| 20:15 Uhr

Das Geheimnis der Kartoffelchips oder: Was die EU für die Bürger tut

Zu einem gemütlichen Abend gehören sie untrennbar dazu: Kartoffelchips. 72 000 Tonnen verfuttern die Bundesbürger pro Jahr. Und kein Mensch denkt daran, dass neben Kartoffeln und Salz auch jede Menge Europa in den Tüten steckt. Das beginnt schon bei der Verpackung Von SZ-Korrespondent Detlef Drewes

Zu einem gemütlichen Abend gehören sie untrennbar dazu: Kartoffelchips. 72 000 Tonnen verfuttern die Bundesbürger pro Jahr. Und kein Mensch denkt daran, dass neben Kartoffeln und Salz auch jede Menge Europa in den Tüten steckt. Das beginnt schon bei der Verpackung. "Light" liest man immer häufiger, ein Begriff, den die europäischen Institutionen erst in dieser Legislaturperiode genauer gefasst haben. "Leicht" heißt nämlich gar nichts, solange es nicht näher beschrieben wird. "Fettreduziert" bedeutet beispielsweise, dass der Fettgehalt um 40 Prozent reduziert wurde. "Kalorienarme" Lebensmittel dürfen maximal 50 Kilokalorien pro 100 Gramm enthalten. 2007 beschloss das Europäische Parlament eine entsprechende Richtlinie, die zuvor die Kommission angestoßen hatte. Dort beginnt nämlich der Weg jeden europäischen Gesetzes. Auslöser waren damals Studien über wachsende Schwierigkeiten mit Fettsucht und Übergewicht. Um das zu bekämpfen, legte die Kommission eine Richtlinie vor. Üblicherweise werden dann zunächst einmal Fachleute angehört, die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit EFSA in Parma/Italien befragt, ehe der Vorschlag dem Ministerrat - also den Fachministern der Mitgliedstaaten - übermittelt wird. Dann schaltet sich das Parlament ein, das jeden Vorschlag in zwei Lesungen berät. Kann man sich nicht einigen, beginnt ein Vermittlungsverfahren, bei dem Vertreter von Kommission, Ministerrat und Parlament nach einem Kompromiss suchen. Findet der eine Mehrheit im Straßburger Plenum, wandert die Richtlinie zu den nationalen Parlamenten, die die Umsetzung für das eigene Land verabschieden müssen. Nun enthalten Chips keineswegs nur Kartoffeln und Salz, sondern vor allem Geschmacksverstärker wie E621, E635 und E621, besser bekannt als "Glutamat". Der Verbraucher soll natürlich wissen, was er da bekommt. Deshalb verlängerte das Europäische Parlament die Lebensmittelkennzeichnung. Alle Zusatzstoffe müssen aufgeführt sein, künftig wird es sogar Nährwertprofile geben, so dass der Kunde schon beim Kauf erfährt, wie viel Bestandteile von welchen Zusätzen er zu sich nimmt. "Transparenz" ist alles, begründet man in Brüssel diese Richtlinie. Völlig neu ist eine weitere Vorschrift, die in Kürze in Kraft treten wird. Um den Verbraucher vor irreführender Werbung zu schützen (zum Beispiel: "Hilft bei der Senkung des Cholesterinspiegels"), dürfen nur noch solche gesundheitsbezogene Aussagen für die Werbung verwendet werden, die wissenschaftlich belegt sind. Schokolade darf deshalb weiter glücklich machen, weil dies keine gesundheitliche Zusage ist, aber wenn ein Bonbon mit Vitaminzusatz beworben wird, darf der Zuckergehalt nicht länger verschwiegen werden. Damit ist der europäische Inhalt einer Chips-Tüte allerdings immer noch nicht vollständig enthüllt. Dazu gehört schließlich noch die Kontrolle der verwendeten Kartoffeln (wer sich auf biologische Anbauweise beruft, muss strengen EU-Kriterien genügen) und sogar die Beschaffenheit der Verpackung, die wiederverwertbar sein muss. Der deutsche "grüne Punkt" ist nicht zuletzt ein Ergebnis der EU-Verpackungsverordnung, die nur ein Ziel hat: dem Abfall möglichst viele Wertstoffe zu entziehen, um Müllberge zu verhindern. Deren Entsorgung übrigens auch europäisch geregelt ist - mit einem klaren Bekenntnis zur Müllverbrennung. Nicht einmal nach dem Genuss der salzigen Snacks endet Europas Sorge um den Bürger. In der vergangenen Legislaturperiode wurden Förderprogramme aufgelegt, um Übergewicht zu bekämpfen. Schließlich ist schon heute jeder dritte Jugendliche ungesund dick. Weshalb die Kommission ein Projekt aufgelegt hat, bei dem kostenlos Obst an Schulen verteilt wird. Zusammen mit Ernährungstipps. Einer davon heißt sinnvollerweise: Weniger Chips essen.Falls Sie sich jetzt über die Lebensmittel-Zusatzstoffe gründlich informieren möchten, finden Sie hier eine komplette Liste mit Erklärungen: http://www.vis.bayern.de/ernaehrung/fachinformationen/verbraucherschutz/kennzeichnung/zusatzstoffeßliste.htm In der Kommission beginnt der Weg jeden europäischen Gesetzes.