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Das Doppelleben des Waffennarren Karl-Heinz Kurras

Berlin. Karl-Heinz Kurras (Foto: dpa) war ein strebsamer West-Berliner Kriminalpolizist - aber mit der SED-Mitgliedsnummer 2002373 und darum auch bei den Ost-Berliner Genossen hoch angesehen. Eines jener deutschen Doppelleben, wie es sie in der Zeit des Kalten Krieges immer wieder gegeben hat. Wer war und ist dieser heute 81-Jährige, der am 2 Von dpa-Mitarbeiter Wilfried Mommert

Berlin. Karl-Heinz Kurras (Foto: dpa) war ein strebsamer West-Berliner Kriminalpolizist - aber mit der SED-Mitgliedsnummer 2002373 und darum auch bei den Ost-Berliner Genossen hoch angesehen. Eines jener deutschen Doppelleben, wie es sie in der Zeit des Kalten Krieges immer wieder gegeben hat. Wer war und ist dieser heute 81-Jährige, der am 2. Juni 1967 vor der Deutschen Oper in Berlin den Studenten Benno Ohnesorg erschoss und nach eigenen Angaben heute unter Gedächtnisverlust leidet?



"Der Roman dieser autoritätsfixierten deutschen Vita muss noch geschrieben werden", sagte der Schriftsteller und Ohnesorg-Freund Uwe Timm nach Bekanntwerden der SED-Mitgliedschaft und Stasi-Zugehörigkeit Kurras'. Für seinen Schriftsteller-Kollegen Peter Schneider ("Der Mauerspringer") war Kurras schlechthin "die Symbolgestalt des West-Berliner Polizeiterrors" (mit SED-Parteibuch), wie er im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" schreibt.

Aus den jetzt aufgetauchten Stasi-Akten der Birthler-Behörde und anderen Aussagen ergibt sich das Bild einer obrigkeitshörigen Persönlichkeit, die penibel auf Sauberkeit achtete und auf Waffen erpicht war. Das mit der "besonderen Neigung zum Schießsport" fiel auch Kurras' Führungsoffizier beim DDR-Ministerium für Staatssicherheit auf. "Den überwiegenden Teil seiner Freizeit verbringt er auf dem Schießstand", monatlich gebe er allein für Munition 300 bis 400 Mark aus, heißt es in den vom Spionageexperten der Birthler-Behörde, Helmut Müller-Enbergs, publizierten Stasi-Akten, die in dieser Woche auch in der Zeitschrift "Deutschland-Archiv" veröffentlicht werden.

Allerdings schrieb die Stasi Kurras auch "Mut und Kühnheit" zu, "um schwierige Aufgaben zu lösen". Doch genau diese Eigenschaften ließ Kurras in einem entscheidenden Moment vermissen, als er als Angehöriger eines "Greiftrupps" in Zivil der West-Berliner Polizei die "Rädelsführer" der Anti-Schah-Krawalle am 2. Juni 1967 dingfest machen sollte. Mit der brisanten Situation war der Sohn eines Dorfgendarmen aus Ostpreußen denn doch überfordert. Der frühere Berliner Polizeipräsident Klaus Hübner, der es vor allem in den 70er Jahren mit zum Teil gewalttätigen Demonstrationen im Westteil Berlins zu tun hatte, spricht im "Spiegel" von einem "überforderten Polizisten", der im entscheidenden Augenblick "die Hosen voll gehabt" und deshalb einfach geschossen habe. Kurras selbst meinte, es seien "unglückliche Umstände" gewesen, "bei denen ich mich nicht unter Kontrolle halten konnte", wie er später vor Gericht aussagen wird, wo er den Tod Ohnesorgs bedauert.

Wiederum Jahre später aber wird er betonen, dass er sich keiner Schuld bewusst sei, und niemand könne annehmen, dass er einen Mord begangen habe. Er sei auch rechtskräftig vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen worden. Er habe kein schlechtes Gewissen.