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Blut und Panik – in Kiew regiert die Angst

Das Zentrum von Kiew gerät für Dutzende Menschen zur Todesfalle. In der ukrainischen Hauptstadt feuern Unbekannte auf Regierungsgegner wie auf Sicherheitskräfte. Von Andreas Stein und Benedikt von Imhoff (dpa)

Es gibt wohl weit mehr als 60 Tote an diesem blutigen Donnerstag. Verzweifelt versuchen Demonstranten, sich mit Helmen und selbst gebauten Schilden vor den Kugeln zu schützen. Aber oft vergeblich: Immer wieder sinken sie getroffen zu Boden und werden von ihren Mitstreitern hektisch aus dem Schussfeld gezogen. Die Szenen erinnern an einen Bürgerkrieg.

Viele Regierungsgegner seien "mit einer einzigen Kugel" auf dem Unabhängigkeitsplatz Maidan erschossen worden, sagt der freiwillige Arzt Dmitri Kaschin. "Niemand hat zwei oder drei Wunden." Das spräche für Profis, die auf Hunderte Meter genau treffen. Dass die Opposition und Präsident Viktor Janukowitsch erst am Vorabend einen Gewaltverzicht vereinbart haben, erscheint völlig absurd angesichts der Bilder von Blut und Chaos.

Doch wer hinter den tödlichen Schüssen steckt, ist nach wie vor völlig unklar. Beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld. Von bewaffneten "Extremisten" mit Scharfschützengewehren spricht die Präsidialkanzlei. Innenminister Witali Sachartschenko lässt Waffen und scharfe Munition an die Sicherheitskräfte verteilen.

Hingegen ist die Opposition der Meinung, die Schützen seien Mitarbeiter des Geheimdiensts SBU oder bezahlte Provokateure von Regierungsseite. Beobachter argwöhnen, dass es sich sogar um Spezialeinheiten aus dem Nachbarland Russland handeln könnte, die auf alle feuern und damit für Chaos sorgen sollen. Und die Panik greift in der Metropole in der Tat immer mehr um sich.

Wo ist Viktor Janukowitsch? Man bekommt den ukrainischen Präsidenten in diesen Tagen nicht mehr so leicht zu sehen. Nicht einmal, wenn man Außenminister ist und hoch offiziell angekündigt. Am Donnerstag, kurz nach zehn Uhr, musste sich auch Frank-Walter Steinmeier nach einem Kurzbesuch im abgeriegelten Präsidialamt von Kiew wieder ins Auto setzen, ohne dass er Janukowitsch zu Gesicht bekommen hätte. Den Kollegen aus Frankreich und Polen, Laurent Fabius und Radoslaw Sikorski, ging es genauso.

Angeblich hatte der Präsident seinen Amtssitz aus Sicherheitsgründen verlassen - nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass der zentrale Schauplatz der blutigen Unruhen, der Maidan, nur 500 Meter entfernt ist. Das Krisengespräch, zu dem die drei Minister eigens aus Berlin, Warschau und Brüssel angeflogen kamen, sollte anderswo stattfinden. Wo, wusste keiner genau.

Nach einer viertelstündigen Irrfahrt durch die Straßen einer Stadt nahe dem Ausnahmezustand war dann wieder alles anders: Plötzlich wurde Janukowitsch doch noch im Präsidialamt ausfindig gemacht. Also drehten die Kolonnen wieder um. In der Uliza Luteranska, sonst eine stille Wohnstraße, öffnete sich noch einmal die Straßensperre aus Miliz und Truppen des Innenministeriums. Die letzten 150 Meter legten Steinmeier, Sikorski und Fabius zu Fuß zurück.

Dann wurden auch sie erst einmal nicht mehr gesehen. Mehr als vier Stunden dauerte das Gespräch bis in den Nachmittag hinein, ohne dass aus der Unterhaltung etwas nach draußen drang. Nur für einen Anruf von Kanzlerin Angela Merkel bei Janukowitsch wurde die Runde zwischenzeitlich unterbrochen. Was die Europäer erreichen wollen, ist klar: eine politische Lösung, um den jetzt schon drei Monate andauernden Konflikt endlich zu befrieden. Mit der Bildung einer Übergangsregierung unter Beteiligung der Opposition, mit einer Verfassungsreform, die Präsident Janukowitschs Vollmachten erheblich begrenzt, und mit freien Wahlen. Auf ein weiteres Spiel mit Janukowitsch auf Zeit will sich von den Europäern niemand einlassen.