| 20:46 Uhr

Affen-Klone in China
Das Kopieren von Menschen rückt näher

Was, wenn begüterte Eltern ihre Kinder intelligent, schön, leistungsfähig und angepasst bestellen können? Sie würden es für ihre Pflicht halten, ihrem Nachwuchs diesen vermeintlich guten Start ins Leben nicht vorzuenthalten.
Was, wenn begüterte Eltern ihre Kinder intelligent, schön, leistungsfähig und angepasst bestellen können? Sie würden es für ihre Pflicht halten, ihrem Nachwuchs diesen vermeintlich guten Start ins Leben nicht vorzuenthalten. FOTO: dpa / Ferdinand Ostrop
Peking/Berlin. Chinesische Forscher haben erfolgreich Affen geklont. Damit schafften sie einen technischen Durchbruch, der zugleich ein Tabu bricht. Von Robert Finn Mayer-Kuckuk

(SZ/epd) In China beherrscht ein gnadenloser Wettbewerb das Leben der Jugend. Nur wer die besten Noten hat und es damit an die beste Uni schafft, kann auf einen begehrten Elite-Job hoffen. Was, wenn begüterte Eltern ihre Kinder intelligent, schön, leistungsfähig und angepasst bestellen können? Sie würden es für ihre Pflicht halten, ihrem Nachwuchs diesen vermeintlich guten Start ins Leben nicht vorzuenthalten. Sobald der Wettlauf um die genetische Aufrüstung losgehe, werde es kein Halten mehr geben, befürchtet der Wissenschaftler Wang Haifeng, der für die Privatfirma Shanghai South Gene Technology arbeitet.


Dieses Szenario ist jetzt ein Stück näher gerückt. Chinesischen Forschern ist es erstmals gelungen, Affen zu klonen. „Die technische Barriere ist durchbrochen“, sagte der Neurowissenschaftler Pu Muming, der das Programm überwacht hat. „Die gleiche Methode lässt sich auf den Menschen anwenden.“ Derzeit gebe es dazu jedoch keine Pläne und keine Veranlassung. Die zwei so entstandenen Affenbabys seien wohlauf. Zhong Zhong und Hua Hua wurden im Dezember geboren.

Die Experimente fanden in den Laboren des Instituts für Neurowissenschaften der staatlichen Chinesischen Akademie für Naturwissenschaften in Shanghai statt. Das offizielle Ziel: Identische Objekte für künftige Tierversuche zu schaffen. Wenn die Affen alle genetisch identisch sind, lassen sich individuelle Unterschiede als Grund für verschiedene Reaktionen ausschließen. Gleichwohl haben die Forscher damit einen technischen Durchbruch geschafft, der zugleich ein Tabu bricht.



Das Klonen von Rindern oder Schafen ist inzwischen bereits Routine; Firmen bieten es kommerziell an. Doch Menschenaffen und Menschen unterscheiden sich trotz aller Ähnlichkeit von diesen anderen Säugetieren. Dazu kommen ethische Bedenken: Experimente an Affen sind in westlichen Ländern, so auch in Deutschland, streng reguliert. China wiederum versucht derzeit mit allen Mitteln, sich einen Vorsprung in der Biotechnik zu verschaffen. Die weitgehende Freiheit von ethischen Standards gilt als großer Vorteil im Wettlauf um konkrete Anwendungen. „Die Hemmschwelle ist sehr niedrig, und kaum jemand denkt in der Aufbruchsstimmung an die Folgen“, sagt Wang.

In den chinesischen Laboren befinden sich Hunderttausende von Äffchen in Gefangenschaft. Die Neuromedizin vermeldet bereits große Erfolge durch die Forschung am nächsten Verwandten des Menschen: Durch Genmanipulation haben die Wissenschaftler in Makaken eine Variante von Autismus ausgelöst, um den Zusammenhang zwischen Erbinformationen und der Verhaltensvariante zu belegen.

Klonaffen wie Zhong Zhong und Hua Hua sollen ähnlichen Anwendungen dienen. Sie sind aus der genetischen Information eines erwachsenen Affen entstanden, die die Forscher in eine ausgehöhlte Eizelle eingesetzt haben. China sieht sich bereits als Vorreiter bei der Nutzung dieser Technik. Die Firma Boyalife in der Hafenstadt Tianjin arbeitet bereits seit zwei Jahren daran, eine „Klonfabrik“ ans Laufen zu bringen. Dort sollen jährlich Zehntausende perfekter Rinder in Massenproduktion entstehen. Boyalife brüstet sich auch, die Technik zum Klonen von Menschen im Prinzip zu beherrschen.

Weltweit hat das erfolgreiche Klonen von Affen für einen Aufschrei unter Wissenschaftsethikern gesorgt. So auch in Deutschland: „Ich halte das für einen moralisch höchst problematischen Eingriff mit Langzeitwirkung“, sagte der evangelische Bischof Martin Hein, der Mitglied im Deutschen Ethikrat ist. Er warnte vor dem Kopieren von Menschen. „Das Klonen ist das Schaffen von Identitäten“, sagte Hein. Das halte er unter moralischen Gesichtspunkten für problematisch. „Die Vorstellung, dass man ein Pa­rallel-Lebewesen schafft, ist für mich erschreckend.“

Auch der Ethikratsvorsitzende Peter Dabrock warnte vor dem Menschen-Klon als nächsten Schritt: „Wer A sagt, muss noch lange nicht B sagen“. Es stellten sich „massive ethische Rückfragen“.