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Das Märchen vom Hauptstadtflughafen

Berlin. Von außen wirkt der noble Berliner Hauptstadt-Airport fast fertig. Innen herrscht weiterhin ein gigantisches Bau-Chaos. Wird es der künftige Flughafenchef, Karsten Mühlenfeld, richten können? Hagen Strauß

Berlin graut vor dem 6. Juni 2015. Dann wird das Finale der Champions League im Olympiastadion ausgetragen. Sollten zwei ausländische Clubs die Partie bestreiten, so jüngst der Leiter der Oberen Luftfahrtbehörde Berlin-Brandenburg, Wolfgang Fried, müssten an einem Tag rund 100 Charterflugzeuge und 30 000 Passagiere zusätzlich am alten DDR-Flughafen Schönefeld abgefertigt werden. Eine Herkulesaufgabe. Dabei könnte doch alles so einfach sein wie im Märchen : Der neue, hoch moderne Hauptstadt-Airport steht direkt nebenan funkelnd im Märkischen Sand. Doch seit gut 1000 Tagen ist dort kein Flugzeug gelandet oder gestartet. Eine schier unendliche Geschichte. Und niemand vermag vorherzusagen, wie sie weitergehen wird.

Rein äußerlich wirkt der edle Flughafen im Schinkel- und Bauhausstil fast fertig. Schaut man innen genau hin, sieht man die geöffneten Decken und Löcher in den Fußböden, den gigantischen Kabelsalat, die zahlreichen Bauzäune, die verpackten Hinweisschilder und Sitzgelegenheiten. Dort, wo die Wartebereiche und Flugsteige sind, ist es absichtlich eng gehalten. Die Passagiere sollen möglichst in die "Markthalle" gehen mit geplanten 130 Cafés und Shops, "amerikanisches Prinzip", wissen Flughafenkenner. Geldausgeben bis zum Abflug. Doch alle Läden stehen leer.

65 000 Mängel wurden einst bei einer Bestandsaufnahme festgestellt. Das war die schlechte Nachricht. Die gute: Wenigstens das Gras zwischen den Betonritzen vor dem Terminal wächst. Putzige Kaninchen huschen über die beiden Startbahnen . Die Natur holt sich allmählich zurück, was einst ihr gehörte.

Im Mai 2012 wurde Berlin in Schockstarre versetzt - seitdem lacht die Welt über den Chaos-Airport. Vier Wochen vor dem Start am 3. Juni desselben Jahres hatte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit die Eröffnung wegen unlösbarer Probleme mit der Entrauchungsanlage abgeblasen. Die ersten Bordkarten waren da schon gedruckt, Zehntausende mussten umbuchen. "Nerven behalten", riet damals Brandenburgs Regierungschef Matthias Platzeck trotzig. Inzwischen sind alle Verantwortlichen in neuen Jobs oder genießen ihren Ruhestand. Nach wie vor durchforstet ein Untersuchungsausschuss die Akten.

Inzwischen sind die beim ersten Spatenstich 2006 veranschlagten Baukosten von 1,7 Milliarden Euro auf 5,5 Milliarden Euro angewachsen - und jeden Tag fließen Hunderttausende Steuergelder in den Unterhalt des Pannenflughafens. Den Kostenanstieg bremsen konnte auch der frühere Bahn- und Air Berlin-Chef Hartmut Mehdorn nicht, der im März 2013 als Retter des Projektes geholt wurde. Nach "gefühlten 20 Jahren", so Mehdorn, einem Beschleunigungsprogramm und einem umfassenden personellen Neuanfang hat auch ihn die Realität eingeholt. Es gibt immer noch kein verlässliches Datum, wann der Willy-Brandt-Airport seinen vollen Betrieb aufnehmen wird - frühestens Ende 2017 heißt es jetzt. Aber wer weiß das schon. Der 72-jährige Mehdorn will nun im Juni aufhören. Der künftige Flughafenchef heißt Karsten Mühlenfeld, er ist ehemaliger Rolls-Royce-Manager. Mal sehen, wie er die Geschichte fortschreibt in den nächsten 1000 Tagen.