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Das "Berliner Problem" war wichtiger als das Grundgesetz

Saarbrücken. Die Saarbrücker Zeitung vom Dienstag, 24. Mai 1949, jene Ausgabe, die der Inkraftsetzung des Grundgesetzes folgte, ist mit einem bunten Themenmix geschmückt. Darin wird der "Neue Abschnitt in der Geschichte Deutschlands" durch die Unterzeichnung der Verfassung sehr wohl gewürdigt

Saarbrücken. Die Saarbrücker Zeitung vom Dienstag, 24. Mai 1949, jene Ausgabe, die der Inkraftsetzung des Grundgesetzes folgte, ist mit einem bunten Themenmix geschmückt. Darin wird der "Neue Abschnitt in der Geschichte Deutschlands" durch die Unterzeichnung der Verfassung sehr wohl gewürdigt. Aber nicht im Aufmacher, dem wichtigsten Beitrag der ersten Seite, sondern in einem untergeordneten Artikel.



Die Titelgeschichte, die sich mit der gerade angelaufenen Außenministerkonferenz der Alliierten in Paris auseinander setzt, ist überschrieben: "Günstige Konferenzstimmung". Dass diese Zusammenkunft der höchsten Diplomaten am Kopf der Titelseite platziert wurde, hatte durchaus Berechtigung. Denn es ging dort, ausweislich der Tagesordnung, um nichts weniger als die "Einheit Deutschlands", das "Berliner Problem" sowie die "Vorbereitung des deutschen Friedensvertrages". Dass auch ein österreichischer Friedensvertrag geprüft werden sollte, spielte eine untergeordnete Rolle.

Auffällig, dass an diesem Tag zwei Fotos auf Seite 1 erschienen, die der katholischen Kirche schmeicheln sollten: Ein Bild zeigte Weihbischof Stein, der zur Firmung im Dekanat Dillingen weilte; ein anderes die Geburtstagsfeier des Apostolischen Visitators, Monsignore Schulien. Dieser Gesandte des Heiligen Stuhls war zur Kontaktpflege mit der Regierung von Ministerpräsident Johannes Hoffmann an die Saar geschickt worden. Hier hoffte man zu jener Zeit noch inständig, eine eigene Diözese zu bekommen und damit beim katholischen Wahlvolk aufgewertet zu werden.

An den vorhergehenden Tagen war die Vorbereitung der Verfassung durch die Parlamentarische Versammlung auf der ersten Seite der Saarbrücker Zeitung sehr wohl beachtet worden. So erschien am 21. Mai ein Artikel am Fuß der Seite 1 mit der Überschrift "Bayern lehnt Grundgesetz ab". Auch in jener Zeit hatte die CSU in der Frontstellung gegen die Bundeshauptstadt, damals Bonn, schon die Finger im Spiel.

Aber worauf es im Frühjahr 1949 im Saarland wirklich ankam, das hatte Hoffmann am 4. April auf der ersten Seite der Saarbrücker Zeitung selber deutlich gemacht. An diesem Tag der Unterzeichnung des Atlantikpakts schrieb der Ministerpräsident in dieser Zeitung, die dem Kurs der Anlehnung an Frankreich verpflichtet war, wie die übrigen Blätter auch: "Großzügigkeit ist eine der stärksten politischen Waffen. Wenn sie mit der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Verständigungsbereitschaft zusammenklingt, kann in kurzer Zeit die europäische, gemeinsame Vertrauensbasis geschaffen werden. Dafür kämpft die Saar. Das saarländische Volk, das sich aus eigenem Willen versöhnend zwischen zwei große Völker stellte, um zur Gemeinsamkeit zu mahnen, glaubt seine Aufgabe richtig erkannt zu haben." Insofern stehe man auf der Seite der Unterzeichner des Atlantikpakts.



Hier wird deutlich, was der Regierungschef, kurz Joho genannt, wirklich verfolgte: einen eigenständigen Kurs in Richtung Europa, der jedoch am 23. Oktober 1955 in einem Referendum über das europäische Saarstatut mit einer Zweidrittel-Mehrheit abgelehnt wurde. gf