| 21:13 Uhr

ADAC Saarland zu Tempo 80 auf Landstraßen
„Das Tempo zu drosseln, ist der falsche Ansatz“

Wilfried Pukallus vom ADAC Saarland.
Wilfried Pukallus vom ADAC Saarland. FOTO: Ossenbrink/ADAC Saarland
Saarbrücken. Der Verkehrsexperte des ADAC Saarland erklärt, warum die französische Idee zu einfach ist und Überholverbote mehr helfen. Von Frauke Scholl
Frauke Scholl

Der Tempo-80-Vorstoß in Frankreich ist kein Vorbild für Deutschland, findet Wilfried Pukallus, Verkehrsvorstand beim ADAC Saarland.


Herr Pukallus, Frankreich will mit Tempo 80 statt 90 auf Landstraßen „Leben retten“. Auch in Deutschland gibt es Forderungen nach 80 statt 100. Der ADAC ist dagegen. Wollen Sie keine Leben retten?

PUKALLUS Doch, wir fordern auch Maßnahmen, um Verkehrsunfälle auf Landstraßen zu reduzieren. Aber das Tempo rauszunehmen ist der falsche Ansatz. Die meisten, vor allem tödliche Unfälle passieren durch Fahrfehler in unübersichtlichen Situationen, beim Überholen oder in Kurven. Tempo 80 macht die Straßen nicht sicherer, sondern würde ein Überholen sogar noch verlangsamen. Daher sind gut ausgebaute Straßen nötig, wo wechselseitiges Überholen möglich ist. Wo Gefahren bestehen, sind etwa Überholverbote und Warnschilder nötig.



Paris sieht das offenbar anders; ist man dort mutiger als hierzulande, wo jede Tempolimit-Debatte auch an der Auto(fahrer)-Lobby scheitert?

PUKALLUS Aus unserer Sicht ist das nicht mutig, sondern ein vermeintlich einfaches, politisches Konzept, das aber nicht die Lösung bringt. Im Übrigen ist in Deutschland zwar das Tempolimit auf Autobahnen eher eine Lobby-Diskussion, aber für Landstraßen gibt es eine sachliche Debatte. Bei schmalen Landstraßen mit weniger als sechs Metern Breite ohne Mittelstreifen ist auch der ADAC für Tempo 80, wie es auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat fordert. Nur sind wir gegen eine Herabsetzung des bestehenden Limits von 100 km/h auf gut ausgebauten Außerortsstraßen.

Ist Tempo 80 nicht schnell genug?

PUKALLUS Es geht uns nicht um freie Fahrt für Raser, sondern um Maßnahmen, die sinnvoll sind. Und es geht um die Akzeptanz durch Autofahrer. Auf schlechten Landstraßen sollte ohnehin jeder vernünftige Autofahrer angepasst fahren; da ist es sinnvoll, auf Gefahren hinzuweisen, das wird dann auch verstanden. Gut ausgebaute Straßen sind aber für Tempo 100 ausgelegt, was sich etabliert hat. Wenn dort generell gedrosselt wird, ohne ersichtliche Gefahr, sinkt die Akzeptanz und das Verbot wird eher gebrochen. Dann steigt die Gefahr, dass auch 80-Schilder an wirklich gefährlichen Stellen nicht mehr wirken. So wie es beim Tempo 30 ist.

Auch mit Tempo-30-Zonen hat der ADAC ein Problem.

PUKALLUS Nicht punktuell. Nur wird die Vorschriftenlage, die Tempo 30 an sozialen Einrichtungen, Kindergärten etc. vorsieht, sehr breit ausgelegt. Ganze Wohngebiete sind auf Tempo 30 reduziert, sodass eine Gefahrenlage nicht mehr überall zu sehen ist und die Akzeptanz sinkt. Dadurch erreicht man für die Sicherheit nichts. Auf den Durchgangsstraßen müssen weiter 50 Kilometer pro Stunde erlaubt sein – nur dann wird auch Tempo 30 in anderen Straßen akzeptiert.

Was ist also zu tun, damit die Zahl der Verkehrstoten sinkt, die immer noch hoch ist – auch bei uns?

PUKALLUS Ja, sie ist viel zu hoch. Die Sicherheit auf Straßen, wo viele Unfälle passieren, muss verbessert werden. Das geschieht ja auch, im Saarland etwa durch die Unfallkommissionen, an denen auch der ADAC beteiligt ist. Wenn bauliche Verbesserungen nicht machbar sind, gibt es Überholverbote oder Warnhinweise, wie etwa auf der B 41 zwischen Neunkirchen und Ottweiler. Wegen vieler Überholunfälle im Kurvenbereich gilt dort 80, wo früher 100 galt. Das war absolut sinnvoll.

Das Gespräch führte Frauke Scholl