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Interview Josef Mischo
„Bei Grippe habe ich keine Bedenken“



Josef Mischo, Präsident der saarländischen Ärztekammer.
Josef Mischo, Präsident der saarländischen Ärztekammer. FOTO: aÑrztekammer des Saarlandes / Susanne Kempf
Saarbrücken. Können sich Patienten künftig den Gang zum Arzt sparen? Der Chef der Saar-Ärztekammer über Vor- und Nachteile der Ferndiagnostik. Von Fatima Abbas
Fatima Abbas

Wann ist eine Diagnose per Online-Chat sinnvoll und wann sollten Ärzte und Patienten lieber darauf verzichten? Der Präsident der saarländischen Ärztekammer klärt auf.


Herr Mischo, vor anderthalb Jahren äußerten Sie sich noch skeptisch zum Thema Telemedizin. Jetzt wollen sich auch die Ärzte im Saarland öffnen. Wie kommt das?

MISCHO Noch ist es zu früh, um klare Aussagen zu treffen. Wir haben auch schon vor anderthalb Jahren gesagt, dass wir Telemedizin nicht grundsätzlich ablehnen. Im Dezember haben wir eine Öffnung beschlossen, Mitte Januar wird die Bundesärztekammer darüber beraten. Der erste Schritt Richtung Telemedizin in Deutschland ist, dass das Berufsrecht geändert wird. Ich gehe davon aus, dass das passiert.



Also führt kein Weg daran vorbei?

MISCHO Die gesellschaftliche Entwicklung geht dahin, dass alles schnelllebiger ist. Wir kaufen im Internet ein, also wird es auch so kommen, dass wir uns künftig online behandeln lassen. Telemedizinische Unterstützung gibt es ohnehin seit vielen Jahren. In der Schweiz ist die Diagnose per Videochat gang und gäbe. In Deutschland ist das bislang verboten. Es geht hierzulande jetzt deshalb vor allem um die Frage, ob ein Patient, der noch nie vorher beim Arzt war, per Videosprechstunde eine Diagnose erhalten kann.

Wann ist das sinnvoll?

MISCHO Die Kontaktaufnahme per Telefon oder Videochat kann eine erste Bestandsaufnahme sein. Zum Beispiel, um herauszufinden, ob es sich um einen Notfall handelt, ob es ausreicht, eine Aspirin-Tablette zu verschreiben, den Patienten zum Hausarzt oder doch in die Klinik zu schicken. Das könnte im besten Fall den ungesteuerten Zutritt in die Notfall-Ambulanzen reduzieren.

Bei welchen Symptomen ist eine Ferndiagnostik in der Regel unproblematisch?

MISCHO Wenn ein einfaches Grippemittel ausgestellt wird, dann habe ich da keine Bedenken. Gleiches gilt für Hautveränderungen, die der Arzt zuordnen kann.

Wann raten Sie von einer Ferndiagnose ab?

MISCHO Im chirurgischen Bereich zum Beispiel. Wenn jemand über Bauchschmerzen klagt, dann muss ich als Arzt auf den Bauch drücken können, um herauszufinden, ob es sich um eine Blinddarmentzündung handelt oder ob eine andere Ursache vorliegt. Grundsätzlich gilt für die Ferndiagnose zweierlei: Einerseits muss der Arzt sich sicher sein, dass er per Videochat eine sichere Diagnose stellen kann und zweitens muss der Patient aufgeklärt werden.

Wie sieht die Aufklärung der Patienten aus?

MISCHO Noch haben wir keine genaue Vorstellung davon, wie wir das im Einzelnen organisieren wollen.

Ein Patient trägt also auch Verantwortung dafür, ob er sich auf eine Diagnose per Videochat einlässt?

MISCHO Ja, auf jeden Fall.

Ärzte haften auch für Behandlungsfehler per Ferndiagnose. Müssen Mediziner nicht frei sein zu entscheiden, ob sie Telemedizin anbieten oder nicht?

MISCHO Auf jeden Fall. Kein Arzt darf dazu gezwungen werden, Ferndiagnosen anzubieten.

Was ist, wenn ein Patient dem Arzt ein Foto vom Arm seiner kranken Mutter schickt und behauptet, es sei von ihm? Müssen sich Ärzte, die Telemedizin anbieten, nicht auch gegen Missbrauch wappnen?

MISCHO Die Daten müssen glaubwürdig sein. Ein Video-Chat ist beispielsweise zuverlässiger als ein Foto.

Wo und wie kommt Telemedizin im Saarland schon zum Einsatz?

MISCHO Im Saarland gibt es Beratungsangebote wie den Telefondoktor. In der Radiologie ist es schon seit Jahren so, dass bei Notfallpatienten Bilder von CT-Untersuchungen an Experten von außerhalb weitergeleitet werden. Diese beurteilen die Daten und teilen dem Krankenhaus ihre Diagnose mit. Auf dem Land machen nicht-ärztliche Mitarbeiter, beispielsweise Arzthelfer mit Spezialausbildung, Hausbesuche und leiten die Ergebnisse dann telefonisch an den Arzt weiter.

Kann Telemedizin auch gegen Ärztemangel auf dem Land helfen?

MISCHO Eine Online-Sprechstunde kann Entlastung bringen, aber sie fängt nicht den Ärztemangel auf. Die Ärzte gewinnen ja keine Zeit.

DAS INTERVIEW FÜHRTE FATIMA ABBAS.