer sind an diesem Sonntag zum Waldrand gekommen, um für den Erhalt von „Hambi“ zu protestieren.

In der Mittagssonne schieben sich die Massen etwas ziellos über die Landstraßen. Entnervt setzt ein ungefähr 15-Jähriger einen alten Farbeimer ab, in dem jetzt ein kleines Bäumchen wächst. „Mama, mir reicht‘s!“, sagt er. „Was ist denn jetzt der Plan?“ Die Mutter versucht ihn zu beruhigen. „Wir warten kurz, und dann gehen wir zum Bäumepflanzen.“ Sie sind beileibe nicht die einzigen. In Tüten und Töpfen schleppen zahllose Menschen junge Bäume zur Tagebaukante. Ein Aufforstungsprogramm der eher verzweifelten Art.



Eine Kapelle macht Musik, vorneweg schreitet ein Tubabläser. Es gibt Kaffee und Kinderschminken. Was alle hier verbindet, ist die Sorge ums Klima. „Ich bin hier, weil ich finde, dass Kohle nicht mehr abgebaut werden sollte“, sagt Patricia Strohmaier, eine junge Kunsthistorikerin aus Köln. „Dieser Energieträger hat ausgedient, und ich versteh auch nicht, warum man deshalb einen sehr alten Wald abholzen muss.“

Der 15-Jährige hat von seiner Mutter etwas zu essen bekommen, aber besänftigt hat ihn das nicht. „Weißt du, was ich gleich mache?“, sagt er. „So schnell wie möglich in den Wald rein, und dann ein paar Schwarz­gekleideten anschließen.“ Mehrere junge Männer rufen jetzt auch lautstark dazu auf, in den Wald zu stürmen: „Wir sind mehr als die Polizei, wir schaffen das!“ Tatsächlich schließen sich ihnen immer mehr Menschen an und laufen auf den Wald zu, viele sogar mit Kindern. „Wir sind mehr!“ und „Hambi bleibt!“, rufen sie. Am Waldrand stehen in langer Reihe die Polizeiautos. Aber die Demonstranten sind jetzt einfach zu viele. Etwa 200 schaffen es, die Polizeisperre zu durchbrechen und im Wald zu verschwinden. An anderer Stelle kommt es an einer Böschung zu Rangeleien mit der Polizei.

Der Tubamann spielt noch immer. „Hambi bleibt! Hambi bleibt!“, rufen die Demonstranten. Über eines dürfte Einigkeit bestehen: Hambi bleibt noch lange ein Thema.