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Bio soll gleich Bio sein

Brüssel. Was ist eigentlich Bio? Die EU-Kommission will einheitliche Standards für die Landwirtschaft einführen, um die Qualität in der Branche zu sichern. Doch den Biobauern geht das zu weit. dr

Unter den Bio-Bauern rumort es. Schon Wochen bevor die EU-Kommission im März ihre neue Verordnung mit harmonisierten Spielregeln für die Branche vorlegen will, macht sich Widerstand breit. Dabei will EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos eigentlich nur die Lücken schließen, die jedem Hersteller von biologischem Obst, Gemüse, Fleisch oder Getreide widerstreben müssten. "Standards, die nicht glaubwürdig sind, können langfristig das Vertrauen der Verbraucher gefährden und zu einem Zusammenbruch des Marktes führen", heißt es in dem Entwurf. Genau das sei zu befürchten, da die bestehenden Regelungen "durch Ausnahmen und unklare Bestimmungen weichgespült worden" seien.

Das belegen auch neuere Untersuchungen. So hatte das deutsche Thünen-Institut erst vor wenigen Wochen festgestellt, dass zwar nur zwei Prozent der hiesigen Bio-Lebensmittel durch überhöhte Pestizid-Belastungen auffielen. In Italien waren es aber 9,6 Prozent, in Ägypten 9,1 Prozent, in Griechenland 8,9 Prozent. In südlichen Staaten, so schreibt das Institut in seiner Bilanz, trage jedes zehnte als "Bio" klassifizierte Lebensmittel dieses Etikett fälschlicherweise. Das trifft auch den deutschen Verbraucher, denn der Markt gibt längst nicht mehr her, was vom Kunden verlangt wird. Die heimische Branche kann den Bedarf nicht befriedigen. Importe müssen her. Genau da setzt Brüssel mit seinen Vorschlägen an.

Weitgehend unumstritten ist die Forderung des Agrarkommissars, den Bauern künftig nicht mehr ein Nebeneinander von biologischer und konventioneller Landwirtschaft zu erlauben. Momentan dürfen Bio-Höfe auch herkömmliches Saatgut oder Jungtiere erwerben und nutzen, wenn das Bio-Angebot ausgeschöpft ist. Die neuen Vorschriften engen den Handlungsspielraum der Landwirte drastisch ein. Wer Vieh hält, soll in spätestens zwei Jahren, wenn die Verordnung in Kraft tritt, mindestens 60 Prozent des Futters selbst anbauen oder in der unmittelbaren Umgebung kaufen. Bisher waren es 50 Prozent.

Der Anteil von Pestiziden darf nach den Vorstellungen der Kommission bald die für Babynahrung vorgeschriebenen Grenzen nicht mehr überschreiten. Selbst dem Bundesverband Naturkosten Naturwaren (BNN) ist das zu ambitioniert: "Kontaminationen können in einer Umwelt, die durch jahrzehntelangen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln belastet wurde, nicht ausgeschlossen werden."

Darüber hinaus werfen die Kritiker der Kommission mehr Bürokratie vor. So soll das EU-Bio-Gütesiegel in Zukunft für jedes Produkt einzeln beantragt werden müssen. Derzeit reicht eine Zertifizierung des Hofes, der das Label dann selbst auf seine Waren aufbringen kann.