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Vietnam
Das vertuschte Massaker von My Lai

Kriegsfotograf Ron Haeberle hält die Dias in Händen, die er damals in Vietnam gemacht hat. Sie zeigen US-Soldaten im Blutrausch.
Kriegsfotograf Ron Haeberle hält die Dias in Händen, die er damals in Vietnam gemacht hat. Sie zeigen US-Soldaten im Blutrausch. FOTO: Herrmann
Cleveland. Vor 50 Jahren richteten US-Soldaten in einem vietnamesischen Dorf ein Blutbad an. Kriegsfotograf Ron Haeberle war damals dabei. Er schildert seine Erinnerungen, die ihn bis heute verfolgen. Von Frank Herrmann

Es war ein schöner Tag, sagt Ron Haeberle. Blauer Himmel, das satte Grün der Reisfelder, ein Postkartenidyll. Schwül, ja, drückend schwül war es auch. Aber das sei ja in Vietnam nie anders gewesen. Als die Hubschrauber der US-Armee am Morgen des 16. März 1968 My Lai erreichen, ein kleines Dorf gut 500 Kilometer nordöstlich von Saigon. Die Sonne geht gerade auf. Soldaten der Charlie Company fliegen ein, um Rebellen des Vietcong aufzuspüren. Nach Informationen der Army haben sich bewaffnete Einheiten der südvietnamesischen Kommunisten in My Lai verschanzt. Sergeant Haeberle, ein Militärfotograf, soll dokumentieren, wie die GIs die Guerilla in die Knie zwingen. Er soll, sagt er 50 Jahre später, ihren Heldenmut verewigen. Die Bilder, die er drei Stunden später auf seinem Film hat, zeigen das genaue Gegenteil. Sie zeigen brennende Hütten, Leichen auf einem Feldweg, darunter Kinder. Sie zeigen eine tote Frau, die in gekrümmter Haltung neben ihrem Strohhut liegt. Teile der Hirnmasse sind aus ihrem Schädel gequollen. Das Foto – Haeberle hat das Negativ in eine Plastikfolie gesteckt – ist so entsetzlich, dass es in Medien nur selten gezeigt wird.


Er sei aus dem Helikopter gesprungen und sofort in Deckung gegangen, erinnert sich Haeberle. Feindalarm! Er habe Schüsse gehört, nur sei ihm bald klar geworden, dass es durchweg die eigenen Leute waren, die schossen, ohne dass jemand das Feuer erwidert hätte. Als er sich dem Dorf nähert, sieht er, wie am Boden liegende Menschen versuchen, sich aufzurappeln – und wie Soldaten erneut auf sie anlegen. Anfangs habe er noch an ein großes Missverständnis geglaubt. Aber bald dämmert Haeberle, dass die Charlie Company, befehligt von Captain Ernest Medina und Leutnant William Calley, ein furchtbares Blutbad anrichtet.

Hütten gehen in Flammen auf, einer der GIs reitet wie von Sinnen auf einem Wasserbüffel und sticht mit seinem Bajonett auf das Tier ein. Der Fotograf sieht, wie ein kleiner Junge, bereits verwundet, hingerichtet wird. Fassungslos schreit er den Soldaten an, aus dessen M16-Gewehr die Kugel kam. „Es war nur ein Wort: Warum? Wir haben uns angestarrt wie vor einem Boxkampf im Ring, Nasenspitze an Nasenspitze. Irgendwann hat er sich umgedreht und ist weitergelaufen“, schildert er die Szene. Haeberle hat weitergearbeitet an diesem Tag, heute spricht er von einem irrealen Zustand, bei dem er funktioniert habe wie ein Roboter, als stehe er neben sich. Hinzu kam ein Gefühl ohnmächtiger Hilflosigkeit. „Ich wusste, hier läuft etwas völlig aus dem Ruder. Aber wäre ich heute noch am Leben, wenn ich versucht hätte, dazwischenzugehen?“

Ron Haeberle sitzt an einem Glastisch in seinem karg möblierten Wohnzimmer und schildert das Geschehene mit einer Präzision, der man anmerkt, dass sich jedes Detail tief in sein Gedächtnis gebrannt hat. Gefühlsausbrüche? Keine. Er ist nüchterner Mensch – auch dann, wenn er nach Gründen für den Blutrausch sucht. „Es war Krieg. Im Krieg passieren solche Sachen. Sie werden immer wieder passieren.“ Medinas Kompanie, blendet er zurück, habe in den Wochen zuvor empfindliche Verluste erlitten. Minenfelder, Sprengfallen, Heckenschützen, die Nerven lagen blank. „Sie waren auf Rache aus. Nur darum ging es, es ging um Revanche.“

Calley habe am hemmungslosesten gemordet, wohl auch weil er seinem Vorgesetzten imponieren wollte, jenem Captain Medina, der ihn immer wieder öffentlich vor versammelter Mannschaft gedemütigt hatte. Zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt, kam er nach einem revidierten Richterspruch und drei Jahren Hausarrest auf freien Fuß. In Columbus, einer Stadt in Georgia, fing er im Juweliergeschäft seines Schwiegervaters an. 2009 ließ er bei einem Auftritt dort erstmals so etwas wie Reue erkennen, ehe er wieder abtauchte. Calley verlange Geld, wenn man ihn treffen wolle, „er würde auch mit mir nur reden, wenn ich ihm zwanzigtausend Dollar zahle“, sagt Haeberle mit Verachtung.



Inzwischen 76 Jahre alt, lebt der Fotograf in einem schmucklosen Vorort von Cleveland. Cremefarbene Einfamilienhäuser, gepflegte Rasenflächen, Mittelschicht. Auf seinem Kaminsims steht ein Gefäß mit der launigen Aufschrift „Ashes for old lovers“, daneben der Dead Line Award, eine klobige Bronzeplastik, die er von der New Yorker Journalistenvereinigung erhielt. „Ich bin nicht stolz darauf, dass ich diese Bilder gemacht habe. Und ich bedauere nicht, was ich getan habe.“ Irgendwann sucht er in seinem  iPad nach einem alten Zeitungsartikel. „US-Truppen umzingeln Rote, töten 128“, steht über dem Bericht (in Wahrheit kamen 504 Dorfbewohner ums Leben). Es war der Ton, der damals die US-Presse beherrschte. Als die Charlie Company nach My Lai beordert wird, soll Haeberle beruhigende Motive liefern. Die Schnappschüsse sollen den Familien daheim vorspielen, dass ihre Ehemänner, Söhne und Brüder in der asiatischen Ferne für eine gerechte Sache kämpfen. Die Guten gegen die Bösen. „Glückwünsche den Offizieren und Mannschaften zum ausgezeichneten Gefecht“, telegrafiert der General William Westmoreland, Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Vietnam, nach dem Einsatz in My Lai.

In dem Dorf wagt nur einer den wehrlosen Zivilisten zu helfen, der Helikopterpilot Hugh Thompson. In der Endphase des Massakers landet er zwischen den Soldaten und den Zivilisten, dann fordert er über Funk Hilfe für die Verletzten an. 13 Vietnamesen werden ausgeflogen. Während der Rettungsaktion halten Thompsons Bordschützen, Glenn Andreotta und Larry Colburn, mit ihren Maschinengewehren die eigenen Leute in Schach. Als Haeberle ins Basislager der Streitkräfte zurückkehrt, muss er seine Dienstkamera abgeben, eine Leica mit Schwarzweißfilm. Ein zweite Kamera, seine eigene Nikon mit Farbfilm, darf er behalten. Er wird gar nicht danach gefragt. Viele in Vietnam hätten eine Kamera dabeigehabt. Und während der drei Stunden in My Lai habe nicht einer wissen wollen, was er da eigentlich fotografiere.

Haeberle bleibt noch zwei Wochen in Vietnam, dann ist der Krieg für ihn vorüber. Er fliegt an die Pazifikküste, nach Seattle, wo er sich bei einem Onkel erholt. Einmal habe er sechs Stunden auf dessen Terrasse gesessen, den Blick auf die Berge und das Meer. Diese sechs Stunden, erzählt er, hätten ihm gereicht, im Kopf „wieder okay“ zu werden. Weder verfiel er später in Depressionen, noch schreckte er nachts aus dem Schlaf. Haeberle ist kein Grübler.

Damals zögerte er, ehe er mit den Bildern des Blutbads an die Öffentlichkeit ging. Obwohl er um ihre Brisanz wusste: „Ich hatte Beweise für ein Kriegsverbrechen, das war mir klar.“ Noch in Vietnam beriet er sich mit Jay Roberts, dem Armeereporter, mit dem er Medinas Kompanie begleitete. „Wir haben uns gesagt, wenn wir jetzt auspacken, sind unsere Kollegen hier ihres Lebens vielleicht nicht mehr sicher. Jemanden hinterrücks zu erschießen und es dem Vietcong in die Schuhe zu schieben, das wäre ein Leichtes gewesen.“ Doch hätte sie jemand gefragt, hätten sie alles erzählt, das war der zweite Teil der Abmachung. „Nur es kam keiner, der fragte. Die Kommandeure haben es ja zu vertuschen versucht, bis ganz nach oben.“ Erst im Sommer 1969 kreuzt ein Army-Ermittler bei ihm auf. Später meldet sich Haeberle beim Plain Dealer, der auflagenstärksten Zeitung Clevelands. Im November 1969 erscheinen seine Fotos erst dort und dann im Life-Magazin. „Es hat der Debatte über den Krieg eine andere Richtung gegeben.“

Zu der Zeit hatte er seine Bilder bereits vor Publikum gezeigt. Kurz nach seiner Rückkehr aus Vietnam begann er Vorträge zu halten, bei den Rotariern und anderen Institutionen der Bürgergesellschaft. Man erwartete Erfolgsgeschichten, und er lieferte sie, ergänzt um optimistische Dias. Sie handelten von US-Ärzten, die vietnamesische Kinder impften, von Entwicklungshilfe. Nur zeigte Haeberle auch den Kontrast, die privaten Aufnahmen. Seinen Zuhörern, erinnert er sich, verschlug es die Sprache.

Mit einem der Kinder auf den Bildern hat Haeberle vor ein paar Jahren Kontakt aufgenommen. Duc Tran Van ist der Sohn jener eingangs beschriebenen Frau, die tot neben ihrem Strohhut liegt. Haeberle hat auch ihn abgelichtet, in dem Moment, in dem sich der Junge am Rande eines Reisfelds vor einem heranknatternden Hubschrauber wegduckt, seine 14 Monate alte Schwester mit seinem Körper schützend. Duc, damals sechs, wächst bei seiner Großmutter auf. 1983 wird er zur Ausbildung in die DDR geschickt. Er kommt nach Cottbus, lernt Deutsch, anschließend besucht er im sächsischen Mittweida eine Berufsschule und arbeitet in einem Textilbetrieb. Nach der Wende zieht er nach Nordrhein-Westfalen, heute lebt er mit seiner Frau und drei Söhnen in Remscheid. Haeberle hat ihm eine Kamera geschenkt – die Nikon, mit der er in My Lai war.